20 Oktober, 2009

Agenda 2010

Filme entstehen in Schüben, scheint es, jedenfalls haben viele der Kollegen, die ich besonders schätze, (endlich) wieder einen Film gemacht. Zum Beispiel:


Thomas Arslan: IM SCHATTEN (in Postproduktion)


Dominik Graf: IM ANGESICHT DES VERBRECHENS (in Postproduktion)


Jessica Hausner: LOURDES (hatte in Venedig Premiere)


Benjamin Heisenberg: DER RÄUBER (fertiggestellt)


Romuald Karmakar: VILLALOBOS (hatte in Venedig Premiere)


Pia Marais: IM ALTER VON ELLEN (in Postproduktion)


Angela Schanelec: ORLY, POEM 1-4 (in Postproduktion)


Isabelle Stever: GLÜCKLICHE FÜGUNG (in Postproduktion)

Kanonischer Gefangener

Heroinsucht, habe ich mir sagen lassen, sei die Jagd nach dem Erlebnis des ersten Mals. Kinogänger kennen das Gefühl. Zwar gibt es durchaus neue Erlebnisse mit Filmen, die man schon einmal gesehen hat, aber oft genug können sie mit dem ersten Eindruck nicht konkurrieren. Ich jedenfalls habe Scheu, Filme wieder zu sehen, die mich besonders beeindruckt haben. Ich möchte meine Erinnerung nicht mit einem schwachen Echo überschreiben - oder sie der Analyse ausliefern. Das macht meine DVD-Sammlung so paradox. Einerseits möchte ich nur Filme zu Hause haben, von denen ich wirklich überzeugt bin. Andererseits möchte ich sie mir gar nicht ansehen, weil ich sie in guter Erinnerung habe. Und so fühle ich mich manchmal wie ein kanonischer Gefangener... Ein lächerlicher Zustand.

13 Oktober, 2009

Im Schneideraum



Robert Hunger-Bühler und Nicolette Krebitz in meinem neuen Film UNTER DIR DIE STADT (2010).


Regisseure müssen oft darüber sprechen, was sie machen, vorhaben, erreichen wollen, und mit den Jahren legt man sich dafür ein Handwerkszeug zurecht, eine Erzählung, die Türen öffnet, weil sie Fantasien auslöst bei den Ermöglichern, den Mitarbeitern und natürlich auch in einem selbst.

Diese mehr oder weniger schillernden Prospekte haben selten wirklich damit zu tun, was die Filme am Ende ausmacht; schon weil wir selber nicht wissen, was unter einem Plot, einem Motiv, einer Figur brennt, weil wir die Bedingungen nicht kennen, unter denen der Film letztlich entstehen wird, aber natürlich auch, weil wir im Gegenüber etwas zum Leuchten bringen müssen, was dort schon angelegt ist.

Wir sind also falsche Propheten, Scharlatane (um dieses schöne Wort am Leben zu erhalten), und wir müssen es sein, denn nichts ist tödlicher für das Unternehmen Film als Zuverlässigkeit.

Mein neuer Film UNTER DIR DIE STADT befindet sich zur Zeit im Schneideraum, ein Ort, der die Illusionen, die diesen Film möglich gemacht haben, kühl hinterfragt, ein Ort auch, in dem sich Wirkungen beweisen müssen, auf die man zuvor nur gehofft hat.

Ich mag die Arbeit am Schnitt, weil sie weniger logistisch ist als das Drehen, endlich kann man über das Material verfügen. Befreiend, dass das teuer erkaufte Bild nicht schwerer wiegt, als das unaufwändige oder zufällige, in der zusammengesetzten Erzählung. Aber das Schneiden ist auch quälend, weil man zur Inventur gezwungen wird. „Das ist alles?” fragt man sich mitunter, wundert sich über die eigene Blindheit und plötzlich fallen einem wunderbare Regieanweisungen ein, zu spät.

Szene für Szene gehen wir, Stefan Stabenow und ich, durch den Film, skizzenhaft werden die Einstellungen verknüpft, lose aneinandergehängt, in einem ersten Durchgang. Ich frage mich immer wieder, welchen Film ich eigentlich gemacht habe, welches Bild für das Ganze stehen kann, was der Eindruck sein könnte, den man mitnimmt, nach dem Film, wenn er einmal fertig sein wird.

Das Bild oben, aus dem letzten Drittel des Films: die beiden Liebenden auf dem Boden, aufgerauht, verwundet – das könnte für mein Gefühl zu den Nachbildern gehören, die übrig bleiben. Hoffentlich. Aber wie gesagt: Regisseure sind falsche Propheten. Lassen wir uns überraschen. Ich bin gespannt.

20 Juni, 2009

Heft in Sicht!



Jetzt im Handel: Revolver # 20 mit Beiträgen von/mit Lav Diaz, John Torres, Lucrecia Martel, Walter Murch und dem fsk/Peripher-Kollektiv.

07 Juni, 2009

THE WRONG MAN



Auf meinem „Parallelblog”, genannt Raumsprache, habe ich versucht, einer Szene aus THE WRONG MAN (R: Alfred Hitchcock, USA 1956), die mich schon lange fasziniert, analytisch auf den Leib zu rücken. Besucher sind willkommen.

08 Mai, 2009

MATERIAL im Kino.



In aller Kürze:

Thomas Heises großartiger Dokumentaressay MATERIAL , den ich zu meinem Glück auf der Berlinale gesehen habe, kommt am 14. Mai ins Kino und wird vorab an diesem Montag, den 11. Mai, um 20 Uhr im Prater der Volksbühne zu sehen sein. Ein Muss.

(Im FSK ist der Film am 17.+ 24.5.09, jeweils um 15 h zu sehen.)

10 April, 2009

post mortem

Ich bin gerade dabei, meinen neuen Spielfilm zu besetzen und sehe in diesem Zusammenhang viele Bänder, Zusammenschnitte von Auftritten einzelner Schauspieler.

Das Bild, das dabei im Nebenbei von Deutschland entsteht, wird von der Frage nach dem Alibi dominiert. „Wo waren Sie am ...” fragen die Kommissarinnen und Kommissare in allen erdenklichen Betonungen.

Das Trauma der schon besiegelten Schuld zieht sich durch beinahe alle Fernsehkrimis, der Modus ist immer post mortem, man kann das Verbrechen nur mehr ermitteln, vielleicht verstehen, aber nicht mehr abwenden.

Ein Toter beginnt den Film und viele leblose Figuren später wird der Täter aufgeräumt, während die Ermittler unberührt bleiben, womöglich beschützt von der Gnade der späten Geburt.

Das Genre braucht die Resonanz im kollektiven Unbewussten, um in der Wiederholung wirksam zu werden, insofern ist der deutsche Fernsehkrimi Nutzniesser der Leichen im Keller unserer Geschichte.

Aber angesichts all der Kommissare und ihrem Gewissensterror sehne ich mich nach Filmen, die sich auf die Seite der Verbrecher schlagen, nach Filmen, in denen die Bösen davon kommen - ohne aufzuhören böse zu sein natürlich.

Wäre das nicht auch die ehrlichere Erzählung über unsere Geschichte?

03 April, 2009

Erhellend:

Georg Seeßlens Zeit-Artikel über den fernseh-industriellen „Filmkomplex” und sein Schaufenster, den Deutschen Filmpreis.

01 April, 2009

Hinweis:


Ein sehenswertes Video-Interview mit dem thailändischen Regisseur Apichatpong Weerasethakul sowie eine kleine Textsammlung zu seinen Filmen von Ekkehard Knörer u.a. bei CARGO - anlässlich der Weerasethakul-Retrospektive im Arsenal, Berlin.

Weerasethkuls zweiter Spielfilm, BLISSFULLY YOURS (Thailand, 2002) ist in der Revolver Edition auf DVD erschienen.

TROPICAL MALADY (Thailand, 2004), mein persönlicher Favorit, bei Salzgeber .

Summa summarum

Plötzlich kam mir der Gedanke, dass alle in der Nazizeit spielenden Filme zusammengenommen womöglich länger dauerten als die 12 Jahre, die Hitlers Regime an der Macht war.

Rein summarisch fiele die Bilanz dieser Filme wohl ziemlich hoffnungsfroh aus: Helden, Retter und Widerständler aller Orten.

Als sei es ein systemimmanenter Zwang, falsche Vorstellungen zu produzieren.

Das Kino will vom Überleben erzählen, zu jedem Preis.

31 März, 2009

Alles Gute...

...zum Beginn der Dreharbeiten! Angela Schanelec dreht zur Zeit den Spielfilm ORLY. POEMS 1-4, der davon handelt, wie sich „acht Menschen im gleichnamigen Flughafen im Angesicht einer Bombendrohung verhalten” (taz). Mit Natacha Régnier, Bruno Todeschini, Josse De Pauw, Emile Berling, Maren Eggert u.a. Ich bin gespannt.



Ein Bild aus Chris Markers LA JETÉE, in dem der Flughafen Orly eine zentrale Rolle spielt.

