22 September, 2017

'Lügen' in Paris

Das Goethe Institut Paris ehrt den Kameramann Reinhold Vorschneider mit einer kleinen Auswahl von Filmen und zeigt aus diesem Anlass auch unsere letzte Zusammenarbeit DIE LÜGEN DER SIEGER (2014), und zwar am 7. Oktober 2017, 13.30 h, im Cinéma L'Arlequin. Reinhold wird den Film persönlich vorstellen. Das ganze Programm findet sich hier.

16 September, 2017

Doppelprogramm



Noch bis Oktober sind Christian Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT (D 2001) und mein dritter Spielfilm UNTER DIR DIE STADT (D 2010) auf Mubi.com zu sehen. Aus diesem Anlass hat Michael Pattison einen schönen vergleichenden Text geschrieben, und Patrick Holzapfel hat ein - wie ich finde - sehr schönes Gespräch mit Christian und mir geführt. 

Und weil es zum Thema passt: Marco Abel, Jaimey Fisher und andere haben auf Senses of Cinema einen interessanten Petzold-Schwerpunkt zusammengestellt, in dem auch mein Portrait, das für die Zeitschrift Ray entstanden war, in Englischer Übersetzung von Marco Abel, Berücksichtigung gefunden hat.

Julia Hummer in DIE INNERE SICHERHEIT (oben), Nicolette Krebitz in UNTER DIR DIE STADT (unten).

12 September, 2017

A Field Guide to the Snowden Files

Gestern (11.09.2017) haben Magdalena Taube, Krystian Woznicki und ich das Buch A FIELD GUIDE TO THE SNOWDEN FILES vorgestellt. Das Projekt, für das ich das Vorwort schreiben durfte, möchte künstlerische (und archivarische) Projekte vorstellen, die sich direkt auf die Snowden Files beziehen und den folgenreichen NSA Leak gewissermassen zum Rohmaterial einer künstlerisch-politischen Praxis machen. 

Seit heute sind die Arbeiten von Zeljko Blace, Andrew Clement, Naomi Colvin, Simon Denny, Evan Light, Geert Lovink, M.C. McGrath, Henrik Moltke, Deborah Natsios, Julian Oliver, Trevor Paglen, Laura Poitras, SAZAE bot, Stefan Tiron, University of the Phoenix, Maria Xynou  und John Young auch in einer Ausstellung im Diamond Paper Studio zu sehen (Köpenicker Straße 96, 10179 Berlin, 12.-26.09.2017).

Die folgende Vorrede ( Vorwort) habe ich gestern in der Buchhandlung König vorgetragen.



DAS VORZEICHEN


Im Theater.
Unsere Geduld wird strapaziert. 
Vorhang Vorhang Vorhang.
Ein Mann kommt auf die Bühne.
Er sagt, die Hauptdarstellerin hätte einen Unfall gehabt, 
sei mit dem Fahrrad gestürzt
und hätte sich das Knie verletzt.
Sie werde spielen, aber man möge ihr verzeihen, 
wenn sie gewissermassen knieschonend spielte.
Dann öffnet sich der Vorhang und die Aufführung beginnt.

Vermutlich ist die Inszenierung nicht anders als sonst,
aber durch das Vorzeichen 
spielt das Knie eine Hauptrolle.
Sobald die Schauspielerin ihr Knie beugt
sind wir in heller Aufregung.

Das nur als Beispiel dafür, 
dass jedes Wahrnehmen 
von Vorzeichen, Vorwissen, Erwartungen geprägt wird
und ein neues Vorzeichen unter Umständen 
die gleiche Handlung in ihrer Bedeutung auf den Kopf stellt,
uns neu sehen lernt.

Snowdens „Vorzeichen” hat unseren Blick auf die Aufführung verändert,
so dass wir beim Anblick der Spieler heute die Hinterbühne mitdenken.

Jeder Vergleich hinkt
wie die Schauspielerin mit dem verletzten Knie
(oder haben wir uns ihr Hinken eingebildet?)
aber die Tatsache, dass wir mehr als vier Jahre später
noch immer an Snowden denken

wenn wir eine Email schreiben
oder den Aufkleber über der kleinen Kamera am Laptop abpulen
oder uns ein neues Passwort ausdenken 
(mit Sonderzeichen oder ohne?) 
oder ein Wort im Text von der Autokorrektur unterstrichen oder ersetzt wird
oder hören, dass am Südkreuz eine Gesichtserkennungssoftware getestet wird 
und Aktivisten Masken tragen, um den Computer zu foppen

zeigt mir, dass Snowden einen Unterschied gemacht hat.

Er hat unsere Gegenwart in ein Zwielicht setzt, das unser Verhältnis zur Maschine
neu beleuchtet, es vielleicht auch hat reifen lassen.

