06 August, 2008

Das Rezept

In welche Richtung geht der deutsche Film? Mir scheint, es gibt eine neue Tendenz zur Fiktion, zum Genrekino und auch - Zitat Oskar Roehler - zum „entertainment value”, übrigens im Rahmen deutlich höherer Budgets. Wie das funktioniert? Oskar Roehler erklärt es uns:

„There is a crystal-clear recipe for success that simply works if you follow it: it's a question of good music, of wether people sing, if there's enough oomph and glamour about the movie.” (Zitat „Zoo Cinema Issue 08”):

Roehler jedenfalls hat das Rezept ausprobiert und man darf gespannt sein, wie „kristallklar” sein neuer Film LULU UND JIMI geworden ist. Erzählt wird (laut Verleihwerbung) „die Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen der Fabrikantentochter Lulu und dem schwarzen Lebenskünstler Jimi im Deutschland der ausklingenden 50er Jahre”.



LULU UND JIMI (Jennifer Decker als Lulu, Ray Fearon als Jimi)

Auch Andreas Dresen, für Verächter der „de Sica aus Gera”, hat einen Schritt Richtung Movieland, oder, um im Bild zu bleiben, in Richtung Fellini gemacht. Sein neuer Film WHISKY MIT WODKA handelt dem Vernehmen nach „von einem berühmten Schauspieler (Hübchen), der wegen seines Alkoholkonsums zum Produktionsrisiko wird und deshalb einen jungen Kollegen zur Seite gestellt bekommt, mit dem zur Sicherheit alle Szenen ein zweites Mal gedreht werden”.



WHISKY MIT WODKA (Flickr-Albumfoto von Ole Werner)

Hans-Christian Schmid hat unterdessen gerade begonnen, seinen lange angekündigten Politthriller zu drehen, Arbeitstitel STURM, der in Thema (Kriegsverbrechertribunal Den Haag), Besetzung (Kerry Fox) und Budget (9 Millionen) ganz klar internationale Ambitionen hat.

Ausserdem demnächst im Angebot: Polit-Action (Uli Edels DER BAADER MEINHOF KOMPLEX, 20 Mio Euro), Polit-Thriller (Tom Tykwers THE INTERNATIONAL, 30 Mio Euro), Fantasy (Marco Kreuzpaintners KRABAT, 10 Mio Euro), Mystery (Anno Sauls DIE TÜR), Bestseller (Sönke Wortmanns DIE PÄPSTIN, 22 Mio Euro), "Literatur" (Heinrich Breloers DIE BUDDENBROOKS, 15 Mio Euro), Kriegsdrama (Max Färberböcks ANONYMA, 18 Mio Euro), Bergdrama 1 (Phillip Stölzls NORDWAND), Bergdrama 2 (Josef Vilsmeiers NAGA PARBAT, 7 Mio Euro), Bio-Pic 1 (Florian Gallenbergers JOHN RABE, 17 Mio Euro), Bio-Pic 2 (Kai Wessels HILDE, 9,5 Mio Euro) usw.



KRABAT (Christian Redl als Hexenmeister)

Völlig unabhängig von den Qualitäten dieser Filme (die ich nicht kenne) zeichnet sich damit eine Tendenz ab, die Martin Moszkowicz, Vorstand für den Bereich Produktion bei der Constantin Film AG, vor vielleicht zehn Jahren in einem Vortrag an der HFF München als Marschrichtung ausgegeben hatte: weniger, dafür deutlich teurere Filme hatte er sich gewünscht, ein klares Bekenntnis zur Unterhaltung - und den Abschied von Klein- und Kleinstfirmen im Produktionsbereich. 80 % der kleinen Produzenten würden in den nächsten fünf Jahren verschwinden, sagte er damals, und darauf freue er sich.

Ganz so ist es bisher nicht gekommen, und nicht zufällig kommen die interessantesten Filme des deutschen Kinos regelmässig aus eben jenen weggewünschten Kleinbetrieben. Diese Filme allerdings sind oft genug unterfinanziert, während viele der oben genannten Projekte über (für deutsche Verhältnisse) geradezu üppige Budgets verfügten - wovon ein beträchtlicher Teil in die Firmen fliesst, deren (legal) abzweigbare 'Unkosten' ja an das Budget gekoppelt sind. Das wäre alles gut und schön, wenn der Markt so frei wäre, wie die Rethorik Moszkowicz' es nahe legt. Aber da es fast ausschliesslich um öffentliche Mittel geht (und die EU ausdrücklich keine Wirtschaftssubventionen erlaubt) wird der Verteilungskampf zunehmend kulturpolitisch.

Welchen Film sollen / wollen wir uns leisten?

Ich weiss, es ist hässlich und anstössig, Filme mit- und gegeneinander zu verrechnen. Aber da weder Fördervolumen noch Sendermittel steigen, bedroht die Tendenz zum „Großfilm” die Vielfalt. Alle Filme von Christian Petzold zusammengenommen haben zum Beispiel soviel wie ein KRABAT gekostet (10 Millionen). Oder anders ausgedrückt: ein KRABAT hat - mindestens für die betreffende Fördersaison - acht andere Filme verhindert. Auch wenn der Film erfolgreich ist und Geld zurück bringt, hat er die Möglichkeiten der anderen extrem verengt. Was mich daran stört ist vor allem, dass es stillschweigend passiert und nicht eingebettet ist in eine Debatte darüber, welche Filme wir brauchen, sehen wollen, öffentlich fördern sollten.

Kommentare:

  1. Liebster

    Beherzige meine Worte: Tom Cruise ist der Beste. Siehe PTA! Du Selbstverwirklicher, Du! Hast Du´s immer noch nicht kapiert? Dann also doch: Gnade Christioph, Gnade!

    ps.: Du bist gut, aber so weit entfernt, wirklich gute Filme zu machen! (Lass es stehen, sei kein Frosch. Es adelt Dich.) Und vergiss Tykwer, diesen Vollidioten, dem bist Du haushoch überlegen (aber das hat nix zu heißen!)

    Innigst
    B.B.

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  2. B.B., wer immer hinter diesem Harnisch schreibt: „besser” „haushoch überlegen” „wirklich gute Filme” --- diese Währung akzeptiere ich nicht. Interessanter wäre es, darüber zu reden, auf welcher Grundlage öffentlich geförderte Kultur stehen soll. Geht es um Simulation oder Erkenntnis?

    C.H.

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  3. poeta alter deus. Oder was sonst? Also geht es meinetwegen um Simulation als Erkenntnis (das scheint Dich ja "wirklich" zu interessieren - ebenso interessant: Erkenntnis als Simulation) Aber selbstverständlich kommen wir nicht darum herum, Wahrheitsaussagen zu machen. Meese zum Beispiel lehrt den Gutfrieds und Wahnfrieds das Fürchten: Sein Werkausstoß ist jedem Geltungsanspruch haushoch überlegen (ganz einfach weil das, was bei absoluter Narrenfreiheit vergegenständlicht worden ist, zwangsläufig evident ist. Es sei ja schließlich was da. Alles ist möglich. Alles! Ganz egal was.) Also sollte man zunächst einmal einen echten Sprung in der Schüssel haben, um glaubhaft zu sein. Wie sonst will man einer öffentlich geförderten Kultur vermitteln, dass es keinen Unterschied gibt zwischen guten und schlechten Filmen, dass dies keine Währung sei. Meine Damen und Herren. Aber heute ist das Geld Spielgeld. Stattdessen gelte die Unterscheidung: erkenntnisreich / erkenntnisarm. Und wie fanden Sie den Film? Also ich muss ja sagen: Sehr erkenntnisreich.