28 März, 2009

bleak / black



Einer der bittersten Filme über die (rassistischen) Grenzen des amerikanischen Traumes: NOTHING BUT A MAN (USA 1964) von Michael Roemer. Während es in Kent McKenzies THE EXILES (USA 1961) oder Charles Burnetts KILLER OF SHEEP (USA 1977) zumindest Schlupfwinkel der Freiheit gibt, den Rausch als gemeinsame Handlung zum Beispiel, das laisser faire großstädtischer Anonymität, ist der Bewegungsraum hier auf ein depressives Minimum eingeschränkt.

Ich kann nachvollziehen, warum Malcolm X den Film als „favorite” bezeichnet hat - denn obwohl er nie ideologisch wirkt und die Südstaatenprovinz auch nicht dämonisiert, hat das, was er zeigt, mein Gerechtigkeitsempfinden tief verletzt. Es ist seine Glaubwürdigkeit, die unspektakuläre Tonart, die den Film so verstörend macht.

Erzählt wird die Geschichte von Duff (Ivan Dixon), einem Eisenbahnarbeiter, der Josie (Abbey Lincoln), die Tochter eines angepassten Predigers heiratet und sich mit ihr in der provinziellen Enge einer Kleinstadt einrichten muss. Mit seinem gesunden Selbstbewusstsein und der Erfahrung, dass man sich organisieren kann, gilt er bald als trouble maker - und findet keine Anstellung mehr.

Gerade weil es es nie zu einer „definitiven” Eskalation kommt, erlebt man das Klima der Repression als zersetzende Gewalt. Und anders als in engagierten Filmen à la Hollywood wirkt hier die mehr oder weniger glückliche Liebesgeschichte nicht als sentimentale Ablenkung, sondern gibt den Erschütterungen erst ihre Schärfe.

Das seltene Beispiel eines sozialrealistischen Filmes, der nicht über seine guten Absichten stolpert. Großartig.

25 März, 2009

DEUTSCHLAND 09

Jetzt im Kino: der Omnibusfilm DEUTSCHLAND 09, für den ich den Kurzfilm SÉANCE beigesteuert habe.

Ekkehard Knoerer nennt diese Art der Kompilation in seiner skeptischen Berlinale-Kritik ein „gemischtes Vergnügen” und in der Tat ist wahrscheinlich für jeden etwas dabei, worüber er/sie sich ärgern könnte. Die Mischung macht es niemandem recht, steht quer zu allen Lagern, und das sehe ich als Stärke.

Am Ende liefert der Film eben doch mehr als "nur" eine Handvoll gelungener Kurzfilme... nämlich so etwas wie ein Gefühl für Gegenwart.

So oder so, ich hoffe, Sie sehen sich den Film an...



Ein Bild aus Angela Schanelecs Beitrag ERSTER TAG (Kamera: Reinhold Vorschneider).



DEUTSCHLAND 09 - mit Beiträgen von (in alphabetischer Reihenfolge) Fatih Akin, Wolfgang Becker, Sylke Enders, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Nicolette Krebitz, Dani Levy, Angela Schanelec, Hans Steinbichler, Isabelle Stever, Tom Tykwer und Hans Weingartner. ca. 150 Min.

THE WIRE Link

Über THE WIRE ist ja schon allerhand gesagt und geschrieben worden und ich komme mit meiner frischen Begeisterung für diese bahnbrechende Serie reichlich spät...

Was mich so fesselt an diesem Erzählprojekt ist der pragmatische Optimismus, mit dem komplexen Systemen wie Polizeiapparat, Hafenlogistik oder Zeitung analytisch und sinnlich zu Leibe gerückt wird, ohne Erfahrung und Recherche auf dem Altar der üblichen Love-Plot/Work-Plot-Harmonie zu opfern. Und obwohl die Serie offensichtlich einen theoretischen Unterbau besitzt, wirken die Filme nie fremdgesteuert von soziologischen Thesen, sondern im besten Sinne character-driven. Ansehen!

Hier ist ein tolles Interview mit dem Produzenten und Miterfinder der Serie, David Simon. Von Nick Hornby.

(Danke: Dirk Laabs)

22 März, 2009

Neo-Neo Realism?

Lesenswert: A.O. Scott schreibt in der NYTimes über eine neue realistische Tendenz im amerikanischen Independent-Kino.

Passend zum Thema:

Interviews mit Lance Hammer (BALLAST), Ramin Bahrani 1 (CHOP CHOP) und 2 (GOODBYE SOLO), Kelly Reichardt 1 (OLD JOY) und 2 (WENDY AND LUCY), So Yong Kim (TREELESS MOUNTAIN) und Anna Boden & Ryan Fleck (HALF NELSON).

18 März, 2009

Technische Augen



Heimtückischer Helikopter?

Das Fotomagazin Ohio, das seit 1995 im Eigenverlag erscheint, versteht sich als Filtermedium. Die Kölner Künstler Uschi Huber und Jörg Paul Janka selektieren und präsentieren Fotografien „aus den bereits existierenden Bildermassen”, in der Hoffnung, dass die Bilder so „neu und differenzierter gesehen” werden.

Gelegentlich gibt es als Beigabe auch DVDs, die sich hauptsächlich Filmen „ohne Autor” widmen, etwa Web- und LiveCams im Internet (#7), Testvideos der Stiftung Warentest (#9) oder, siehe Bild, Modellversuchen aus wissenschaftlichen Laboratorien (#13).

Ich habe die „Filme” nicht gesehen, aber die Trailer auf der Ohio-Website oszillieren verheissungsvoll zwischen Monotonie und Unbehagen angesichts eines „mitleidlosen” Blicks.

Im Passepartout meiner empathischen Aufladung wird aus diesen Aufzeichnungen, die Messergebnisse liefern sollen (im Falle des Hubschraubers zum Beispiel), etwas Neues, heimatloses. Ich musste an Brehms Tierleben denken, an den Zwang, jedwedes Verhalten menschlich zu deuten.

Brehm über die Paviane:

„Wir finden in ihr vielmehr die häßlichsten, rüdesten, flegelhaftesten und deshalb widerwärtigsten Mitglieder der ganzen Ordnung; wir sehen in ihnen den Affen gleichsam auf der tiefsten Stufe, welche er einnehmen kann.”

Was würde Brehm über unsere Maschinenwelt schreiben?

17 März, 2009

„efficient little ambiguity machines”

Ein guter, streitbarer Text über die Filme der „Berliner Schule”, anlässlich einer Filmreihe in der Cinematheque Ontario. Von Andrew Tracy.

12 März, 2009

Werkstatt...



Heute im FREITAG : ein Interview mit Ulrich Peltzer und mir über unser Filmprojekt UNTER DIR DIE STADT. Von Christian Bartels und Peter Luley.

(Bild: „Cosmetics-Plantage Herr” von Pablo Alonso)

08 März, 2009

(Wieder-) Gesehen [0]

Richard Quine: STRANGERS WHEN WE MEET (USA, 1960) - Kim Novak ist eine Offenbarung. Und Hollywood war selten so erwachsen im Umgang mit Sex wie hier.

Alain Resnais: LA GUERRE EST FINIE (F, 1966) - Eine Montage, in der man denken kann. Ein Blick in die Zukunft des Kinos.

Glauber Rocha: TERRA EM TRANSE (BR, 1967) - Eine barocke Allegorie, ein Filmgedicht über die Rolle des Künstlers im politischen Kampf. Unverschämt leidenschaftlich: Jardel Filho.

Klaus Lemke: PAUL (D, 1974) - Inmitten einer formelhaften Situation (Gangster wird aus dem Knast entlassen und will alte Rechnungen begleichen) das Maximum an lustvoller, wahnsinniger Unberechenbarkeit.


Jeanne Moreau und Alain Delon in MR. KLEIN (F, 1976) von Joseph Losey - Gibt es irgendjemanden heute, der alle Mittel des Kinos so präzise führen könnte? Mir fällt niemand ein.

Ulu Grosbard: STRAIGHT TIME (USA, 1978) - Ein vergessener New Hollywood-Film. Der gelungene Versuch, dokumentarisches Material mit Genreerwartung zu verknüpfen. Unwiderstehlich: wenn Dustin Hoffman zum ersten Mal auf Theresa Russell trifft.

Lucrecia Martel: LA MUJER SIN CABEZA (ARG, 2008) - Vielleicht nicht so sehr ein Film über eine kopflose Frau als ein Film über ihren Kopf: Maria Onetto in der Titelrolle ist atemberaubend - und trägt den Film mühelos. Martel gelingt es hier so elegant wie nie, eine ganze Welt in Andeutungen zu erzählen. Kostprobe: Trailer.



Maria Onetto

04 März, 2009

Aneignung



Die Bilder zeigen die Minhocão-Stadtautobahn in São Paulo, die Sonntags für den Verkehr geschlossen wird und sich dann einen halben Tag lang in eine Art Strand verwandelt; man sonnt sich, läuft oder fährt Fahrrad, fliegende Händler verkaufen Eis und Früchte... die Großstädter eignen sich den sonst feindlichen Raum neu an, bespielen ihn mit einem anderen Zeitmass.

