29 Juni, 2022

Die Lebenden reparieren

In der ersten Juli-Woche: Die 10. Ausgabe von Revolverkino im Gropius Bau, zusammengestellt von Hannes Brühwiler und Christoph Hochhäusler. Wie immer ist der Eintritt frei.

Revolverkino #10
DIE LEBENDEN REPARIEREN

Schon immer ist das Kino die Notaufnahme der Einsamen. Das synchrone Atmen im dunklen Saal hat therapeutische Wirkung, und nicht zufällig ist Wunde und Heilung, das Wunder sich regenerierender Körper und Seelen eines der zentralen Themen der Filmgeschichte. Diese kleine Auswahl, die sich ihren Titel von dem französischen Film „Réparer les vivants” leiht (den wir natürlich auch zeigen), bewegt sich spielerisch zwischen Trost und Trauma… 

Mittwoch, 6.07.2022


19:00
SECONDS (John Frankenheimer, USA 1966), englische Originalfassung

21:00
RÉPARER LES VIVANTS (Katell Quillévéré, Frankreich 2016), Französisch mit dt. Untertiteln

Donnerstag, 7.07.2022


19:00
COLUMBUS (Kogonada, USA 2017), englische Originalfassung

21:00
O MOVIMENTO DAS COISAS (Die Bewegung der Dinge, Manuel Serra, Portugal 1985), Portugiesisch mit englischen Untertiteln

Freitag, 8.07.2022


19:00
STRANGER AT MY DOOR (William Witney, USA 1956), englische Originalfassung

20:30
PERSONA (Ingmar Bergman, Schweden 1966), Originalfassung mit dt. Untertiteln

18 März, 2022

(Wieder-) Gesehen: [17]


EASY LIVING (Mitchell Leisen, USA 1937)

Ein Film voller Ideen und Ereignisse, die zum Plot nichts beitragen, Running Gags, Slapstick-Einsprengsel, Ausstattungsverrücktheiten – aber dieser Überfluss kümmert den Film nicht weiter, weil Jean Arthur durch den Film traumwandelt und wir mit ihr. Sie ist der Magnet, dem sich Leisen ganz überlässt, und was nicht von ihr angezogen wird, lässt er einfach fallen. 



MIDNIGHT (Mitchell Leisen, USA 1939)

Es gibt grob gesagt zwei Theorien über die Komödie. Der ersten zufolge ist sie eine beschleunigte Tragödie, ein hysterischer Tanz am Abgrund, weil das Leben und seine Ungereimtheiten nur als Witz erträglich seien. Die andere Theorie geht im Gegenteil davon aus, dass uns angesichts der Schwere nur Leichtigkeit retten kann. Dieser Film folgt eindeutig der zweiten Maxime. Leisen richtet nach dem Drehbuch von Wilder und Brackett ein Soufflee an, die Reste an Wirklichkeit, die sich im Drehbuch wohl finden, löst er mit seinen bestens aufgelegten Schauspielern nach und nach in Wohlgefallen auf. Alle Komplikationen des Plots könnte man lustspielerisch Verwicklungen nennen. Die Spindel dreht sich, und der Schwindel ist wunderbar. Eine der besten romantischen Komödien die ich kenne, ohne den bittren Magensaft, den Wilder als Regisseur beispielsweise beigefügt hätte (wie Lukas Foerster richtig angemerkt hat). Große Empfehlung!



HOLD BACK THE DAWN (Mitchell Leisen, USA 1941)

In vielerlei Hinsicht der beste Wilder-Film, den Wilder nie gemacht hat. Was Leisens Regieleistung nicht schmälern soll, im Gegenteil. Aber das Drehbuch von Brackett und Wilder über die Gewalt der Verführung und die Korruption der Gefühle ist nicht nur stilistisch voller Wilderisms, die ganze Geschichte ist mehr oder weniger autobiografisch, was wohl auch ein Grund für Wilder war, so empfindlich und ungerecht auf Regieeinfälle und Änderungen gegenüber dem Drehbuch zu reagieren (Joseph McBride macht diese Lesart in seinem neuen Wilder-Buch plausibel). Die Inszenierung ist vor dem Hintergrund von Wilders Mäkeleien jedenfalls überraschend scharfkantig und bitter und die späte „süße Wendung” der Geschichte hebt diese Erfahrung nicht auf. Der beste Beweis für „the genius of the system”, in allen Departments.  