    B.B.

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  4. Natürlich muss man zwischen guten und schlechten Filmen unterscheiden, aber da nichts per se gut oder schlecht ist, kommt es auf den Referenzrahmen an. Ohne Gründe, ohne „Wechselkurs” ist ein Urteil nichts wert (das meinte ich mit: „diese Währung akzeptiere ich nicht”).

    Ich denke, man kann nur rechtfertigen, Kultur öffentlich zu fördern, wenn es eine konkrete Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Gebrauchswert gibt - und es zugleich fraglich ist, dass sich dieser Wert ohne Förderung realisiert (d.h. wenn es den begründeten Verdacht gibt, dass der Markt die notwendige künstlerische Freiheit nicht gewährt). Welcher Gebrauchswert könnte das sein?

    Ich glaube, es geht um eine Kunst als Werkzeug in der „Produktion von Realität” --- je „brauchbarer” das Kunstwerk in einem poetischen Sinn, desto schärfer unser Begriff von Wirklichkeit („Erkenntnis”).

    Wir müssen uns einen Film leisten, der Auskunft gibt über unsere Identität. Insofern bezweifle ich den Sinn einer mehr oder weniger versteckt wirtschafspolitischen Förderpraxis. An seichter Unterhaltungsware herrscht weltweit kein Mangel und auf das Hollywood für Arme --- das meinte ich mit Simulation --- kann ich gerne verzichten.

    Um Missverständnissen vorzubeugen: ein Film, der nicht unterhält, ist in meinen Augen schlecht. Das Begehren (= sehen wollen) ist Grundvoraussetzung für das Kino. Aber das allein kann eben nicht genügen...

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  5. Liebster

    Gut gesagt. (Darf ich das sagen ohne sofort legitimieren zu müssen, was genau?) Dir zu Liebe stelle ich mir folgende Denkaufgabe: Was wäre die Bedingung, um ad hoc und per se folgende Urteile fällen zu können: “Das da ist ein guter Film, und der da schlecht.” In diesem Fall gilt: Ein guter Film ist ein Film, der bei Kritikern und beim Publikum gleichermaßen gut ankommt. Dagegen wäre ein schlechter Film ein Film, der 1. bei Kritikern und beim Publikum gleichermaßen schlecht ankommt oder 2. bei Kritikern gut ankommt aber beim Publikum schlecht oder 3. bei Kritikern schlecht ankommt aber beim Publikum gut. 4. bei Kritikern und Publikum gut ankommt aber bei mir schlecht. Und das erkläre jetzt bitte mal einer Kulturstiftung. Denn der Referenzrahmen oder größtmögliche Kontext jenseits von eigenem Werkrausch und der Vorliebe für kalkulierte Wirkungen ist die Gefährdung des Wonnegefühls, das sich im Aufstellen der Nackenhaare äußert und gern als Beweis herangezogen wird, weshalb Gefühle nicht täuschen können. (Ohne Gefühle können wir nicht denken, aber wer Gefühlen freien Lauf lässt, neigt zur Übertreibung. Oder anders gesagt: Begehrlich machende Selbstvergewisserung führt zu unerklärlichen Denkausfällen - auch der hart gesottenste Zuschauer erfährt wenigstens einen Schluckreflex, sobald di Caprio bibbernd mit der Kälte, der Liebe und dem Tode ringt, anstatt zu überlegen, ob die Eichentür nicht auch beide tragen würde) Dieser Abschürfungseffekt, gegenüber dem bloßen Gefühl aufzubegehren, fühlt sich merkwürdig an. Man fühlt sich regelrecht schlecht. Aber noch weiß ich, mich im Kino zu benehmen. Bis hierhin, und nicht weiter. Zu mehr Empathie bin ich Gott sei Dank nicht fähig. Aber immerhin. Denn ich habe es lieber, Julianne Moore oder John Reilly zu beseelen als wenn sie´s bei mir versuchten. (Tykwers Erzwingungstrategie). Muss man alles über sich ergehen lassen? Bedarf es nicht einer viel größeren Anstrengung (guter Sex bewirkt Muskelkater - jawohl Tomi, frag` Gina Wild), also wenn der Zuschauer bei sich entdeckt, er sei der stärkste Konsument? (Scarlett Johansson wird von Vermeer gemalt, weil sich andere Künstler weigern)

    B.B.

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  6. Angemerkt:

    Fördergelder dürfen nur an jene Klein- und Kleinstbetriebe vergeben werden, sofern sie in der Tradition des Prophetentums beglaubigen können, dass ihr Film ein echter Publikumserfolg wird. Die Chance kann dadurch erhöht werden, wenn sie ferner zusichern, unseren schauspielenden Publikumslieblingen ihre Rollen auf den Leib zu schreiben. Andernfalls sollten sich tatkräftige Regisseure überlegen, zu wem sie ins Bett steigen, damit ihr Vorhaben finanziert werde. Das Abschneiden der eigenen Ohren, um dadurch größere Aufmerksamkeit zu erlangen, ist ausdrücklich erwünscht. Zeigt es doch, wie ernst es einem ist.

    B.B.

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  7. Ich lasse mich ungerne „Liebster” nennen von Unbekannten / Maskierten. Das gehört eben auch zur redlichen Kritik: Sein Gesicht zu zeigen.

    C. H.

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  8. B.B., ich hoffe einmal, Ihre Forderung, dass Klein- und Kleinstproduktionen nur dann Fördergelder erhalten sollen, wenn sie einen späteren Publikumserfolg prophetisch beglaubigen können, war nur ein Scherz oder eine bewusste Provokation. Ein solches neoliberales Denken mag den Beifall von Herrn Moszkowicz finden. Aber jeder, der sich ernsthaft fragt, was für eine Kultur wir in Zukunft haben wollen bzw. was für eine Kultur gefördert worden sollte, kann einer derartigen Idee nur vehement widersprechen.

    Abgesehen davon erscheint mir allerdings auch schon die Frage nach Kriterien, nach denen man Filme in Kategorien wie "gut" oder "schlecht" einordnen kann, als ein Irrweg, zumindest wenn wir über Fördergelder oder Kulturpolitik diskutieren wollen. Nicht ohne Grund sind Feuilletons, Blogs und andere Meinungsforen voll von Kritiken, während man nach fundierten Diskussionen über die Praktiken der deutschen Fördergremien wie auch der deutschen Großproduzenten erst einmal intensiv suchen muss.