Ich war in der Stadt, um über meine Filme zu sprechen, die im Rahmen der Reihe „Neues unabhängiges Kino aus Deutschland” zu sehen waren - zusammen mit Arbeiten von Petzold, Schanelec, Arslan, Grisebach, Köhler, Speth, Heisenberg und anderen.

Das Publikum war sehr redelustig nach den Filmen. Ich hatte den Eindruck, unser Kino werde - wie die leere Autobahn - sehr freundlich aufgenommen. Die Zuschauer schienen erleichtert, einmal nicht dem hektischen Verkehr ausgeliefert zu sein, befreit.

Ein Mann wollte wissen, ob mein Film FALSCHER BEKENNER die „Gegenseite”, den Hollywoodcode, womöglich bräuchte, um seine Wirkung zu entfalten.

„Vielleicht”, habe ich geantwortet und mich in eine Diskussion über unser dialektisches Wahrnehmen verwickeln lassen. Selten habe ich eine so intensive Auseinandersetzung im Kino erlebt.

Heute fahren wieder die Autos...



(Die Fotos sind von Paulo Miyada, der auf seinem Blog auch eine brasilianische Antwort auf diesen Post geschrieben hat)

20 Februar, 2009

Cannes '09?



In Lars von Triers ANTICHRIST haben die Tiere Namen
(Bild: Website Zentropa).

Seit heute (23.04.09) offiziell: Official Selection Cannes 2009

THE COMPÉTITION :

Opening Film : Peter DOCTER - UP - Out of Comp.- 1h35

***
Pedro ALMODÓVAR - LOS ABRAZOS ROTOS (Broken Embraces) - 2h09

Andrea ARNOLD - FISH TANK - 2h02

Jacques AUDIARD - UN PROPHÈTE - 2h35

Marco BELLOCCHIO - VINCERE - 2h08

Jane CAMPION - BRIGHT STAR - 2h00

Isabel COIXET - MAP OF THE SOUNDS OF TOKYO -1h44

Xavier GIANNOLI - A L’ORIGINE - 2h30

Michael HANEKE - DAS WEISSE BAND (The White Ribbon) - 2h24

Ang LEE - TAKING WOODSTOCK -1h50

Ken LOACH - LOOKING FOR ERIC - 1h59

LOU Ye - CHUN FENG CHEN ZUI DE YE WAN (Spring Fever) - 1h55

Brillante MENDOZA - KINATAY - 1h45

Gaspar NOE - ENTER THE VOID - 2h30

PARK Chan-Wook - BAK-JWI - (Thirst) - 2h13

Alain RESNAIS - LES HERBES FOLLES - 1h36

Elia SULEIMAN - THE TIME THAT REMAINS - 1h45

Quentin TARANTINO - INGLOURIOUS BASTERDS - 2h40

Johnnie TO - VENGEANCE - 1h48

TSAI Ming-liang - VISAGE (face)- 2h18

Lars VON TRIER - ANTICHRIST - 1h44

***
Closing Film : Jan KOUNEN - COCO CHANEL & IGOR STRAVINSKY - Out of Comp. - 2h00

UN CERTAIN REGARD


BONG Joon Ho - MOTHER - 2h10

Alain CAVALIER - IRENE -1h23

Lee DANIELS - PRECIOUS - 1h49

Denis DERCOURT - DEMAIN DES L'AUBE - 1h36

Heitor DHALIA - À DERIVA (Adrift)- 1h43

Bahman GHOBADI - KASI AZ GORBEHAYE IRANI KHABAR NADAREH (Nobody Knows About The Persian Cats)- 1h06

Ciro GUERRA - LOS VIAJES DEL VIENTO (Les Voyages Du Vent) - 1h57

Mia HANSEN-LOVE - LE PÈRE DE MES ENFANTS - 2h00

Hanno HÖFER, Razvan MARCULESCU, Cristian MUNGIU, Constantin POPESCU, Ioana URICARU:
AMINTIRI DIN EPOCA DE AUR (Tales from The Golden Age) - 2h18

Nikolay KHOMERIKI - SKAZKA PRO TEMNOTU (Tale In The Darkness)- 1h12

HIrokazu KORE-EDA - KUKI NINGYO (Air Doll)- 2h05

Yorgos LANTHIMOS - KYNODONTAS (Dogtooth) - 1h34

Pavel LOUNGUINE - TZAR (Le Tsar) - 1h56

Raya MARTIN - INDEPENDENCIA - (Independence) - 1h17

Corneliu PORUMBOIU - POLITIST, ADJECTIV (Policier, Adjectif) - 1h55

Pen-Ek RATANARUANG - NANG MAI (Nymph)- 1h49

João Pedro RODRIGUES - MORRER COMO UM HOMEM (Mourir Comme Un Homme) - 2h13

Haim TABAKMAN - EYES WIDE OPEN - 1er film -1h31

Warwick THORNTON - SAMSON AND DELILAH - 1er film - 1h41

Jean VAN DE VELDE - THE SILENT ARMY - 1h32

OUT OF COMPETITION:

Alejandro AMENABAR - AGORA - 2h08

Terry GILLIAM - THE IMAGINARIUM OF DOCTOR PARNASSUS - (L'imaginarium du Docteur Parnassus) - 2h02

Robert GUÉDIGUIAN - L'ARMÉE DU CRIME - 2h05


MIDNIGHT SREENINGS :

Stéphane AUBIER, Vincent PATAR - A TOWN CALLED PANIC (Panique au village) -1er film - 1h15

Sam RAIMI - DRAG ME TO HELL (Jusqu'en enfer) - 1h39

Marina de VAN - NE TE RETOURNE PAS - 1h50


SPECIAL SCREENINGS:


Anne AGHION - MY NEIGHBOR, MY KILLER (Mon voisin, mon tueur) - 1h20

Adolfo ALIX, JR., Raya MARTIN - MANILA -1h30

Souleymane CISSE - MIN YE - 2h15

Michel GONDRY- L'EPINE DANS LE COEUR - 1h22

Zhao LIANG - PETITION (La Cour des plaignants) - 2h00

Keren YEDAYA - KALAT HAYAM (Jaffa) - 1h50

Hinweis:



DIESE NACHT - NUIT DE CHIEN Werner Schroeter, F/D/P 2008, 118 min

5. März / 20 Uhr: Berlin-Premiere mit Werner Schroeter und den Schauspielern Pascal Greggory, Amira Casar, Nathalie Delon, Bulle Ogier, Pascale Schiller und Lena Schwarz in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Kooperation mit der Akademie der Künste. Anschließend Filmgespräch mit Werner Schroeter und Ralph Eue. (Karten unter 030/2406577 oder ticket@volksbuehne-berlin.de)

KINOSTART am 2. April 2009

Gewürzmischung



Johannes Krisch als „Alex”, Irina Potapenko als „Tamara”.


REVANCHE von Götz Spielmann, formal auf der Höhe der Zeit und vor allem schauspielerisch herausragend, versammelt ein paar ziemlich angestaubte Weisheiten:

In der Stadt werden die Leute „Lumpen” oder arrogant (sagt „der Hausner“, und der Film widerspricht nicht).

Und umgekehrt:

Landluft läutert, besonders beim Holzhacken (beim Holzhacken, beim Holzhacken).

Verbrecher sind brutal, aber fruchtbar.

Und umgekehrt:

Polizisten sind sensibel, aber unfruchtbar.

Und natürlich: Eine Frau spürt so was - darum lässt sie sich vom Verbrecher ein Kind machen.

Ausserdem:

Bei einem Banküberfall geht immer was schief.

Prostituierte wollen gerettet werden.

usw.

Ich frage mich, ob man, auch wenn man seine Dramaturgie so bündig machen möchte wie Spielmann, diese alte Gewürzmischung wirklich braucht...

14 Februar, 2009

MATERIAL




Ich habe nur wenige Filme auf der Berlinale gesehen, aber die Begegnung mit Thomas Heises MATERIAL war, ganz unabhängig von der künstlichen Aufregung, die Festivals gerne produzieren, ein unglaubliches, eindrückliches Erlebnis. Sehr unwahrscheinlich, dass wir dieses Jahr einen besseren Film aus Deutschland zu Gesicht bekommen werden.

Hier der Link zu einem Interview, das Eugenio Renzi von den Cahiers du Cinéma mit Thomas Heise auf der Berlinale geführt hat (die Frau im Bild ist die Filmemacherin und Revolver-Mitherausgeberin Saskia Walker, die das Gespräch gedolmetscht hat).

Hier ein älteres Interview mit Thomas Heise, über die Entstehungsgeschichte von MEIN BRUDER, WE'LL MEET AGAIN.

05 Februar, 2009

Herzliche Einladung:

Revolver Berlinale Party

Sonntag, den 8.02.2009 // ab 22 Uhr
Festsaal Kreuzberg // Skalitzer 130
Direkt am U-Bhf Kottbusser Tor (U1, U8)
Eintritt 3 Euro

Live: WHITE CIRCLE CRIME CLUB (Antwerpen).
Am Teller: DJ JOHNNY NO.
Im Keller: BARA.