KISS ME STUPID (Billy Wilder, USA 1964)


Hätte hätte Fahrradkette: Jack Lemmon war verhindert, die Hauptrolle zu übernehmen. Das ist sehr zu bedauern, obwohl Ray Walston seine Sache sehr gut macht. Aber jenes heikle Gleichgewicht zwischen Galle und Vergnügen, das Wilders beste Filme bitter und süß macht, trifft Walston nicht. Und so wird der „kritische Unterton” eine Spur zu offensichtlich, und alles gerät aus dem fein tariertem Gleichgewicht, um das sich die artifizielle Form des Films so bemüht. Trotzdem ein exquisit erzählter Film mit wunderbar entwickelten Details.

24 Januar, 2022

Notizen zu 'M'


Ein Tonfilm, eine Kette von Geräuschen und Dialogen, ein akustischer Faden, der nicht (oder kaum je) abreißt und eine sehr diverse Bildebene auffädelt, eigentlich eine Abfolge von Montagesequenzen... ein „im Studio gefilmter Dokumentarfilm”, wie Lang es genannt hat.

Nur gelegentlich wird der Film szenisch, und bleibt auch dann darauf bedacht, keiner Figur zu viel Gewicht zu geben, der Geist der neuen Sachlichkeit regiert (Anti-Expressionismus?). Die Erzählung selbst ist der Held ... und was sie verspricht ist Zusammenhang.


Das dramaturgische Prinzip könnte man lexikalisch nennen. Ein Alphabet der Stadt. Auffällig jedenfalls das Element des Seriellen, das Motiv der Sammlung, der Recherche:


Die (gefunden) Brote werden "börsennotiert", die Zigarettenstummel sortiert, die Polizei systematisiert Fingerabdrücke, Elsies Mutter liest Serienromane, die Gangster arbeiten arbeitsteilig-seriell, Lorre ist Serienmörder. 


Eine Massengesellschaft versucht sich zu zählen, Lohmann referiert die Zahlen, betreibt eine Vorform der Rasterfahndung (was ebenfalls auf Recherche beruht - Lohmann ist ein fiktionalisierter Kriminalpolizeirat Ernst Gennat).


Geräusche kehren wieder: das Pfeiffen Lorres (Griegs Peer Gynt), der Abzählreim („Warte, warte nur ein Weilchen...”), die Rufe der Mutter, die Trillerpfeife des Schutzmannes. Alles Beschwörungen, Anrufungen, auf ein Echo aus. 


Wie überraschend dann, dass der Finger beim Buchstaben 'M' stehen bleibt, und Peter Lorre in einer eigentlich unmöglichen Aufholjagd - gegen die Gefühle der Zuschauer und gegen die 'demokratische' Struktur des Films - den Film ganz zum Schluss erobern darf.


(Aus meinem Notizbuch, 2018)


11 Januar, 2022

Ali Mitgutsch


Ali Mitgutsch ist tot. Ich habe seine Bücher geliebt. Vor allem „Rundherum in meiner Stadt” (in dem das Vorbild München ziemlich eindeutig ist), aber auch „Bei uns im Dorf”, 
„Komm mit ans Wasser”, „Pirateninsel” und viele andere. Was mich so fasziniert hat war weniger das Prinzip des „Wimmelbuchs”, als der Versuch, ein Modell von Stadt, von Leben zu malen. Eine Überblickserzählung, die nicht auf Übersichtlichkeit hinausläuft. Und in der ganz verschiedene Lebensweisen und Konflikte, aber auch Fantasien Platz haben. Manche seiner Bücher habe ich mir von meinem Taschengeld in der Kinderbuchhandlung in der Bütenstraße gekauft; ich erinnere mich noch an das vom Abzählen warme Geld in meiner Tasche. Gleich um die Ecke von uns (und auch dieser Buchhandlung) hat er gewohnt, auch das hat mich als Kind beeindruckt: dass hinter diesen Büchern sozusagen ein Nachbar steckt. Danke für alles!


Im Bild oben: eine Doppelseite aus „Rundherum in meiner Stadt”, 1968. Beim Betrachten dieses Hauses habe ich oft über meine Berufswahl nachgedacht. Architekt (4. Stock links) oder Bildhauer (Erdgeschoß rechts)? Zahnarzt (3. Stock links) oder Bodybuilder (3. Stock rechts)? Oder vielleicht doch lieber Modefotograf (2. Stock links)? Im Buch finden sich aber natürlich auch Dreharbeiten (sogar auf dem Titelbild; hier ein Ausschnitt:)

26 Dezember, 2021

Revolver 45

Revolver entsteht seit 1998 im Kollektiv mit jeweils ganz unterschiedlichen „Arbeitstiefen” der Herausgeber*innen und Redaktionsmitglieder. Es freut mich, dass für diese Ausgabe mit Johanna Schorn, Leo Geisler und Sebastian Ladwig eine jüngere Generation die kommissarische Chefredaktion übernommen hat (diese Aufgabe rotiert). Das hat sehr gut geklappt und ist womöglich Anfang eines weitergehenden Generationswechsels, wer weiß.