    Eine Meinung zu einem einzelnen Film hat jeder. Und letztlich landet jede Kritik - und hier spreche ich als jemand, der selbst Kritiker von Beruf ist - immer bei mehr oder weniger fundierten Meinungen bzw. Geschmacksurteilen. So erscheint mir nichts einfacher - oder sagen wir lieber selbstverständlicher - als eine Argumentation für oder gegen einen bestimmten Film/Filmemacher. Oder um konkret zu werden: Ich persönlich hätte kein Problem, wenn ich nie wieder einen Film von Andreas Dresen, Tom Tykwer, Marco Kreuzpaintner, Anno Saul oder auch Max Färberböck sehen müsste (um nur fünf der o.g. Regisseure anzuführen). Und da ist es auch völlig unerheblich, wer nun in deren Filmen mitspielt. Aber diese privaten Abneigungen sind im Kontext des von Christoph Hochhäusler thematisierten Problemfeld letztlich irrelevant. Hier geht es um grundsätzliche Entscheidungen und Linien, aber nicht um einzelne Produktionen.

    Moszkowicz' Plädoyer für teuere Filme und B.B.s Primat des Publikumserfolgs sind wie schon bemerkt zwei Seiten ein und derselben Medaille; und diese Medaille kann man am besten mit dem Stichwort "Event-Kultur" beschreiben. In der gegenwärtigen Phase werden von Seiten der Politik wie auch der Sponsoren einzelne Großereignisse eindeutig gegenüber einer langfristigen, kontinuierlichen Kulturarbeit bevorzugt. Dies ist ganz offensichtlich, wenn man einmal einen Blick auf Theater, Opernhäuser und Konzertsäle wirft. Aber ähnliche Mechanismen greifen auch im Kino.

    Hollywood hat es uns vorgemacht: Filme müssen sich als Ereignis vermarkten lassen, dann sind ihre Erfolgschancen besonders groß. Deswegen fordert Herr Moszkowicz große Produktionen mit einem hohen Budget. Natürlich erregen Filme wie "Der Untergang" oder "Der Baader Meinhof Komplex" mehr (Medien-)Aufmerksamkeit als die neuen Arbeiten von Rudolf Thome, Angela Schanelec und Ulrike Ottinger. Sie gehen quasi automatisch mit einer sich verselbstständigenden gesellschaftlichen Diskussion einher, die zumindest ein gewisses Interesse breiter Bevölkerungsschichten garantiert.

    (Aber diese aufwendigen Produktionen bringen natürlich auch wieder ihre eigenen Probleme mit sich. Sie müssen eben erst einmal finanziert werden. Was wiederum zu dem im Moment noch relativ neuen, aber äußerst problematischen Phänomen der "Zwitterfilme", wie ich sie hier einmal nennen möchte, führt. Mit "Zwitterfilmen" meine ich die Produktionen, die im Prinzip als Fernseh-Zweiteiler konzipiert, aber zunächst in einer kürzeren Fassung als vermeintliches Großereignis im Kino ausgewertet werden.)

    Es gibt allerdings auch noch andere Strategien der Event-Kultur, Strategien, die nicht alleine an die Höhe eines Budgets geknüpft sind. Da ist zum einen die schon von B.B. erwähnte Strategie, die Rollen eines Films "unseren schauspielernden Publikumslieblingen auf den Leib zu schreiben". Lang lebe das Starsystem! Außerdem helfen natürlich medienwirksame Themen nicht nur Großproduktionen aus dem Hause Constantin, sondern auch kleineren Filmen. Da kann man sich schon auf das Zeitungs- wie das Fernsehfeuilleton verlassen. Und so wird in einigen Wochen Andreas Dresens "Wolke 9" mit Sicherheit als Ereignis verkauft werden, schließlich geht es in ihm um Liebe und Sex im Rentenalter.

    Im Kontext der Event-Kultur haben Kritiker sowieso wieder eine etwas größere Bedeutung als sonst. Denn sie sind es, die aus einem Filmemacher so etwas wie ein eigenes Label machen können. Als Beispiel für diese Strategie kann man in Deutschland Regisseure wie Tom Tykwer und Christian Petzold anführen. Auf der einen Seite wird Petzold wird zwar immer dann ins Feld geführt, wenn wieder einmal von der so genannten "Berliner Schule" die Rede ist. Auf der anderen Seite können sich Petzolds Filme einer weitaus größeren Aufmerksamkeit sicher sein als andere 'kleine Produktionen'. Der Regisseur ist - wenn auch in einem relativen engen Rahmen - zum Ereignisfaktor geworden.

    Trotz meiner persönlichen Vorbehalte gegen die immer mächtiger werdenden Tendenzen hin zur Event-Kultur muss ich natürlich zugeben, dass sie erst dann zu einem wirklichen Problem wird, wenn sie Entscheidungen von Fördergremien beeinflusst. Gefördert wird, was Event-Potential hat - eine solche Entscheidungspolitik wäre nicht nur eine Sackgasse, sondern auch eine echte Gefahr. Schließlich würde sie genauso wie das "Größer, Teuerer, Besser"-Ideal des Herrn Moszkowicz jegliche Form von echter Vielfalt zerstören.

    Und nun noch eine grundsätzliche zur deutschen Förderpolitik. Ich habe persönlich nie verstanden, warum Produktionen wie "Die 7 Zwerge", "Krabat" und die 'Bully'-Filme überhaupt gefördert werden. Und dabei spielt es auch keine Rolle, dass die Fördergelder im Falle des Erfolgs wieder zurückgezahlt werden. So unterschiedlich diese Filme auch sind, eines haben sie doch gemeinsam: Sie alle sind Konsumprodukte, die nach rein marktwirtschaftlichen Überlegungen konzipiert sind. Insofern sollten gerade auch die Fürsprecher und Propheten des freien Marktes Fördergelder für sie ausschließen. Denn sie dienen in diesen Fällen nur der Risikominimierung der jeweiligen Produzenten. Sollte das Erfolgskalkül einmal nicht aufgeben, hat man schon im Vorfeld einen Teil des Verlust auf die Förder-Institutionen abgewälzt. (Nur nebenbei bemerkt: ein ganz anderes Thema sind Steuervergünstigungen für Filmproduktionen, die dann eben auch aus anderen Töpfen finanziert werden.)

    Ich weiß mein Kommentar ist schon viel zu lang geworden. Trotzdem möchte ich noch einen Punkt ansprechen, der aus meiner Sicht sogar der wichtigste überhaupt ist. Produktionsförderung ist mit Blick auf den Erhalt einer möglichst großen Vielfalt von Filmen unerlässlich. Aber wenn wir eine Kultur wollen, in der eben nicht nur die Events ihre Zuschauer finden, dann muss man sich viel stärker als bisher mit den Themen Verleih und Vertrieb beschäftigen.