04 Februar, 2009

Cargo #1























Aus dem Inhalt:
Thomas Harlan im Gespräch mit Bert Rebhandl und Simon Rothöler,
Ekkehard Knörer am Set von IM ANGESICHT DES VERBRECHENS von Dominik Graf,
Daniel Eschkötter über THE WIRE,
Bert Rebhandl über Tom Tykwer,
Olaf Möller über neue Filme aus Korea,
Diedrich Diederichsen über 35 RHUMS von Claire Denis,
Christian Petzold über das Comic HAWAIIAN GETAWAY von Adrian Tomine.

u.v.a.

30 Januar, 2009

Poster...



Ach ja: Hier eine Art Portrait über mich / meinen Beitrag, von Markus Zinsmaier (Zeit Online).

23 Januar, 2009

Digitale Wunder

Aus einem Artikel des Wall Street Journal über religiöse Nischen im Filmgeschäft:

(...) Joe Eszterhas, screenwriter of "Basic Instinct" and "Showgirls" who was nefariously antireligious until, cancer-stricken, he became a reborn Catholic several years ago.

"I tried to get a project going about [St.] Paul, but there was no interest in it," said Mr. Eszterhas, who bolted Hollywood for exurban Cleveland. "And we live in an era of remakes, but 'Ben Hur' and 'The Ten Commandments' aren't being remade. Imagine the parting of the Red Sea with digital effects!"


Eszterhas mag Christ geworden sein - Sensationalist ist er geblieben...

16 Januar, 2009

Vormerken:

08.02.2009
REVOLVER Berlinale Party, im Festsaal Kreuzberg.


13.02.2009
Premiere von DEUTSCHLAND '09 (an dem ich beteiligt bin), im Wettbewerb, ausser Konkurrenz.

Ein Bild aus meinem Kurzfilm SÉANCE.

Deutlich

Mein Spanisch ist leider miserabel, was jede direkte Ansprache unter Druck setzt. Interessanter Weise verstehe ich aber um so mehr, je beiläufiger die Kommunikation passiert.

Vielleicht, weil der Stress viele Kanäle verstopft, aber auch, weil in der Überartikulation wichtiger mimischer Subtext unter den Tisch fällt.

Könnte diese Regel auch für den Film gelten? Gibt es Überartikulation in der Filmsprache?

Facelifters

Im Flugzeug: Schrecklicher Schmonz im Filmprogramm. Faltige Nebendarsteller müssen dafür herhalten, „Jugend und Schönheit” des gleichalten Maincasts im Kontrast zu bestätigen. Ausserdem sind die Nicht-Operierten wahlweise als dumme / wilde / verrückte Alte immer wieder für einen Lacher gut. Es ist eine Message der Reichen an die Armen: „Unsere Geschichte geht weiter”, sagen sie, „Eure ist nur noch ein Witz”.

Zeitmaschine

Ich habe die Tage zwischen den Jahren mit Familie am Atlantik verbracht. Wir wohnten in einem sehr einfachen Haus, nur zu Fuss erreichbar, ohne fliessendes Wasser, ohne Strom, wenige Meter vom Meer entfernt. Zwar hatte die Schwiegermutter ein Mobiltelefon (Klingelton: Froschgesang), mit dem sich Pferdekarren rufen liessen - fast schon Zauberei -, aber davon abgesehen lebten wir wie unsere Vorfahren um 1800 und wie viele Millionen in allen Teilen der Welt bis heute.

Der stärkste Eindruck: Das Leben ist Verbrauch. Wasser, Wärme, Licht, Wäsche, Lebensmittel - alles muss permanent erneuert, beschafft, verarbeitet werden - und zwar in einer Umwelt, die, wenn nicht feindlich, so doch beschwerlich ist. Die sogenannten Naturgewalten diktieren den Rhythmus und vermitteln das überwältigende Gefühl, Teil eines Kreislaufes zu sein. Als Erkenntnis nicht der Rede wert, aber die Erfahrung macht den Unterschied.

Dass dieser Zusammenhang in der Großstadt weniger Präsenz hat, bedaure ich übrigens nicht. Die Gewissheit, selbst bald Sand zu sein, ist nicht produktiv zu machen - im Gegenteil lähmt die „mittelalterliche” Dunkelheit eher. Die Illusion, Meister des eigenen Schicksals zu sein, lässt sich in der „Zivilisation” (und ohne Schwiegermutter) jedenfalls deutlich besser pflegen.

05 Januar, 2009

Körperchronik



"Jedes Leben gespeicherte Erfahrung, jeder Körper Chronik der Taten, zur Anschauung für uns Andere, die wir auch Beispiel geben." (Aus meinem Notizbuch)

Ich bin zur Zeit in Uruguay, der Heimat meiner Frau, und was mich hier mehr als alles andere begeistert sind die Gesichter und Körper, gezeichnet von einem anderen Leben.

Weil ich selbst nicht gerne fotografiere, oben stellwertretend eines der ikonischen Bilder aus August Sanders Jahrhundertwerk "Menschen des 20. Jahrhunderts".

Die verwickelten Zusammenhänge von innerer und äusserer Verfassung und der "entsprechenden" Ausprägung der Gesichter und Körper hat kein Fotograf je so umfassend und empfindsam studiert wie Sander; er ist ein Meister, auf den ich immer wieder zurückkomme.

Für mich kann Kunst nicht mehr erreichen, als eben das: ein Bild vom Menschen geben...

23 Dezember, 2008

Im Licht der jüngsten Filme

Filme bilden Familien in meinem Kopf. Manchmal trifft man auf ein schwarzes Schaf und plötzlich wird klar, warum die anderen „Kinder” des Regisseurs – die man unter Umständen zuvor bewundert hat – auch nichts taugen. Die Enttäuschung über einen Film kann die ganze Verwandtschaft in Verruf bringen...

Ich weiss, ästhetische Sippenhaft ist nicht unbedingt fair, aber Urteile über Filme sind eben immer kontextuell und ständig in Bewegung – im Licht der jüngsten Filme haben zum Beispiel Bruno Dumont (FLANDRES) und Nuri Bilge Ceylan (THREE MONKEYS) radikal an Glaubwürdigkeit verloren für mich. Auch den umgekehrten Fall gibt es: dass ein „abgeschriebener” Filmemacher plötzlich überzeugt und so seine älteren Filme eine neue Chance bekommen (so ist es mir immer wieder mit Werner Herzog gegangen).

Klar ist, dass diese Neu- und Umbewertungen oft weniger mit der Entwicklung der Regisseure als mit den Gezeiten der eigenen Wahrnehmung zu tun haben. Oder mit dem Zeitgeist. Oder der Begleitung im Kino. Manchmal auch mit einer präzise geschriebenen Kritik. Oder oder. Fast ein Wunder, dass man sich dann doch so oft auf bestimmte Filme einigen kann...

P.S.:
Nach VICKY CHRISTINA BARCELONA fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Woody Allen hat schon immer Telenovelas für die besseren Stände gedreht. Nur weil das Personal aus Intellektuellen besteht und der Erzähler ein bisschen Ironie verteilt, ist der Film noch lange nicht geistreich – geschweige denn tief. Die Komplikationen der Handlung sind Routine, die Figuren Funktionäre durchsichtiger Absichten... Aber waren seine Filme früher wirklich anders? Tja. Genau das meine ich.

P.S.2:
Doch, sie waren anders, finde ich. Wenn es hart auf hart kommt, geht es um Nuancen... Gleich noch einmal MANHATTAN ansehen...

15 Dezember, 2008

Georges Simeon:

"Rechts und links von ihm sass jemand, und überall waren Gesichterketten, die durch den Widerschein von der Leinwand halb aus dem Dunkel gehoben wurden. Es war warm. Eine Frauenstimme sagte mit verstärkter, übermenschlicher Stimme lange Sätze, und manchmal war zwischen den Worten ihr Atem zu hören, als streife er die Tausende von Zuschauern, während auf der Leinwand ein riesenhaftes Gesicht die Lippen bewegte."

Aus: Georges Simeon: Die Verlobung des Monsieur Hire, 1933 (Deutsch von Linde Birk 1978). Diogenes Verlag.

...als Anfang einer kleinen Serie über das Kino aus der Perspektive der Literatur. Beiträge sind willkommen.

11 Dezember, 2008

Kluges Nachrichten...

Hier mein Text zu Kluges NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE, der gestern in Berliner Zeitung erschienen ist.

06 Dezember, 2008

Der Traum von Kontrolle


Weil wir in den Kommentaren gerade darauf gekommen sind. Hier meine HFF-Technikarbeit (2003) zum Thema „Previsualisierung” am Beispiel von Coppolas ONE FROM THE HEART. Vielleicht interessiert es den einen oder anderen.

03 Dezember, 2008

AUSSEN, WÜSTE - TAG

Als Syd Field Anfang der 80er Jahre den Rufer in der Wüste spielte von wegen „Plot Point One: Page Twentyseven”, da konnte man nicht ahnen, dass sich die Ratgeber-Literatur einmal so wuchernd ausbreiten würde. Auch in Deutschland, einem Land, in dem man als Drehbuchautor besonders schlecht verdient, gibt es heute viele Meter Empfehlungsprosa im Regal - aber kaum ein richtiges Drehbuch zu kaufen.