Was ist drin? Ich habe, leicht verrätselt, das „winterliche” Vorwort geschrieben. Benjamin Heisenberg hat mit jungen, aufregenden Schweizer Filmemacher*innen gesprochen – namentlich mit Cyril Schäublin und Silvan Hillmann (DENE WOS GUET GEIT, 2017), Katharina Wyss (SARAH JOUE UN LOUP GAROU, 2017) sowie Silvan und Ramon Zürcher (zuletzt DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE, 2021) – die wohl nicht zufällig eine Berlin-Connection verbindet. Der Regisseur Andreas Goldstein (ADAM UND EVELYN, 2018) gibt eine sehr lesenswerte Selbstauskunft. Saskia Walker hat kurze Texte von Raschit Safiullin aus dem Russischen übersetzt, über dessen Arbeit am Szenenbild von Tarkowskis STALKER. Mit Mareike Wegener (MARK LOMBARDI – KUNST UND KONSPIRATION, 2010; ECHO 2022) und Hannes Lang (RIAFN, 2019; I WANT TO SPEAK THE MANAGER, 2014) hat sich Marcus Seibert über ihre Produktionsfirma „Petrolio” unterhalten (an der ausserdem noch Carmen Losmann beteiligt ist). Klaus Lemke hat mir eine SMS geschrieben, die einmal mehr so pointiert war, dass sie einen Platz im Heft verdient hat. Die oben schon erwähnte Johanna Schorn hat einen Text verfasst mit dem Titel „Die Zeit ist ein Gespenst”. Francesco Sossai (ALTRI CANNIBALI, 2021) schreibt über das Kino als „Unmögliche Flucht”. Ich habe auf Anregung und mit Mitwirkung von Lucas Milhomem ein Interview mit dem brasilianischen Regisseur Kleber Mendonça Filho (O SOM AO REDOR, 2012; AQUARIUS, 2016; BACURAU, 2019) geführt und zu guter Letzt gibt es einen Beitrag namens „... / - - / command-D” vom (ebenfalls oben erwähnten) Drehbuchautor Sebastian Ladwig über den Besuch einer Masterclass bei Aaron Sorkin. Für die grafische Gestaltung und die Filmbilder zum Thema „Schnee” waren wie immer Mathilde Lesueur und Jérémie Harper verantwortlich. Kurz gesagt: ein reiches, vielfältiges Heft. Ich wünsche gute Lektüre!

Revolver erscheint im Verlag der Autoren und ist in jedem Buchladen bestellbar. Abonnieren (2 Hefte/Jahr) kann man formlos mit einer Email an info(at)etk-muenchen.de 

24 Dezember, 2021

Texthinweis:



Für Picturing Austrian Cinema, herausgegeben von Katharina Müller und Claus Philipp, habe ich einen Beitrag verfasst unter der Überschrift: „König Midas' deutsche Verwandte. Zu Gerhard Friedls Hat Wolf von Amerongen Konkursdelikte begangen?” Das Buch, in dem 100 Standbilder aus 100 Werken der österreichischen Filmproduktion seit 1945 von 100 sehr unterschiedlichen Autoren beleuchtet werden – darunter Gertrud Koch, Elfriede Jelinek und Apichatpong Weerasethakul – erscheint 2022 im Spector Verlag.

19 Dezember, 2021

Gegen die Sehnsucht?



Das Besondere unserer Situation ist das Misstrauen des Publikums gegenüber den „eigenen” Filmen. Eine authentische Nachfrage fehlt fast völlig. Unser Förder- und Finanzierungssystem verschärft diesen Mangel, indem es Produzent*innen erlaubt, von der Produktion selbst zu leben, unabhängig von der Auswertung, die oft nur der Form halber erfolgt. Die Filmemacher*innen müssen sich also selbst ermächtigen und sind von vorne herein von der Prätention belastet, gegen die Sehnsucht des Publikums zu arbeiten. Das ist die schwierige Ausgangslage.