    Es ist einfach für die Herren Moszkowicz, Rohrbach und Schweiger, gegen kleine Produktionen und so genannte Kunstfilme zu polemisieren und dabei deren geringe Zuschauerzahlen ins Feld zu führen. Natürlich kann "Die innere Sicherheit" zuschauertechnisch nicht mit dem "Baader Meinhof Komplex" konkurrieren, und natürlich wird "Krabat" von viel mehr Menschen gesehen werden als seinerzeit "Milchwald". Aber man sollte sich zugleich fragen, wie viele Menschen in Deutschland überhaupt die Chance hatten, "Milchwald" im Kino zu sehen.

    Im Moment ist es doch so, dass jenseits von Berlin und einigen anderen Metropolen das etwas andere deutsche Kino, das Kino, das Christoph Hochhäusler mit dem Begriff "Erkenntnis" verbindet, kaum noch stattfindet. 2007 sind zumindest meiner Meinung nach überdurchschnittlich viele herausragende/diskussionswürdige (oder was für einen Begriff man hier auch immer verwenden will) deutsche Filme herausgekommen. Ich persönlich hatte mit "Nachmittag", "Das Sichtbare und das Unsichtbare" und "Prater" gleich drei deutsch(sprachig)e Filme in meiner Jahres-Top-Ten. Nur hat meines Wissens nach keiner dieser drei Filme seinen Weg in ein Kino im Ruhrgebiet gefunden. Wenn diese und andere Filme schon in der Region mit der höchsten Bevölkerungsdichte keine Chance mehr haben, dann stimmt doch offensichtlich etwas nicht.

    Letztlich haben wir es hier mit einem typischen Teufelskreis zu tun. Ich kann natürlich verstehen, warum Kinobetreiber sich an Filme wie diese nicht heranwagen. Die Wahrscheinlichkeit eines größeren Zuschauerzuspruchs ist bei ihnen zugegebenermaßen nicht sehr hoch. Zugleich laufen so viele andere Filme an, dass jedes Programmkino von vornherein gezwungen ist, seine Auswahl zu treffen. Doch wenn diese Filme erst gar nicht auf der Leinwand zu sehen sind, wie soll man dann ein Publikum an sie heranführen?

    Sascha Westphal

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  9. was längst gesagt worden ist aber niemand zur Kenntnis nehmen will:

    “Über den Narren zu reden kann nur heißen, über sich selbst zu reden, zumal, wenn man Deutscher ist. Denn es ist ganz unabweisbar, daß wir Deutschen mit Verweis auf Narren sehr viel häufiger argumentieren als etwa Franzosen, Italiener und Engländer. Vor allem argumentieren wir im Verweis auf den Narren mit einer strengen Ernsthaftigkeit, wie es eben geboten ist, wenn man im Narren alle jene Charakteristika versammelt sieht, die man seinen Feinden angedeihen lassen will. ...
    Ich möchte mich hier auf die Erörterung eines generellen Aspekts beschränken, der mir die Rolle und Leistung des Narren zu kennzeichnen scheint - gleichviel, ob wir ihn historisch in seinen verschiedenen Ausprägungen als Hofnarr, Clown, Harlekin, Hanswurst, Kasperl oder noch anders wirken sehen. Schon der Hinweis auf einige der bedeutendsten Narren unserer Geschichte - den Till Eulenspiegel, den Simplex Simplizius, den braven Soldaten Schwejk, den Hauptmann von Köpenick, den Künstler Klaus Staeck, den bärtigen Teufel mit dem deutschesten aller Vornamen Fritz oder den Anonymus Punk - macht das deutlich.
    Dem Vorgehen aller dieser Narren ist eines gemeinsam: Ihr närrisches Treiben beruft sich nicht auf phantastische Gegenwelten, es will uns keine aberwitzigen Besserwissereien aufnötigen, uns nicht zur Verrücktheit verführen; vielmehr erlauben sich diese "Narren", unser alltägliches Tun und Treiben, unsere selbstverständlichen Urteile und Rechtfertigungen ganz ernst zu nehmen. Und das heißt, sie wort-wörtlich zu nehmen.
    Das aber wird ja wohl für die besondere Eigenschaft der Deutschen gehalten, soweit sie Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit als die Erfüllung der Buchstaben verstehen. Bierernst ist die Konsequenz einer für Tugend gehaltenen Wort- und Begriffsgläubigkeit. ...
    Also: Der Narr ist Öl im Getriebe der Welt, daß - so gut geschmiert - außer Kontrolle gerät. Der Narr schlägt den Gegner mit dessen eigenen Waffen. Er weiß nur zu gut, wie die Macht mit jenen umspringt, die sich ihr hinderlich in den Weg stellen, und er weiß, daß Macht vor allem dadurch aus den Angeln gehoben werden kann, daß man die Zustimmung zum Machtanspruch auf die Spitze treibt - ihn totalisiert -, bis er sich gegen sich selbst wenden muß. Denn: Macht vermag der närrischen Maxime nicht zu gehorchen, daß nämlich Übertreibung schade und man die Machtansprüche nicht auf die Spitze treiben dürfe.”

    (aus der Eröffnungsrede Bazon Brocks zur Ausstellung 'Unter der Maske der Narren', am 3. Mai 1981 im Lehmbruck-Museum, Duisburg.)

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  10. Schade, dass der vielgestaltige Aphoristiker B.B. (Bertolt Brecht, Bazon Brock, Brigitte Bardot?) aus Dünkel, Eigensinn oder Frust, zu Klarheit und Konkretion von Modellen und Argumenten sich nicht wirklich bekennen mochte. Dabei ist ein Überfluss an Foren zur politischen Ökonomie des deutschen Films nicht festzustellen und jeder Ansatz dazu seine Anstrengung wert (so sehr auch eine Anstrengung als solches selten elegant erscheint). Überhaupt ist das Thema, wie schon oben angemerkt, merkwürdig abwesend in der breiten Öffentlichkeit. Die Allegorie vom Narren ist mithin an den falschen Adressaten gerichtet; warum nur diese Grabenkämpfe? –
    “Sie wollen mich peitschen lassen, wenn ich die Wahrheit sage; du willst mich peitschen lassen, wenn ich lüge, und zuweilen werde ich gepeitscht, weil ich´s Maul halte. Lieber wollt´ ich alles in der Welt sein als ein Narr”.

    Was nun die Materie betrifft; die entscheidende Frage ist doch, ob wir die Legitimationskrise, die den kulturellen Apparat vor gut einem Jahrzehnt befallen hat (nicht umsonst ließ Moszkowicz eben Ende der 90er die Glocken klingeln), beheben können. Der ökonomische Terminus mag dabei altbacken klingen, aber der Mehrwert, also der Ertrag aus der Investition Film, erhält den Kreislauf erst am Leben. Seit jeher bestimmt er das Selbstverständnis der Großproduzenten und nicht umsonst ist die Filmindustrie auch Erfindung einer Mafia gewesen.
    Diese Logik wird allerdings seit neuestem auch angewendet auf die öffentlichen Förderinstanzen - über die Gründe dafür vermag ich leider nur zu spekulieren (vielleicht kannst du ein paar Anhaltspunkte nennen). Die systemischen Aberrationen und ästhetischen Valenzverschiebungen auf dem Feld der Film(kunst) können wir mithin beklagen – aber wie lassen sich die Verhältnisse ändern?