„Die allgemeine Akzeptanz von Verschlüsselungstechnik” habe Snowden 
„um sieben Jahre beschleunigt”, 
meinte der ehemalige Geheimdienstdirektor James Clapper 
– für Snowden ein Beweis für seine Wirkung 
(ob es sich gelohnt hätte, fragen die Journalisten in einem aktuellen Interview).

Sieben Jahre –
so ein Zahlensieg ist in der Kunst rar,
aber ich glaube, das Buch zeigt, wie sich der Schock der Erkenntnis eingetragen hat
in den Spiegel der Gegenwart, der gute Kunst immer ist 
– als ein Riss, der das alte Bild bedroht.

04 September, 2017

Requisiten für ein tragisches Ende


Im Bild: Die erstaunliche Loane Balthasar in der Titelrolle.

Anmerkungen zu Katharina Wyss' DFFB-Abschlussfilm* SARAH JOUE UN LOUP-GAROU (CH, D 2017), der gestern in Venedig Premiere gefeiert hat.


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Man könnte sagen: ohne Paranoia keine Erzählung. Ohne den Tunnelblick der Leidenschaft, ohne die Lampe, die aller Dinge Schatten in eine Richtung treibt, kann so etwas Anfechtbares wie eine Geschichte nicht entstehen. Sarah möchte ihr Leben selbst beleuchten, und also entscheiden, was im Dunkel bleiben soll. Womit sie zu kämpfen hat sind dabei weniger die Abwehrmechanismen der Anderen, die Sorgen der Eltern, Lehrer oder Geschwister, als die Konkurrenz verschiedener Geschichten oder Lichtquellen. Sie probiert einige aus, sucht lange nach den passenden Requisiten für ihr tragisches Ende und kommt letztlich über romantisches Stückwerk nicht hinaus. Werwolf oder Liebestod? Romeos Dolch oder doch das Märtyrium einer Heiligen? Das ist beinahe ein bisschen egal – und darin liegt gewissermassen der Witz des Films, über den auch die Protagonistin lachen kann. Das großartige an Katharina Wyss’ Film ist diese Transparenz: zwischen dem herbeigesehnten und den wirklichen Gefühlen ist irritierend viel Platz, aber nicht im Sinne eines „Luxusproblems”. Die Empfindsamkeit ist echt, der Vulkan des Unbewussten brodelt, die Gedanken wollen wirklich werden. Was fehlt ist das Vehikel. Wie Sarah wollen wir alle heimlich vom Schicksal regiert werden, würden uns aber nie für das Ergebnis entscheiden. Auch deshalb muss Sarah vom Ende her denken. Wyss’ Film gelingt es, uns zu Zeugen einer Entwicklung zu machen, die an hundert Stellen eine andere Richtung nehmen könnte. Fast scheint es, als würde Sarah gegen eben jene Offenheit ankämpfen, die den Film selbst auszeichnet: sie kämpft gegen die Tatsache, dass ihr Leben aus zu vielen Geschichten besteht, um ein notwendiges Ziel zu haben. Dabei gibt es Spuren des Missbrauchs, eine bedrohliche Nähe zum Vater, die ein weniger klarsichtiger Film mit Sarahs Sehnsucht kurzgeschlossen hätte. Aber Wyss’ Sarah ist kein Opfer, oder jedenfalls ist das nur eine von vielen Rollen, in der sie sich gefällt. Ihre Rührung rührt sie, gerade weil sie gelernt hat, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen. Nur der Konstruktion des Gefühls kann sie sich hingeben. Darin offenbart sich womöglich ein allgemeineres, sehr zeitgenössisches Thema: die fluiden Rollenbilder einer Gesellschaft, die nicht mehr in Handgriffen und Körperhaltungen eingeübt, sondern in einer zunehmend entgrenzten Medienarbeit zuhause und im Büro immer wieder probiert und verworfen werden, für eine endlos nahende und doch nie zur Aufführung gelangende Performance. Sarahs Widerstand gegen ein solches Verwandlungsmanagement  – in der Schultheatergruppe und im Leben – mag romantische (und also anachronistische) Formen suchen, im Kern zielt er auf die Wirklichkeit eines letzten, unwiederholbaren Moments.



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Damit keine Missverständnisse entstehen: Der Film ist lange vor meiner Zeit an der DFFB konzipiert und gedreht worden. Ich war in meiner Funktion als Leitender Regiedozent an der DFFB aber einige Male bei Testvorführungen. Der Text entstand auf Wunsch Katharina Wyss' ursprünglich für das Presseheft. Ich hoffe sehr, dass es dieses aufregende Debüt regulär ins deutsche Kino schaffen wird.