Wer für die Bühne schreibt, hat selbstverständlich Zugriff auf eine große Fülle dramatischer Werke, aber Drehbuchautoren, die die Meister studieren wollen, sind oft genug auf die Filme selbst angewiesen. Und wenn dann doch einmal ein Drehbuch auftaucht, bevorzugt im „Buch zum Film”, stösst man oft auf trügerische Textfassungen, die im Zweifel lieber den Schnitt als das Drehbuch dokumentieren. Der Fan, der die Devotionalie zum Erfolgsfilm kauft, darf nicht verwirrt werden! Aber auch die alten Spektakulum-Bände von Suhrkamp, von Frieda Grafe und Enno Patalas verantwortet, haben die Filme literarisiert, statt Drehbücher zu veröffentlichen. Letztere sind wunderschöne Bände, sprachlich sehr elegant, aber eben weit davon entfernt, die Lücken, Widersprüche und Friktionen zwischen Buch und Film sichtbar zu machen, die zum Alltag des Filmemachens gehören.

Abhilfe schafft zumindest für den amerikanischen Raum das Netz, wenn auch nicht immer mit zuverlässig editierten Fassungen. Allerdings ist die Qualität der Download-Drehbücher sehr gestiegen, seit die Autoren eingesehen haben, dass es besser ist, selbst zu liefern als krude Fassungen zu bekämpfen. Kritische Editionen, wie es sie im Printbereich gelegentlich gibt, sind im Netz jedoch die große Ausnahme (Ich besitze zum Beispiel Ernest Lehmans Drehbuch zu NORTH BY NORTHWEST - aus der „MGM Library of Film Scripts”, Viking Press 1973 - eine ausgesprochen vergnügliche Lektüre mit feinen, aber mitunter vielsagenden Abweichungen zum fertigen Film, die jeweils mit eckigen Klammern gekennzeichnet sind).

Ich komme darauf, weil die Deutsche Filmakademie gestern angekündigt hat, in Zukunft deutsche Drehbücher als E-Books bzw. downloadbare PDFs zu verkaufen, für 9,90 Euro das Stück. Den Anfang machen wenig überraschend Dörries KIRSCHBLÜTEN und Akins AUF DER ANDEREN SEITE. Welche weiteren Titel geplant sind, nach welcher verlegerischer und editorischer Systematik man dabei vorgehen möchte, ist der Pressemitteilung leider nicht zu entnehmen. So oder so, den Vorstoss als solchen begrüsse ich sehr. auch wenn ich geduldiges Papier bevorzugen würde.

Zum (kostenpflichtigen) Download der beiden deutschen Drehbücher geht es hier.

Drei Hollywood-lastige amerikanische Seiten (auf denen sich aber auch der eine oder andere Dörrie-Film findet), allesamt kostenlos: Script-o-rama, Simply Scripts, Movie Scripts Database.

28 November, 2008

Interpassive Cineasten

„Es kommt vor, dass Leute, anstatt selbst fern zu sehen, lieber ihre Videorekorder programmieren, um Filme aufzunehmen. Sie sind schon zufrieden, wenn sie sehen, dass die Aufnahme stattgefunden hat, und sehen sich das Band dann niemals mehr an. Dieses Verhalten, bei dem ein Genuss an ein Gerät, eine Person, ein Tier oder eine Pflanze delegiert wird, bezeichne ich als Interpassivität.”

(...)

„Seit Filme auch in Ausstellungen gezeigt werden, müssen interpassive Menschen nicht mehr unbedingt ihre Freunde ins Kino schicken oder ihre Rekorder programmieren. Es genügt auch, dass sie selbst ins Museum gehen. Das Video, das sie sich nicht ansehen, läuft in voller Länge im Nebenraum, aus dem sie es beim Betrachten anderer Werke derselben Ausstellung ab und zu lärmen hören; der Nebenraum betrachtet es dann an ihrer Stelle.”


...schreibt Robert Pfaller in der neuesten Ausgabe von LIEBLING, einer extrem unhandlichen Lifestyle-meets-Tiefsinn-Zeitung (31 x 47 cm), in der Moritz von Uslar und andere Trendologen beweisen, dass sie älter geworden sind.

In der selben Ausgabe: 24 Bilder aus meinem neuen Kurzfilm SÉANCE (Teil des Episodenprojektes DEUTSCHLAND '09), eine „obsessionelle Befragung” des Autors Clemens Meyer zu Sylvester Stallones RAMBO-Filmen sowie Bekenntnisse eines schlaflosen Helmut Dietl...

21 November, 2008

Hoch-die-informationelle-Solidarität!

Ein Paradoxon steht im Mittelpunkt der Netzkultur: das Versprechen, zugleich sehr persönlich und ganz anonym agieren zu können. Ich habe mich noch nicht daran gewöhnen können, dass viele Leser dieses Blogs zum Beispiel, die sich in Kommentaren äussern, namenlos bleiben wollen.

Umgekehrt vermutet man „hinter” gewissen Seiten oft eine anonyme Macht und ist dann überrascht, wenn man die Macherin / den Macher als Einzelkämpfer kennen lernt. Eine solche Überraschung war es für mich, die Betreiberin der von mir täglich besuchten Filmlinkseite film-zeit.de gestern auf dem Podium zu erleben: Ines Walk. Dass hinter ihrem Projekt, dessen Geschäftsmodell ich nie hinterfragt habe, nicht nur viel Arbeit, sondern auch eine Menge Idealismus steckt, hat mich überrascht. Danke für die Mühe!

Man könnte in diesem Zusammenhang vielleicht von informationeller Solidarität sprechen, die der Netzkultur jenes Quentchen utopischen Glanz gibt, das die ökonomische Misere für den Moment vergessen macht. Auf lange Sicht aber lässt sich die Vielfalt, die wir heute erleben, nicht mit Idealismus allein erhalten. Ich denke, es wird Zeit für ein realpolitisches Erwachen, das die Hardware- und Kommunikationsindustrie (die ihre Geräte und Verträge mehr und mehr wegen „unserer” Inhalte verkaufen) zwingt, einen fairen Anteil ihrer Gewinne an die Urheber zu verteilen.

Das wird nicht ohne Kampf gehen, denn aus Sicht der Industrie ist die Situation natürlich traumhaft: man nimmt Eintritt für die Bühne (die User bezahlen für Computer, Anschluss und Nutzung), aber die Künstler spielen umsonst. Eine Umverteilung würde allerdings einen Bewusstseinsprozess voraussetzen, der die informationelle in eine robustere Form von Solidarität verwandelt, was notwendig auch mit einer Ent-Anonymisierung verbunden wäre.

Was könnte unsere Boston Tea Party sein?

20 November, 2008

Netz der Möglichkeiten

Auf einer Tagung des Verbands der deutschen Filmkritik ging es heute um das „Netz der Möglichkeiten”. Passender Weise habe ich gerade einen kleinen Essay zum gleichen Thema geschrieben, seit heute nachmittag im Netz.

Einer der Redner auf der Veranstaltung war Ekkehard Knörer (Perlentaucher, Jump-Cut, taz), der über den Stand der Dinge in Sachen Netz-Cinephilie gesprochen hat und zugleich eine frohe Botschaft zu verkünden hatte: Seit heute ist das neue Zeitschriftenprojekt CARGO online, an dem neben Knörer auch Bert Rebhandl, Simon Rothöhler und Erik Stein mitstricken.



Ab 5. Februar wird es CARGO dann auch auf Papier geben. Schon lange hat es keinen so ambitionierten Versuch mehr gegeben, ein neues Magazin für Filmkritik in Deutschland zu gründen. Ich freue mich sehr und wünsche gutes Gelingen!

Hier noch ein sehr lesenswerter Beitrag von Volker Pantenburg, der ebenfalls auf der Tagung gesprochen hat.

16 November, 2008

Räuberleiter





Zwei neue Bilder aus dem Schneideraum von Benjamin Heisenbergs DER RÄUBER (2009), der sich langsam dem Drehende nähert (Kamera: Reinhold Vorschneider; © Geyerhalter Film).

Kennengelernt habe ich Benjamin 1997, kurz bevor er anfing, an der HFF in München zu studieren, wo ich ein Jahr zuvor gelandet war. Damals standen ihm die Haare - durchaus wörtlich - besonders dann zu Berge, wenn jemand im Kino auf Genreeffekte setzen wollte. Ich kann deshalb ein Lied davon singen, weil Ben Regieassistent war bei meinem ohne Zweifel gefälligsten Kurzfilm „Fieber”, in dem zwar keine Schießereien, aber dafür ziemlich raffinierte Kamerafahrten vorkommen, die nicht immer seine Gnade fanden.