    Folgende Fragen schließen sich hier an:

    - Kann es uns gelingen unter den Bedingungen einer echten Filmindustrie handwerkliche Professionalität einerseits, und die Verhältnismäßigkeit von Sinn und Form andererseits, miteinander in Einklang zu bringen? Wie sähe eine solche “Utopie” einer fortschrittlichen Produktionsstruktur aus?

    - Ist eine kritische Masse von Zuschauern in der Lage und dazu bereit, sich mit den schwer finanzierbaren Filmen von denen hier die Rede war, bei angemessener Kooperation von Finanziers, Kinobetreibern und Verleihern ästhetisch und inhaltlich auseinanderzusetzen?

    - Wie steht es um die Möglichkeiten eines gesamtgesellschaftlichen Projekts zur Emanzipierung des Zuschauers? Visuelle Mündigkeit und Politik des Blicks


    Wegen der Länge bitte ich um Nachsicht. Diese Sache ist weitaus bedeutsamer, als sie nur in einzelnen Foren zu verhandeln (oder Möchtegern-Lichtenbergs darauf loszulassen). Soweit die Cahiers du cinema informiert, ist das Problem in Frankreich ja ebenso virulent, wenn auch auf anderem Niveau, und es bleibt zu vermuten, dass Besitzer und Eigentümer den Druck, den der gesamte Komplex des “Filesharing” zunehmend auf sie ausübt, in gesteigertem politischen Gestaltungswillen absorbieren werden. Die Diskussion um “Erkenntnis”, “Unterhaltung”, “Kunst” und Legitimität hat gerade erst begonnen.

    mit bestem Gruß, Akos G.

    p.s. manchmal beschleicht mich das Gefühl in 20 Jahren werden nur noch Rudimente dieser Industrie bestehen.

    p.p.s. was den Kollegen Roehler betrifft: irgendwo ist er kürzlich als “Sprengmeister der Gefühle im deutschen Kino” bezeichnet worden... Ich kenne das genannte Interview nicht, aber der Konformismus seiner Formulierung verdeckt das Disparate und Unkontrollierte seiner eigenen Filme.

    (Dieser Antagonismus erinnert mich an einen Vortrag von Hou Hsiao Hsien im Jahre 2002 – die Reflexion bei Roehler freilich fehlt. mehr hier:
    http://www.rouge.com.au/1/hou.html

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  11. Hallo Akos,

    haben wir eine funktionierende Filmindustrie? Das würde ich bezweifeln. Nur ein Bruchteil der deutschen Filme entsteht „selbsttragend”, ohne öffentliche Gelder, und trotz beachtlicher Erfolge kann in 9 von 10 Fällen von Kostendeckung oder gar Gewinn keine Rede sein. Obwohl der deutsche Kinomarkt der größte Europas ist, ist es beinahe unmöglich, Filme fürs Kino zu machen, die Geld verdienen. Warum eigentlich? Davon abgesehen, dass der deutsche Kinofilm seit Jahrzehnten nur ein Minderheitenprogramm ist (Marktanteil zwischen 10 und 20 Prozent) und Auslandserlöse nicht an der Tagesordnung sind, ist der Hauptgrund strukturell. Die öffentlich-rechtlichen Sender bestimmen mit gewaltiger Gebührenmacht und bis in die kleinste Länderförderung hinein das Geschehen und die Preise. Nicht nur lässt man sich inzwischen gerne reine Fernsehfilme fördern, über die durch die geforderten Ländereffekte notwendigen „Eigenmittel” sind die Sender auch dann die letzte Instanz, wenn es um Kinofilme geht. Zudem sind sie auch direkt personell in den Fördergremien vertreten... Und die privaten Sender verstehen Produzenten und Filmemacher grundsätzlich nur als Dienstleister. In den Sendern gibt es kluge und fähige Leute, keine Frage, aber ihr erstes Interesse ist nicht das Kino und kann es auch nicht sein. Wir haben eine Fernsehindustrie, die sich die Kinoauswertung eher nebenbei leistet. Die Filmwirtschaft, kleinteilig und ertragsarm, ist hoffnungslos abhängig von ARD und ZDF. Insofern führt jede Diskussion über das Kino in Deutschland unweigerlich zum Fernsehen...

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  12. MaxiHaslberger13 August, 2008 12:12

    Leider kommt zu dem Thema, Kino in Deutschland ist gleich Fernsehen in Deutschland, noch ein weiterer tragischer Aspekt hinzu: während man sich in Europa darüber beschwert, wie man in USA von der Willkür eines Geldgebers in den Staaten abhängig ist, deren Interesse klar in Rendite liegt (wer gibt gerne schon eigenes Geld, mit dem Wissen nur einen Teil davon wieder zu bekommen?), sollte die Institution einer Filmförderung genau dem entgegenwirken. Fakt aber ist: dass die Gelder in Deutschland vom Staat und Bürger kommen (Bei ARD UND ZDF wie bei Förderungen) scheint manchmal der einzige Unterschied zu einer komplett privaten Filmwirtschaft zu sein. Willkür, Rendite und Speziwirtschaft sind auch hier nichts ungewöhnliches....

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  13. Lieber Christoph,

    aber nun (und nicht zum ersten Mal), filmpolitisch gefragt: Was tun? Wäre die logische Konsequenz nicht der Versuch einer ganz klare Sphärentrennung in Kunst hier (gefördert) und Kommerz da (kein Cent Fördergeld). Förderentscheidungen nur über möglichst unabhängige Jurys mit hohem Transparenzgebot und rein qualitativ, d.h. mit Originalität, Radikalität, Erkenntnisinteresse, nicht mit Verkaufbarkeit irgendeiner Art, schon gar nicht mit verdeckter Bundesländer-Wirtschaftsförderung argumentierenden Begründungen. (Wie funktioniert das etwa bei Drehbuchförderungen im Moment?) Und müsste man dafür nicht den Öffentlich-Rechtlichen große Teile ihrer Filmbudgets wegnehmen und sie in separate Töpfe tun? Ich weiß, dass Dir diese Sphärentrennung wehtut, weil Du das Kino als immer auch populäre Kunst retten willst. Aber so wie es jetzt läuft, funktioniert gerade das ja auch nicht. Und das wäre dem Fachverstand von Jurys doch vielleicht zuzutrauen, genau das zu berücksichtigen? Es würde dadurch ausdrücklich ein Kunst/Low-Budget-Getto errichtet, aber de facto existiert das, nur viel korrupter, freunderlwirtschaftlicher und intransparenter, doch sowieso. Und wie richtig ist eigentlich die Idee, dass populär dasselbe heißen muss wie: auf einem durch spezifische Interessen sowieso verzerrten Markt funktionierend? Und das ganze dann auch für Vertrieb, Kinos etc.

    Das jetzt nur ganz ins Unreine gefragt und nur als Versuch, mir mit meinem filmpolitischen Laienverstand auch nur ansatzweise mal vorzustellen, wie es überhaupt anders aussehen könnte.

