06 August, 2018

The Touch

Ernst Lubitsch bei der Arbeit. 

Ernst Lubitschs Ästhetik, oder auch: 'Touch', ist bekanntermaßen schwer zu definieren. Ich versuche es trotzdem: Lubitsch sucht nach einem Kino, in dem das Wie wichtiger ist als das Was - und zwar gleichermaßen die Figuren (wie sie etwas tun) und die filmische Form (wie wir davon erfahren) betreffend. Es geht ihm weniger um Plot oder Thema und auch nicht um die abstrakte Schönheit einer filmischen Lösung, vielmehr ist diese schöne Abstraktion Ausdruck seines Wunsches, in der Andeutung und Auslassung so etwas wie ein zärtliches Verhältnis zwischen Figuren und Publikum zu etablieren. Man könnte auch sagen: Er spielt über Bande, um im Publikum Großherzigkeit zu stiften. Ausgehend von einer emphatischen Mitarbeit, die beinahe immer die Schwächen der Figuren betrifft ("zwei und zwei zusammenzählen", wie Billy Wilder das genannt hat) idealisiert er das Publikum, damit er seine Figuren nicht idealisieren muss. Dem ersten Anschein zum Trotz sind seine Filme nicht nostalgisch oder sentimental, sondern auf einen Handel mit dem Publikum aus: wer bereit ist, die "Löcher in Lubitschs Emmentaler" (Truffaut) zu überbrücken, bekommt die Chance, die Zerbrechlichkeit des Glücks, der Liebe, des Lebens so leicht zu nehmen, dass Alternativen plötzlich möglich scheinen.

(Ich komme darauf, weil ich gerade Joseph McBride "How did Lubitsch do it?" gelesen habe. Anregende Lektüre.)

01 August, 2018

Krabben

Im Meer zwickt mich eine Krabbe in den Zeh und ich mache den Fehler zu schreien. Die Kinder, gerade dabei mir ins Wasser zu folgen, sehen mich entgeistert an. Wortreich versuche ich den Vorfall zu relativieren: Vielleicht war es ein spitzer Stein. 

Misstrauisch erkundet dann zumindest die Ältere das seichte Nass - um wenig später schreiend zur Mutter ins Ferienhaus zu laufen, den jüngeren Bruder im Schlepptau, auch er in Tränen. Wir sind 'angegriffen' worden! Nie wieder werden sie auch nur einen Schritt in dieses Wasser machen, erklären sie uns - am ersten Tag der Strandurlaubs.

Später beobachten wir andere Urlauber mit Kindern beim Krabbenfang - vom sicheren Steg aus. Das Jagdfieber überträgt sich. Bald beteiligen sich auch unsere Kinder: ehrgeizig, erfinderisch, und voller Abscheu - als wollten sie die Tiere für die Angst bestrafen, die sie in ihnen ausgelöst haben.  

Ich helfe bei der Jagd, liefere Muscheln, um die Krabben zu ködern. Später durchstreife ich das Wasser mit dem Kescher und halte Ausschau nach besonders großen Exemplaren. Die Kinder sind zufrieden mit meiner Fangquote.

Dieser Zustand: konzentriert, suchend, bereit zur Tat, im Wasser  - gefällt mir. Die Jagd ist (wie das Kino) ein Mittel, intensiver zu Sehen und zu Sein. Wer zahlt den Preis?

Es schmälert mein Vergnügen, dass wir die Tiere umsonst jagen, ohne sie zu brauchen. Um wieviel größer wäre die Jagd, denke ich, wenn sie notwendig wäre, um zu überleben. Aber vielleicht ist das falsche Romantik. 

Zen-Übung für Filmemacher: Bilder stundenlang suchen, einrichten und aufzeichnen, um sie dann wieder zu löschen. 'Catch and release'. 

Mein Sohn spricht davon, das ganze Meer leer fischen zu wollen, um den Badespaß zu retten. Trotzdem lässt er sich dazu überreden, die Tiere wieder freizulassen. Für eine Krabbe kommt die Freiheit zu spät.

Heute ist der fünfte Tag, und die Kinder haben Wort gehalten. Trotz der Hitze sind sie nie Schwimmen gegangen. Die seltene Gelegenheit, sie für ihre Konsequenz zu loben, lasse ich verstreichen.