Dabei war seine Strenge durchaus nicht systematisch, im Gegenteil hatten in seinem Filmuniversum viel gegensätzlichere Filme Platz als bei mir damals. Und so ist es vielleicht doch nicht so erstaunlich, dass ausgerechnet Benjamin, für eine Weile der entschiedenste Verfechter asketischer Positionen in unserer Clique, nach seinem krimi-nahen Debüt SCHLÄFER einen „waschechten” Genrefilm gemacht hat: DER RÄUBER, nach dem gleichnamigen Roman von Martin Prinz. Rein quantitativ machen Überfälle, Verfolgungsjagden und Schußwechsel einen großen Teil der Filmhandlung aus, aber natürlich ist am Ende das 'Wie' entscheidend.

Ich erinnere mich an erhitzte Debatten darüber, in wieweit man die Überwältigungsrethorik à la Tony Scott für unsere Filme fruchtbar machen könnte. Benjamin war der Meinung, dass man dessen visuelle Tricks mit Realismus kontern müsse, um ihnen die notwendige Transparenz zurückzugeben... Ich bin gespannt, ob die Montage mehrerer gegenläufiger Helikopteraufnahmen, die ihn damals bei Scott so faszinierte, in DER RÄUBER „realistisch verwandelt” Verwendung finden wird. Denn ja, es wird Helikopteraufnahmen geben, auch das. Die Bilder oben sind jedenfalls vielversprechend, finde ich... Alles Gute für den Endspurt!

11 November, 2008

Heft in Sicht!



Revolver # 19 enthält Beiträge von / mit Hans Hillmann, Tsai Ming-Liang, Thomas Harlan, Götz Spielmann, Chris Marker, Susanne Lothar, Ulrich Noethen und Saskia Walker.

Zukunft des Körpers

Revolver zeigt sechs kurze Filme zum Thema „Zukunft des Körpers”:

Am Donnerstag, den 20.11.2008 um 21.30 h, in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Im Anschluß wird (auch) das Erscheinen des neuen Hefts gefeiert, und zwar ab 23 h im Roten Salon - mit DJ DIN 3000.

„Ein Bild meiner Großmutter” von Norman Richter, „Verbesserungspotential” von Jose van der Schoot, „cuddle sit by pool” von Rebecca Baron & Douglas Goodwin, „preserving cultural traditions in a period a instability” von Thomas Draschan & Sebastian Brameshuber, „Rosi” von Katrin Eißing, „Erich Lusmann” von Rainer Knepperges.

Produziert von Revolver (Jens Börner, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Franz Müller, Nicolas Wackerbarth) und Eva Weerts, im Auftrag der „Frankfurter Positionen”. 80 Minuten. Digi Beta. Deutschland 2008.



ROSI von Katrin Eißing.

09 November, 2008

You Can Imagine The Opposite

Werbung erzählt oft und gerne Geschichten vom Gegenteil. Wer als Umweltsünder bekannt ist, wird eine „grüne” Kampagne starten, wer unbekannt ist, seinen „Erfolg” verbreiten, wer austauschbar ist, seine „Individualität” betonen. Diese Tendenz ist so zuverlässig geworden, dass ich mir beinahe unwillkürlich das Gegenteil vorstelle, wenn ich Werbung sehe oder lese – ein Spiel, das in Verbindung mit der Lektüre des Wirtschaftsteils erstaunlich oft Sinn macht.



AFTER EFFECT (Regie: Stephan Geene, D 2006)

„Werbung lebt von der Restwärme leergemachter Begriffe.”

21 Oktober, 2008

Cristina Nord:

„...offenbar hat gerade die Naivität etwas Verführerisches in einer Zeit, in der man sich wieder gerne positiv und ohne Scham auf Deutschland bezieht.”

Aus dem sehr lesenswerten Artikel in der TAZ über die Welle deutscher Geschichtsfilme und ihrem „Fetisch Authentizität”.

Nachlesen:
http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F10%2F21%2Fa0090&cHash=5b12958c89

07 Oktober, 2008

38 Fragen zur FFG Novelle

Veranstaltungshinweis:

Öffentliche Anhörung von Sachverständigen zur Novellierung des Filmfördergesetzes.

Die 64. Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien findet statt am
Mittwoch, dem 08.10.2008, 15:00 bis 18:00 Uhr
Sitzungsort: Marie-Elisabeth-Lüders-Haus
Adele-Schreiber-Krieger-Straße 1 / Schiffbauerdamm
Sitzungssaal: 3.101 (Anhörungssaal).

Geladen sind:

Uli Aselmann
stellv. Vorsitzender der Allianz Deutscher Produzenten, Sektionsvorstand Kino, c/o d.i.e.
film.gmbh, München

Joachim A. Birr
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied, Bundesverband Audiovisuelle Medien e.V., Hamburg

Prof. Dr. Oliver Castendyk
Direktor Erich Pommer Institut gGmbH, Potsdam

Matthias von Fintel
Tarifsekretär Medien, ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Bundesvorstand,
Bereichsleitung Medien, Film, Berlin

Dr. Stefan Gärtner
German Free TV Holding GmbH, Unterföhring

Eberhard Junkersdorf
Präsident der FFA Filmförderungsanstalt, Berlin

Dr. Thomas Negele
Vorstandsvorsitzender Hauptverband Deutscher Filmtheater, Berlin

Kirsten Niehuus
Geschäftsführerin Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, Potsdam

Peter Rommel
Geschäftsführer Rommel Film, Berlin

Dr. Detlef Roßmann
Vorstandsvorsitzender Arbeitsgemeinschaft Kino/Gilde dt. Filmkunsttheater e.V., Berlin

Tomy Wigand
Bundesverband Regie, München


Details unter:

http://www.bundestag.de/ausschuesse/a22/tagesordnungen/a22_to64.pdf


(Danke für den Hinweis, Anonym!)

Eierkuchen

„Wir lieben sie alle: die mit kleinem wie großem Budget produzierten Filme.” schreibt Anke Westphal friedensstiftend in einem Artikel der Berliner Zeitung, der meinen Blog-Eintrag „Das Rezept” zitiert - und meint eine alte fruchtlose Debatte wiederzuerkennen: „Geld oder Kunst?”. Ich für meinen Teil begrüße die Debatte, möchte aber um Genauigkeit bitten.

Von „guten alten Totschlagargumenten Volkstümlichkeit und Formalismus” habe ich keinen Gebrauch gemacht. Das Beispiel KRABAT schien mir passend, eben weil ich den Film NICHT kenne. Ich hoffe, er ist hervorragend. Ich liebe das Buch von Preussler. Aber in diesem Fall ging es mir eben nicht um eine ästhetische, sondern um eine filmpolitische Debatte. Genauso gut hätte ich einen anderen Film aus dem 10-Millionen-Club nennen können. Kreuzpaintners Film schien mir passend, weil wir aus einer Generation sind. Nichts weiter.

Ich fordere weder „kleine dreckige Filme” (was mir Frau Brückner unterstellt hat), noch glaube ich, dass ein teurer Film künstlerisch per se zum Scheitern verurteilt ist (was Frau Westphal zu verstehen glaubt). Allerdings bin ich der Meinung, dass wir es uns nicht leisten können und dürfen, entgegen der einzig haltbaren Rechtfertigung öffentlicher Förderung und wider alle wirtschaftliche Vernunft, 'Little Hollywood' zu spielen.

*

Aus einem vier Jahre alten Pamphlet:

Es ist so einfach und doch noch nicht verstanden: Unsere Chance ist der radikale Film. Marktrational ist eben nicht das teure Mittelmass, das heute im Fokus aller Förderpolitik steht, sondern anzubieten, woran Mangel herrscht. Und das ist natürlich der kulturell spezifische Film, der sich vom Hollywoodstandard nicht aus Not und mit Bedauern unterscheidet, sondern der sich unterscheiden will, aggressiv und selbstbewusst. Das heisst aber gerade nicht, sich in eine Nische drängen zu lassen. Wer genau hinsieht, wird bemerken, dass es der Hollywoodfilm ist, der sich allenthalben auf die Füße tritt - so eng ist das Revier - während weite Ebenen des Films brach liegen. Wir können schneller, politischer, zärtlicher, direkter, persönlicher sein als die schwerfällige Maschinerie Hollywoods. Wir haben also einen klaren Wettbewerbsvorteil - den wir nicht ausspielen. Diese Dummheit werden wir uns nicht mehr lange leisten können...

*

Nachlesen:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1007/feuilleton/0036/index.html

01 Oktober, 2008

Werkzeugkiste

In den meisten Filmen spürt man die Führung der Worte in Courier-Schrift Größe 12 - mindestens in den scharfen Kurven des Plots. Wie eine Spurrille verhindert der Text Kollisionen mit der Wirklichkeit einer Drehsituation.

Das andere Extrem ist nicht weniger hässlich: Die Panik zur Improvisation gedrängter Schauspieler, ihnen könnte im nächsten Augenblick der Text ausgehen.

Auch ein Storyboard setzt auf Effekte, die dem Kino nicht entsprechen. Hinzu kommen die Begrenzungen des Zeichners, der sich im Zweifel an Perspektiven halten wird, die er schon gezeichnet hat. Ich spreche aus Erfahrung.