    Wahrscheinlich sollte man einfach ein Manifest schreiben. Das ist etwas zu Unrecht sehr aus der Mode gekommen, das Manifestschreiben - dabei hat sich das Format doch eigentlich beim Formulieren von revolutionären Ideen immer wieder bewährt.

    Herzlich,
    Ekkehard

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  14. Lieber Ekkehard,

    wir können uns gerne an einem Manifest versuchen. Ich finde die vorgeschlagene Lösung nicht schlecht... Wogegen ich mich immer gewehrt habe ist ein paralleles System: eine großzügige Kommerzfilmförderung auf der einen Seite (mit großer Nachsicht bei Flops, solange sie „kommerziell aussehen”), und eine Brosamenförderung für die „Künstler” auf der anderen. Das mag zwar de facto auch jetzt oft so sein, aber eine Institutionalisierung würde die Situation noch verschlimmern, fürchte ich. Im Übrigen hat das Medienboard ja schon einen Topf ausschließlich für „künstlerische Projekte” eingerichtet --- Stephan Geenes AFTER EFFEKT ist (auch) mit Hilfe der 40.000 Euro vom Medienboard entstanden. Unter solchen Bedingungen lässt sich allerdings das Filmemachen nicht als Beruf ausüben. Und ja, ich glaube an den „Professionalismus”...

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  15. "Künstlerische Projekte" sind dann aber wohl was anderes als "Filme". Und "After Effect" ist irgendwie nichts so richtig, und will ganz sicher auch "richtiges Kino" nicht sein. Nichts dagegen, auch das zu fördern - aber im Bezug auf professionelles Kino erzeugen solche Summen nicht mal künstlerische After-Effekte. Und nein, ich habe nichts gegen klugen Nicht-Professionalismus.

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  16. Marco Kreuzpaintner02 September, 2008 16:26

    Lieber Christoph,

    leider haben wir uns noch nicht kennengelernt und würde einem weiteren Diskurs über o.g. Thema nicht entgegenstehen. Im Gegenteil. Auch ich bin für kulturelle Filmfoerderung, kann Dir aber versichern, dass bei keinem der an KRABAT beteiligten Personen und Firmen auch nur ansatzweise der Gedanke dabeigewesen waere, jetzt machen wir mal Reibach auf Kosten oeffentlicher Toepfe. Ganz im Gegenteil!! Claussen+WOebke+Putz hat mehrere hunderttausend Euro draufzahlen muessen und ein Stoff wie KRABAT waere mit weniger Geld als dem Roman gerecht werdende Adaption nicht moeglich gewesen. Darf also ein Parfum oder ein Krabat nicht gemacht werden? Bei unseren 10 Millionen sind uebrigens "nur" die Haelfte aus Foerderungen...

    Kleine Filme sind darueberhinaus, wie ich finde, kein Wert an sich. Auch "diese Deine Waehrung" akzeptiere ich nicht.

    Letztenendes ist mir ein 100 Million Dollar teurer Film, der gut ist, bewegt, humanistisch ist und versucht nicht selbstgefaellig, sondern FUER EIN PUBLIKUM, fuer andere Menschen, in bestem Wissen und Gewissen zu erzaehlen lieber als ein fuer 1 Mio. Euro gemachter schlechter Film, der vielleicht self-important und nur gut gemeint ist. Ich spreche hier nicht fuer Kommerz, sondern fuer Herz. Die Diskussion von Dir sollte sich auf zynische Absichten von Produzenten ausrichten, auf Filme, die Gewalt und Missgunst in die Herzen tragen und nicht auf teure Projekte, die unter Umstaenden VIEL SCHWIERIGER waren auf die Beine gestellt zu werden als viele andere kleinere Filme. Du nennst Petzold als Beispiel. Petzold bekommt doch (sicher zurecht) alle Aufmerksamkeit des Feuilletons und der Festivals und gerade er hat erst kürzlich bemerkt, wie sicher er sich sein koennte, seine Filme mit den immer selbigen TV Anstalten und Foerdertoepfe zu finanzieren. Ich bin mir meiner FIlme nie sicher und bin es auch leid, dass wir Filmpoiltik zwischen den sog. "Schulen" betreiben muessen. Berliner oder Muenchner. Mir ist das alles zu eng. überhaupt verstehe ich auch gar nicht, was der "deutsche Film" ist, was meine Filme mit Deinen zu tun haben sollen, auf nationaler Ebene. Ich denke, wir koennen hoechstens geistig verbunden sein. Filme zu machn, die faszinieren, zum nachdenken anregen, verzaubern, betreffen, beschwichtigen und anzuregen.

    Wir sollten aufhoeren und zu vergleichen. Der Vergleich mag in dialektischen Schulen noch immer anzutreffen sein. Ich freue mich über Deine FIlme, die von Petzold, die von Schmidt - wenn sie gut sind - genauso wie die über Faerberboeck, Edel, Eichinger, Gansel usw.

    Man koennte genausogut argumentieren, dass ein hoffentlich erfolgreicher KRABAT viele Arbeitsplaetze sichert und Vertrauen der KInobetreiber generiert, Filme, die ein grosses Publikum nicht finden wollen oder muessen, weiterhin oder vermehrt "sich leisten" zu koennen.

    Handwerkliche Debatten sind muessig und muessen hier erst gar nicht angefuert werden, ob die Kamera hier oder dort besser ist etc. Ich finde das alles oll. Auch Preise und diese ewige Vergleicherei.

    Ich denke, in Deutschland koennen Filmemacher wie wir immerhin Filme verwirklichen, die oftmals noch nicht mal "kulturspezifisch" erfolgreich oder interessant erscheinen. In den meistern anderen Laendern haetten wir keine Chance.

    Lass uns bitte aufhoeren mit dem "Ihr" seid die guten Kulturpolizisten und wir die "boesen" Kommerznasen. Wirklich. Das hast Du nicht noetig als Kuenstler und ich auch nicht.

    Auf viele weitere gute, mutige, aussergewoehnliche grosse und kleine Filme in Deutschland und aus der ganzen Welt.

    Ganz herzlich,

    Dein Marco Kreuzpaintner

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  17. Lieber Marco,

    danke für Deinen Kommentar. Du hast natürlich recht: es gibt keinen Zusammenhang zwischen Qualität und Budget. Wie teuer ein Film war, darf und soll dem Zuschauer egal sein. Was zählt ist die Erfahrung, die der Film verursacht, das Seherlebnis. Gegen den Begriff „kleiner Film” habe ich mich immer gewehrt, insofern verstehe ich, dass Dir der Ausdruck „Großfilm” nicht gefällt. Irritiert hat mich allerdings, dass Du, kaum dass wir ins „Gespräch” kommen, der Diskussion schon wieder müde bist. „Wir sollten aufhören zu vergleichen...” „Handwerkliche Debatten sind müssig...” schreibst Du - warum eigentlich? Ich finde im Gegenteil, dass wir endlich anfangen sollten, zu streiten.