So oder so: Die Medien der Kontrolle sind nicht neutral. Stets bilden sich die Werkzeuge selbst ab.

Ich versuche zum einen, dem Text eine eigene Wahrheit zu geben, die der inszenatorischen Interpretation bedarf. Das Drehbuch verwirklicht sich in seiner Auflösung. Man muss es in den Körpern und Blicken zum Verschwinden bringen - „mit Leben überschreiben”.

Zum anderen arbeite ich in der Zeichnung und auf der Suche nach Orten situativ. Visuelle und sprachliche Planung kommen nicht zur Deckung - sie sind nicht der Film.

Trotzdem ist diese Synthese das Schwierigste. Kommt sie nicht zu Stande, gilt der alte Goethe-Spruch: Ich merke die Absicht und bin verstimmt.

*

Zum Beispiel:

Auszug aus der Regiefassung von FALSCHER BEKENNER (2005). Die Eröffnungsszene in Drehbuch...



...und Storyboard.



Constantin von Jascheroff als Armin: Der Film ist etwas Drittes.



(Das Bild stammt aus der ursprünglichen Eröffnungssequenz, befindet sich aber an einer anderen Stelle im Film.)

20 September, 2008

Himmel ohne Sterne

Es wird so gerne über „deutsche Stars” geschrieben in der letzten Zeit. Manchmal bin ich versucht, mitzusingen in diesem Chor, Stimmung zu machen für die tollen Schauspieler, die es hierzulande gibt. Im poetischen Überschwang kann man sie gerne Sterne nennen, für's Blumige bin ich zu haben. Aber fehlt nicht der Himmel, auf dem sie leuchten könnten? Und wäre das so schrecklich?

Günther Rohrbach, Produzent großer Wegsteine des deutschen Films, schrieb 1983 in seiner Polemik „Die verhängnisvolle Macht der Regisseure”: „Filme, das waren Wünsche, Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen, erlebt und erlebbar gemacht durch Menschen, die größer waren als man selber, schöner, reicher, die das Produkt von Träumen waren. Der klassische Kinostar war entrückt und überhöht, fern aller Wirklichkeit, ein Wesen von unirdischen Glanz, ein Stern am Himmel.” Dass der damals gerade in die Jahre kommende Neue Deutsche Film (kurz vor seiner politischen Demontage) solche „Entrücktheiten” nicht hervorgebracht hatte, bedauert Rohrbach in seinem Text ausführlich - und macht dafür die „verhätschelten” Regisseure verantwortlich.

Aber auch 25 Jahre später gibt es - trotz der Wiedergeburt des Proudzentenkinos - wenig „unirdischen Glanz” im deutschen Kino. Stattdessen sind die „Stars” ganz zutrauliche Leute, die hart daran arbeiten, als bodenständig zu gelten, sich mit „alten Kumpels” brüsten, denen sie angeblich die Treue halten und entsprechende Rollen spielen, nach dem Motto: das nette Mädel / der junge Mann von Nebenan. Ein Missverständnis, finde ich, in zwei Richtungen: Zum einen ist ein „Star” eben nicht zu haben ohne Distanz, Kontrolle, Macht. Welcher Schauspieler in Deutschland hätte die Macht, sein öffentliches Bild präzise zu formen, über viele Filme hinweg, und dieses Bild mit einem „zuverlässigen” Begehren des Publikums zu verbinden? Zum anderen wäre es - Star hin oder her - angebracht, in die sympathische Wohlfühlmelodie ein paar Dissonanzen zu bringen, dem Kino zu Liebe.

Was mir am meisten fehlt im deutschen Film, das ist Gefahr - nicht nur um Leib und Leben, sondern auch Gefahr für den Seelenfrieden, die geistige Gesundheit und die erschlafften Lenden. Das Kino, von dem ich träume, ist aufregend im ursprünglichsten Sinne des Wortes, scharf und genau. Ich will Filme sehen, die meine Wahrnehmung intensivieren, mein Denken verändern, meine Sicherheiten in Frage stellen. Die Stars alter Prägung haben letztlich nur in ihren Vehikeln funktioniert, wo sie ihre Leinwandpersona varieren, sich aber nicht entwickeln durften. Ich sehe lieber Schauspieler, die mich zur Aufmerksamkeit verführen, Menschenkenner, die Widersprüche nicht vertuschen, Grenzgänger, die keine Angst haben, die Gunst der Schwiegermutter zu verlieren... Kurzum: keine netten Nachbarn, keine Stars in Cellophan, sondern lebendige Menschen.

18 September, 2008

Entwarnung!

Die Regisseurin Jutta Brückner hat in der neuen Ausgabe der Zeitung FREITAG eine (vage) Antwort auf meinen Blogeintrag „Das Rezept” geschrieben. Unterzeile: „Warum wir keine andere Filmförderung brauchen.”

Es freut mich natürlich, dass mein kurzer Text die Durchblutung fördert. Die Debatte ist mir willkommen. So richtig verstehe ich nach Lektüre des Artikels aber immer noch nicht, warum es in Ordnung sein soll, dass, Zitat Brückner, „immer mehr Filme gefördert (werden), die auf diesen großen, internationalen Markt zielen und dabei die Infantilität und den Kitsch bedienen müssen, die zwangsläufig mit der Herausbildung eines globalisierten Massengeschmacks verbunden sind.”

Nachlesen: http://www.freitag.de/2008/38/08381302.php



Brückner-Film HITLERKANTATE (D 2005)

P.S.:
Was Frau Brückner - deren unabhängige Meinung ich schätze - in ihrem Artikel unerwähnt lässt: dass sie selbst als BKM- Jurymitglied in der Filmförderung aktiv ist / war --- wie übrigens auch Marco Kreuzpainter.

Romuald Karmakar:

„Bis heute verstellt die Suggestion von Geschichte im Arthouse-Mainstream-Kino den Blick auf unsere Welt.”

Aus einem sehr lesenswerten FAZ-Artikel des Regisseurs über Margarete von Trottas „Die bleierne Zeit”.

http://www.faz.net/s/Rub8A25A66CA9514B9892E0074EDE4E5AFA/Doc~E6026FD988C5B4E4899F82012537D171A~ATpl~Ecommon~Scontent.html

An gleicher Stelle zu lesen: Domik Graf über Fassbinders „Die dritte Generation”, Nicolette Krebitz über Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum”, Tom Tykwer über den Gemeinschaftsfilm „Deutschland im Herbst” und Hans Steinbichler über Hauffs Filme „Messer im Kopf” und „Stammheim”.

12 September, 2008

Joachim Güntner:

„Innerhalb der RAF hiess das Unternehmen, die Stammheimer Gefangenen freizupressen, «Big Raushole». Was der Vorbericht zum Film im «Spiegel» liefert, eine Mischung aus Reportage und Rezension, könnte gut «Big Ranschmeisse» heissen. Der Rezensent zeigt sich als Meister der Einfühlung – in die Schauspieler. Als «Meilenstein für den deutschen Umgang mit der RAF» gilt ihm, und er meint das nicht satirisch, wie die Schauspielerin Nadja Uhl, die «sehr schön lächeln» kann und doch leider die hartgesottene Brigitte Mohnhaupt verkörpern muss, zu ihrer Rolle findet: dass Uhl alle biografische Recherche weglässt und sich darauf konzentriert, «das Töten in ihr Gesicht zu kriegen». Schmierenstücke solcher Art haben wir zuletzt gelesen, als es darum ging, Eichingers Produktion «Der Untergang» als Meisterwerk über Hitlers letzte Tage im Führerbunker zu verkaufen. Hoffentlich ist dieses Mal wenigstens der Film besser als die Publizistik.”

(Aus einem Artikel der NZZ vom 12.09.2008)

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/die_raf__reif_fuer_grosses_kino_1.829626.html

07 September, 2008

Identifikation eines Lesers

Früher war es üblich, dem gelangweilten oder schlaflosen Hotelgast eine Bibel nahezulegen. Heute befindet sich im Nachttisch mitunter ein Kriminalroman, wie zum Beweis, dass unsere Religion Unterhaltung heisst. So oder so, ich habe „The Talented Mr. Ripley” vorgefunden und mit großem Vergnügen ohne Anzuhalten durchgelesen, womit meine Frömmigkeit hoffentlich bewiesen wäre...

Was ich so berückend fand, war das mit spitzen Fingern bereitete Vergnügen der Identifikation. Obwohl uns Highsmith keinen Moment darüber im Zweifel lässt, dass Ripley ein Schwein ist, wollen wir mit ihm „Erfolg” haben - was immer das heissen mag im Kontext seiner kleinen Hölle. Die Einfühlung in diesen verblüffend „normalen” Soziopathen geht parallel zur Identifikation Ripleys mit Dikie, so dass wir gewissermassen eine Spiegelung unserer eigenen Aktivität erleben - und uns selbst verdächtig werden. Nicht zufällig erreichen Ripleys empathische Anstrengungen ihren Höhepunkt, NACHDEM er Dikie umgebracht hat... Einen effektiveren Diskurs über die Einfühlung als „Ausgeburt” unseres Narzismus' kann ich mir kaum denken. Auf diese Weise hat der Roman sehr viel mit dem Kino zu tun, wenn auch reichlich wenig mit seinen Verfilmungen, was sehr für die Autorin spricht, die ich Snob wegen Minghella & Co bisher nie gelesen habe.

04 September, 2008

Musterlösung

Ich fahre gerne S-Bahn. Man sieht die Stadt, den Abriss hier, den Baufortschritt dort, kann eine Station lang oder zwei ein Gesicht studieren, erlebt Sprechweisen, Moden und Milieus, mit denen man privat nicht zu tun hat und während die Bewegung die Welt zum Bild verdichtet, schweifen die Gedanken.

Mehr als einmal allerdings bin ich bei meinen Gedankenflügen am Muster der Sitze hängen geblieben. Für Nicht-Berliner: Im Kampf gegen den Vandalismus in Form „getaggter” Oberflächen hat man sich vor einiger Zeit dazu entschieden, den Innenraum von vorne herein mit Geschmier zu verzieren. Ein grausig buntes Muster wurde nach der Massgabe entworfen, Vandalen den Spaß dabei zu verderben, selber ihre Edding-Kürzel zu hinterlassen.



Das funktioniert recht und schlecht, weil das Prinzip „Fame” kollabiert, wenn sich der „Künstlername” nicht vom Sitzbezug abhebt... stösst mir aber trotzdem übel auf. Nicht nur, dass ich, als Nicht-Vandale, mit der schier unüberbietbaren Hässlichkeit des Musters bestraft werde. Mich irritiert auch das Prinzip, dem Gegner so weit entgegenzukommen - vorauseilend kapitulierend sozusagen. Ist das nicht wie der sprichwörtliche Schuss ins Knie? Lieber verstümmele ich mich, als den Kampf aufzunehmen? Ich weiss, es geht nur um ein Sitzmuster - aber womöglich reicht diese Haltung über die S-Bahn hinaus.

Was wäre, wenn man in dieser Art Filme machte? Von einer „qualifizierten” Minderheit der Zuschauer das Schlimmste erwarten und deshalb vorauseilend und zynisch die ästhetische Niederlage vorwegnehmen - und sich freuen, dass es „funktioniert”. Oh ja, das gibt's. „Privat sehe ich auch gerne solche Filme, aber wir müssen ans Publikum denken.” höre ich oft. Für viele Medienmacher sind die Zuschauer eine feindliche, gesichtslose Masse, die man mit kalkulierten Geschmacklosigkeiten in Schach halten möchte...

Ich empfehle: S-Bahn fahren - und dem Nachbarn ins Gesicht sehen.

11 August, 2008

Lourdes



Jessica Hausner (Bild), Regisseurin von LOVELY RITA und HOTEL, hat einen neuen Film gemacht: LOURDES, eine Dramödie zwischen heilig und profan, mit Sylvie Testud in der Rolle einer an den Rollstuhl Gefesselten, die in Lourdes mit einem Wunder zu kämpfen hat... Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir den Film zu sehen bekommen, aber zumindest scheint er gut im Schneideraum angekommen zu sein. Auf bald!

06 August, 2008

Das Rezept

In welche Richtung geht der deutsche Film? Mir scheint, es gibt eine neue Tendenz zur Fiktion, zum Genrekino und auch - Zitat Oskar Roehler - zum „entertainment value”, übrigens im Rahmen deutlich höherer Budgets. Wie das funktioniert? Oskar Roehler erklärt es uns:

„There is a crystal-clear recipe for success that simply works if you follow it: it's a question of good music, of wether people sing, if there's enough oomph and glamour about the movie.” (Zitat „Zoo Cinema Issue 08”):

Roehler jedenfalls hat das Rezept ausprobiert und man darf gespannt sein, wie „kristallklar” sein neuer Film LULU UND JIMI geworden ist. Erzählt wird (laut Verleihwerbung) „die Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen der Fabrikantentochter Lulu und dem schwarzen Lebenskünstler Jimi im Deutschland der ausklingenden 50er Jahre”.



LULU UND JIMI (Jennifer Decker als Lulu, Ray Fearon als Jimi)

Auch Andreas Dresen, für Verächter der „de Sica aus Gera”, hat einen Schritt Richtung Movieland, oder, um im Bild zu bleiben, in Richtung Fellini gemacht. Sein neuer Film WHISKY MIT WODKA handelt dem Vernehmen nach „von einem berühmten Schauspieler (Hübchen), der wegen seines Alkoholkonsums zum Produktionsrisiko wird und deshalb einen jungen Kollegen zur Seite gestellt bekommt, mit dem zur Sicherheit alle Szenen ein zweites Mal gedreht werden”.



WHISKY MIT WODKA (Flickr-Albumfoto von Ole Werner)

Hans-Christian Schmid hat unterdessen gerade begonnen, seinen lange angekündigten Politthriller zu drehen, Arbeitstitel STURM, der in Thema (Kriegsverbrechertribunal Den Haag), Besetzung (Kerry Fox) und Budget (9 Millionen) ganz klar internationale Ambitionen hat.

Ausserdem demnächst im Angebot: Polit-Action (Uli Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, 20 Mio Euro), Polit-Thriller (Tom Tykwers THE INTERNATIONAL, 30 Mio Euro), Fantasy (Marco Kreuzpaintners KRABAT, 10 Mio Euro), Mystery (Anno Sauls DIE TÜR), Bestseller (Sönke Wortmanns DIE PÄPSTIN, 22 Mio Euro), "Literatur" (Heinrich Breloers DIE BUDDENBROOKS, 15 Mio Euro), Kriegsdrama (Max Färberböcks ANONYMA, 18 Mio Euro), Bergdrama 1 (Phillip Stölzls NORDWAND), Bergdrama 2 (Josef Vilsmeiers NAGA PARBAT, 7 Mio Euro), Bio-Pic 1 (Florian Gallenbergers JOHN RABE, 17 Mio Euro), Bio-Pic 2 (Kai Wessels HILDE, 9,5 Mio Euro) usw.



KRABAT (Christian Redl als Hexenmeister)

Völlig unabhängig von den Qualitäten dieser Filme (die ich nicht kenne) zeichnet sich damit eine Tendenz ab, die Martin Moszkowicz, Vorstand für den Bereich Produktion bei der Constantin Film AG, vor vielleicht zehn Jahren in einem Vortrag an der HFF München als Marschrichtung ausgegeben hatte: weniger, dafür deutlich teurere Filme hatte er sich gewünscht, ein klares Bekenntnis zur Unterhaltung - und den Abschied von Klein- und Kleinstfirmen im Produktionsbereich. 80 % der kleinen Produzenten würden in den nächsten fünf Jahren verschwinden, sagte er damals, und darauf freue er sich.

Ganz so ist es bisher nicht gekommen, und nicht zufällig kommen die interessantesten Filme des deutschen Kinos regelmässig aus eben jenen weggewünschten Kleinbetrieben. Diese Filme allerdings sind oft genug unterfinanziert, während viele der oben genannten Projekte über (für deutsche Verhältnisse) geradezu üppige Budgets verfügten - wovon ein beträchtlicher Teil in die Firmen fliesst, deren (legal) abzweigbare 'Unkosten' ja an das Budget gekoppelt sind. Das wäre alles gut und schön, wenn der Markt so frei wäre, wie die Rethorik Moszkowicz' es nahe legt. Aber da es fast ausschliesslich um öffentliche Mittel geht (und die EU ausdrücklich keine Wirtschaftssubventionen erlaubt) wird der Verteilungskampf zunehmend kulturpolitisch.

Welchen Film sollen / wollen wir uns leisten?

Ich weiss, es ist hässlich und anstössig, Filme mit- und gegeneinander zu verrechnen. Aber da weder Fördervolumen noch Sendermittel steigen, bedroht die Tendenz zum „Großfilm” die Vielfalt. Alle Filme von Christian Petzold zusammengenommen haben zum Beispiel soviel wie ein KRABAT gekostet (10 Millionen). Oder anders ausgedrückt: ein KRABAT hat - mindestens für die betreffende Fördersaison - acht andere Filme verhindert. Auch wenn der Film erfolgreich ist und Geld zurück bringt, hat er die Möglichkeiten der anderen extrem verengt. Was mich daran stört ist vor allem, dass es stillschweigend passiert und nicht eingebettet ist in eine Debatte darüber, welche Filme wir brauchen, sehen wollen, öffentlich fördern sollten.

29 Juli, 2008

Venedig!

Deutsche Antipoden im Wettbewerb in Venedig:
Werner Schroeters DIESE NACHT, Christian Petzolds JERICHOW.


Bei der Arbeit: Werner Schroeter...


... und Christian Petzold (mit Kameramann Hans Fromm und Szenenbildner Kade Gruber)

11 Juli, 2008

HEUTE ABEND!



Revolver feiert heute abend ab 21.30 h im Bootshaus (Bild) und je nach Wetter auch am Spreestrand von Kiki Blofeld, Köpenickerstr. 48 / 49. Vielleicht sehen wir uns?