    Dabei will ich durchaus keine „Schulen” gegeneinander ausspielen. Eine Debatte entlang der Losung „die guten Kulturpolizisten vs. die bösen Kommerznasen” liegt mir fern. Aber ebensowenig möchte ich Unterschiede nivellieren. Wir beide haben ja doch zum Beispiel, das beweisen unsere Filme, ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was gutes Kino ist oder sein soll. Der Film ist ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten. Meine Vorlieben gehen quer durch die Genres und Zeiten. Warum sollte ich mir wünschen, Du würdest wie ich denken oder Filme machen? Im Gegenteil will ich, dass Du DEINE Filme machst, entlang Deiner Interessen und Leidenschaften. Oder wenn Dir das lieber ist: mit Herz.

    Aber da wir in einem „halbseitig planwirtschaftlichen” System arbeiten - und die Mittel begrenzt sind - ist jede Entscheidung politisch. Wir können uns nicht hinter der scheinbaren Objektivität des Marktes verstecken. Es muss darüber gestritten werden, welche Filme sich „das deutsche Volk” leisten soll - und wie teuer sie sein dürfen. Aber diese Debatte (die wir auch dem Steuer- und Gebührenzahler schulden) findet kaum statt. Dafür werden Realitäten geschaffen. Zum Beispiel, warum auch nicht, mit KRABAT. Du fragst: „Darf also ein PARFÜM oder KRABAT nicht gemacht werden?” Dass Du hier den Shylock gibst, finde ich ein bisschen arg. Denn das ist natürlich die falsche Frage.

    Dein Film ist für mich nur ein zufälliges Beispiel. Dass er noch nicht im Kino war, kommt mir entgegen. Es geht mir eben nicht darum, als „Kulturpolizist” zu sagen: „der darf und der nicht” --- sondern um die Diskussion von Kriterien. Was mich an der - relativ neuen - Politik der großen Budgets stört, hat nicht nur mit Verdrängung zu tun (wenn die Kuchenstücke größer werden, muss die Kaffeerunde kleiner werden). Es geht mir insbesondere um die (pseudo-) industrielle Logik. Das erinnert mich offengestanden ein bisschen an Robotron („Unsere Lösung ist ihr Problem”) und den 1-MB-Chip der DDR.

    Bisher hat mir nämlich noch niemand erklären können, wie dieser Traum von einer deutschen Industrie eigentlich funktionieren soll. Kommerziell meine ich. Für mich sieht das eher aus wie Simulation. Es wird zwar sehr viel von Markt und Publikum gesprochen (zum Beispiel, um meine Filme zu kritisieren), aber eine Unabhängigkeit von Förderung ist auch bei den kommerziellsten Playern nicht nur nicht in Sicht, sie wird auch nicht ernsthaft angestrebt. Wie denn auch: die Produzenten sind fast ohne Ausnahme unterversorgt mit Eigenkapital, ausser der Constantin und UFA Cinema auch nicht tragfähig vertikal integriert und also verdammt dazu, immer wieder die Hand aufzuhalten. Und je höher die Budgets werden, desto größer die Abhängigkeit von öffentlichen Geldern.

    Ich glaube wie Du, dass kaum einer im deutschen Film den ganz großen Reibach macht (ausser die amerikanischen Verleiher natürlich). Ein paar Leute verdienen ordentlich, aber im Vergleich zur „richtigen” Industrie ist das Kleingeld. Und auch die Chimäre einer neuen deutschen Filmindustrie hat wahrscheinlich „idealistische” Wurzeln. Insofern kann ich mir vorstellen, dass Claussen+Wöbke+Putz „mit ein paar Hunderttausend draufzahlen”... (Du meinst ja wohl: ins Risiko gehen, oder?). Trotzdem hält sich mein Mitgefühl in Grenzen. Nicht nur, weil ich den Traum (in dieser Form) für unrealistisch und unverantwortlich halte, sondern auch, weil die Filme, die unter diesem Vorzeichen entstehen, in der Regel weder die Schärfe und Unverschämtheit reiner Marktprodukte, noch die persönliche Perspektive und gestalterische Kühnheit künstlerischer Arbeiten haben. Wider eine echte wirtschaftliche Logik setzt man, ganz „amerikanisch”, auf Formelkino. Nazi und RAF und Bestseller und Fortsetzungen und Merchandising. So entstehen ungeniessbare Bastarde, die den Schauwerten Hollywoods hoffnungslos hinterherhinken und zugleich panische Angst vor dem künstlerischen Risiko haben - schliesslich haben sie so viel gekostet. Sie sind der „Mittelweg”, vor dem Alexander Kluge uns immer gewarnt hat.

    Und so kommt es, dass mir die Projekte der 10-Millionen-Klasse automatisch suspekt sind. Wer weiss, vielleicht ist Dein Film die Ausnahme von der Regel, so oder so aber verdrängen KRABAT und die anderen überteuren Filme eine große Zahl riskanterer, zerbrechlicherer, persönlicherer Arbeiten. Meine zum Beispiel. (Ja, so durchsichtig ist es: ich habe persönliche Motive.) Die Wahrscheinlichkeit, dass unter zehn „kommerziellen” Filmen einer ist, der uns wirklich etwas zu sagen hat, der etwas herausfindet, was wir nicht schon tausend mal zuvor (und besser) gesehen haben, scheint mir unendlich viel kleiner, als unter den hundert, die sie verhindert haben. Ich würde also unbedingt dafür plädieren, den Begriff „kommerziell” ernst zu nehmen und in Zukunft nur mehr „kulturell” zu fördern, wie es auf dem Papier ja schon immer der Fall ist...

    Alles Gute, auf bald,

    Christoph

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  18. P.S.: Ich glaube um Gottes Willen nicht, dass unter Marktbedingungen keine Kunst entstehen kann. So übersichtlich sind die Dinge eben nicht. Aber die „sichere Nummer”, die Formel, das Rezept sind Feinde der Kunst, Feinde des Films. Das Schönste, was im Kino passieren kann, ist das Unberechenbare, das Unbezahlbare, die Überraschung durch eine Wahrheit, die wir in uns wieder finden. Das hybride System des deutschen „Industrie spielens” bringt solche Momente kaum je hervor. Das kommerzielle US-Kino dagegen durchaus... Eine Frage des Risikos?

    C

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  19. Akos Gerstner schreibt:

    hallo Christoph,

    die diskussion geht offenbar weiter, das ist erfreulich.
    den text in meinem nachfolgenden post hatte ich als reaktion auf deinen austausch mit knörrer noch im august notiert, aber mir scheint, er ist bei parallel nie angekommen. ich schick ihn eben noch mal, obwohl er aus der chronologie inzwischen herausfällt. falls er dir unpassend erscheint ist diese nachricht natürlich hinfällig.

    beste grüsse, Akos

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  20. (Akos Gerstner schreibt: vom 14. august)

    Wenn Anmerkungen zu einer subjektiven Programmatik gestattet sind…

    Die Institutionalisierung eines Exotentums in Förderkategorien geringer öffentlicher Aufmerksamkeit gliche allerdings einem stillen Eingeständnis.

    Was aber ist die Alternative?

    Wenn Marktanteile der inländischen Produktionen so gering sind, wie wir Jahr für Jahr feststellen, dann muß insgesamt ein Konsens gefunden werden, die Ursachen dafür zu beheben. Als privatwirtschaftliche Mission wird das misslingen, keine Industrie dieser Welt ist jemals durch private Hand zu Größe und Blüte gelangt. Deshalb erübrigt sich damit auch die Frage nach der Rolle, die ein öffentliches Fördersystem dabei spielen würde, denn ihre Position kann nur die des uneingeschränkten Mäzens sein. (die große technische Professionalität des ehemaligen osteuropäischen/russischen Kinos z.B. hat sich nur auf diese Weise entwickeln können.)

    Forderungen eines Manifests müssen damit auf eine viel breitere Basis gestellt werden, als in den bisherigen Überlegungen. Ihr Gegenstand sollte das Selbstverständnis der Filmförderung und Filmproduktion an sich sein; Filmemachen, Filme sehen und Filme verstehen, müssen als lebensnotwendige Kulturtechniken begriffen werden. Und in so einem sinnstiftenden Unternehmen - ich spreche von nichts anderem als großangelegter Propaganda und Lobbyarbeit - kann es keine guten und bösen Filme geben, sondern nur gut und schlecht gemachte. Das heißt aber auch, dass Grüppchenbildung überflüssig wird. Fronten aufzubauen hat keinen Sinn. Revolutionen brauchen stets Adressaten, die in der Revolte eine sie betreffende Dimension entdecken, und dieser Adressat kann in unserem Fall natürlich niemand anderes sein, als der Zuschauer. Das aber macht alle anderen zu gleichgesinnten Agitatoren dieseits der Arena.
    Alle Autoren, Produzenten, Regisseure, Kameramänner, Beleuchter, Schauspieler usw. und alle Mitglieder eines jedes Gremiums, lieben gute Filme (“the proud of making good films”) – und bestimmt zeiht ihr mich jetzt der Blauäugigkeit - aber die Filme, die Christoph in seinem Beitrag möglicherweise zurecht oder zu Unrecht in Frage stellt (Polemik, Vorurteile und Fehleinschätzungen gehören zum Bestand einer jeden produktiven Auseinandersetzung), sind nicht das Ergebnis böser Absicht. (Dass dann Petzolds Filme im Vergleich anscheinend nicht einen Bruchteil der betreffenden Produktionen ausmachen, ist wiederum entmutigend. Aber sollen wir deshalb die FFA in Brand stecken? Die Kommission in NRW oder Bayern an die Wand stellen?)

    Ein Manifest ist nur Auftakt zu weiteren Maßnahmen. Ein Netzwerk müsste ins Ausland reichen, die Öffentlichkeitsarbeit auf gesamteuropäischer Ebene wirksam werden, wahrscheinlich sogar in Form eines Gesetzesvorschlages, der Film als insbesonders zu schützendes kulturelles Gut neu definiert, und ein reformiertes Fördersystem für alle Spielarten von Spektakel bis Kontemplation in Aussicht stellt.
    (Zugleich müsste der Nachwuchs an die Vielfalt mimetischer Darstellungsformen konsequenter herangeführt werden. Geschmacksbildung hat ihre Berechtigung nicht nur in der Musik oder in der Malerei, aber das ist eine andere Geschichte…)

    Es liest sich vielleicht etwas vermessen, aber ich glaube wirklich, dass die Interessen der unabhängigen Kleinstproduzenten nur gesichert werden können, wenn die gesamte Filmwirtschaft gestärkt wird. Anders wirkte jener Kannibalismus fort, wie er nach der Wende bereits eine deutsche Kinoutopie zunichte gemacht hat.

    Noch eines: Welles bedauerte seinerzeit das Ende des Studiosystems, weil nur die kapitalintensive Überflussproduktion auch Raum für seine Filme schaffen konnte.

    Ist es denn zielführend nur in eigener Sache tätig zu werden?

    thanx
    A.

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  21. Hallo Akosh,

    der Kommentar ist mir neu, ja. Er kommt mir aber reichlich konfus vor. Ich glaube nicht an den „reinen Tisch” oder an Revolution. Das, was wir haben, ist wertvoll, aber nicht das Ende der Entwicklung. Das Studiosystem kann man sich herbeiwünschen, wiederkommen wird es deshalb nicht. Hans Jürgen Syberberg hat darauf hingewiesen, dass man die DEFA für die Kosten eines Opernhauses hätte erhalten können. Ich wüsste keinen, der das unterstützt. Obwohl das Wort „Studiosystem” aus der Ferne golden schimmert - aus der Nähe ist es behördlich. Dass im Schatten der Industrie die schönsten Blumen blühen (und wir deshalb eine Industrie brauchen) ist nicht bewiesen. Wir haben eine Fernsehindustrie. Vielleicht wirst du jetzt sagen: wir sind die Blumen... Grüße!

    C

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  22. Carsten Aschmann14 Oktober, 2008 20:29

    Erfreulich, daß die Diskussion geführt wird. Beim Durchlesen der Kommentare fiel mir auf, daß es schwierig ist, die Filmförderung einfach so von gesamtgesellschaftlichen Kontext zu lösen. Meine alltäglichen Erfahrungen zeigen mir, daß immer häufiger Kultur nur sein kann, wenn sie kapitale Interessen verfolgt. In meinem Bundesland wurden alle Filmfestivals, Vereine, freie Theatergruppen etc von der Förderung evaluiert. Das Koki in unserer Stadt gibt die Antwort und zeigt seitdem Filme, die deshalb gut besucht sind, weil es mit einem Brunch verbunden ist. Um Missverständnissen vorzubeugen - es geht dabei primär um den Brunch - Kultur ist nur noch ein Vorwand zum Fress und Saufgelage - das ist Fehlbedarfsfinanzierung in eigener Sache und macht sich gut beim nächsten Antrag. Kultur so scheint es, soll in Kapital oder Konsum vollständig aufgelöst werden. Kein Wunder ebenso, daß Film generell zur Nebensache wird, die DVD eine Crossover-Beigabe geworden ist, um den Verkauf einer Zeitschrift zu erhöhen. Insofern sind die Fronten zwischen den Filmen, die markttauglich sein wollen, oder Kunst sein wollen fast überflüssig,
    eine Qualitätsdiskussion muss nicht mehr zwingend geführt werden.
    Soll dieses Land öffentliches Geld für Kultur ausgeben, damit es unabhängig vom Markt existieren kann - oder soll dieses Land die Kultur mit Geldspritzen in den Markt bringen, damit auch Kultur einen Markt hat - aber nur noch wenige wirklich das machen, was sie mal ursprünglich wollten. Der Markt bestimmt die Wege zu den Ernährungsstrukturen, und wirkt deshalb bedrohlich, und generiert Opportunismus. Es ist zum Küssen, würde wohl der Prinz Wilhelm von Homburg sagen. Aber der konnte boxen!

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  23. Auch hallo. Um welche Links geht es denn?

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