24 Januar, 2020

Erfinder

Ich liebe Lego – weil es mich reizt, räumliche Vorstellungen konkret zu überprüfen, aber vor allem, weil mich dieses Medium ganz mühelos mit meinem Sohn verbindet, ob wir nun neben- oder miteinander spielen. Oft will er einfach nur, dass ich für ihn bestimmte Sonderteile suche, was angesichts der vielen Steine, die sich inzwischen angesammelt haben, dauern kann. Und auch wenn es befriedigend ist, einen dringend benötigten Stein zu finden, gibt es auch zu teuer (mit zu viel Zeit) erkaufte Erfolge des Suchens. Ich will nicht behaupten, dass dieser Frustrationspunkt exakt zu ermitteln wäre, aber er scheint eine gewisse Universalität zu haben. Das Wühlen in den Kisten erinnert mich an die Zeit, als das Suchen nach bestimmten Filmschnipseln im nicht immer perfekt organisierten Galgen so viel Zeit in Anspruch nahm, dass ich gelegentlich zu Lösungen greifen musste, die zwar weiter entfernt vom Plan, aber dafür eben (buchstäblich) näher lagen. Faulheit war immer schon „Innovationstreiber”. Wenn sich etwas auf die Schnelle nicht finden lässt, muss etwas Neues er-funden werden. Das ist eine Erfahrung der analogen Welt, die ich in der Digisphäre manchmal vermisse: dass man auf der Suche (zum Beispiel auch: im DVD-Regal) unverhoffte und vielleicht auch „unpassende” Begegnungen hat, die die eigenen Absichten produktiv durchkreuzen.

The Sound of Fury


In diesem neu erschienen Buch – benannt nach Cy Endfields gleichnamigen, erstaunlichen Film – durfte ich auf Einladung meines Revolver-Kollegen Hannes Brühwiler über den nicht minder sehenswerten ODDS AGAINST TOMORROW (Regie: Robert Wise, Drehbuch: Abraham Polonsky, USA 1959) schreiben. Inhaltsverzeichnis hier.

19 Januar, 2020

Störgeräusche

Eine Freundin hatte mich überredet, die Reportage für das Privatfernsehen zuzulassen. Ihr würde der Auftrag helfen, über Wasser zu bleiben, und mir konnte die Publicity sicher nicht schaden ... „Junger Regisseur auf dem Weg nach Oben“ hieß das kaum verhüllte Programm. Die Einstellungen wären ohne weiteres mit stock footage zu ersetzen gewesen, so überdeterminiert waren sie: die Fahrt in großer Limousine, der rote Teppich, das Blitzlichtgewitter usw.

Nur mein Film passte nicht ins Bild. Er war für viele Zuschauer eine Zumutung, Buhrufe und Pfiffe dominierten die Premiere im Delphi Kino. Bei meinem Erscheinen auf der Bühne erhob sich eine Frau im Saal und rief: „Warum tun Sie uns das an?“. Ich denke heute noch manchmal darüber nach, was ich ihr hätte entgegnen sollen.

Eine erste Ahnung hatte ich gehabt, dass sich nicht alle Türen öffnen würden für den Film. Die Beurteilung für den (Abschluss-) Film an der Münchener Filmhochschule monierte „Arroganz gegenüber dem Publikum“. Auch einige Partner des Films waren unterwegs vom Glauben abgefallen, und niemand war mehr überrascht über die Einladung ins Forum der Berlinale als meine zu diesem Zeitpunkt ziemlich demoralisierten Produzenten. Aber natürlich traf mich die geballte Ablehnung am Premierenabend, der alles, nur nicht rauschend war im Sinne der bestellten Reportage. 

Die Freundin löste das Problem mit filmischen Mitteln: sie ersetzte die „Störgeräusche“ kurzerhand mit Applaus aus der Konserve und log den Abend zum Triumph um, ganz bestimmt im Gefühl, mir damit einen Gefallen zu tun, aber vor allem im Sinne des vorgefassten Plans. Ich fühlte mich betrogen. So schwer es war, den Gegenwind auszuhalten: ich hatte das Forum als einen Ort kennengelernt, an dem Erfolg nicht identisch mit Zustimmung und ein geglückter Diskurs unter Umständen wertvoller war als ein „definitives“ Meisterwerk.

Filmemachen ist ein Ringen um Form – und Filmeschauen die manchmal nicht minder konfliktreiche Aneignung. Das Forum war für mich immer ein guter Ort für diese Auseinandersetzung. Und wenn ich dem Forum zum Geburtstag etwas wünschen darf, dann, dass das so bleibt.


Geschrieben als Gruß zum 50. Geburtstag des Internationalen Forums des Jungen Films. Auf dem Instagram-Kanal gibt es den Text auch in englischer Übersetzung.

07 Januar, 2020

Der Spalt



In Nuri Bilge Ceylans UZAK (Türkei 2002) gibt es eine vielsagende Szene, in der Mahmut, die von Muzaffer Özedemir gespielte Stellvertreterfigur des Regisseurs, den unerwünschten Verwandten aus der Provinz mit der Monotonie eines eigentlich geliebten Films – Tarkowskis STALKER – bewusst vertreibt. Kaum hat sich der vermeintliche Banause zum Schlafen zurückgezogen, legt Mahmut einen billigen Porno ein. 

Dieser Moment hat sich mir eingeprägt, nicht zuletzt, weil ich diese kulturelle (oder cinephile) Doppelmoral von mir selbst kenne. Es treibt mir heute noch die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich daran denke, wie ich gegenüber dem neuen Musiklehrer im Gymnasium (in der 8. Klasse, glaube ich) behauptet habe, „nur Klassik” zu hören. Das stimmte durchaus nicht, aber ich wollte als einer gelten, der „klassisch” gebildet war und schämte mich ein bisschen für die Kleinbürgerlichkeit meiner Eltern, in deren Leben für Musik wenig Platz war. 

Auch heute lege ich mir manchmal Bücher auf den Nachttisch, deren kulturelles Kapital mich anzieht, die ich aber eigentlich gar nicht lesen möchte. Und im DVD-Regal liegt mancher Hochkaräter und wartet, während billigere Vergnügungen bevorzugt werden, oft mit vorgeschobenen Begründungen. Dass ich dieses Theater auch ohne Zeugen, nur für mich selbst aufführe, ist das eigentlich Verrückte. 

Ich vermute, der Spalt zwischen Sein und Schein (oder Sein-wollen) ist nicht endgültig zu überwinden, aber immer wenn es gelingt, empfinde ich das als Gewinn. Als Erzähler wünsche ich mir, in Zukunft öfter als bisher dem „inneren Schweinehund” zu seinem Recht zu verhelfen, ohne ihn deshalb zum Leitwolf zu machen *. Das ganze Bestiarium der eigenen Wünsche, Sehnsüchte, Empfindungen soll Platz haben, im Leben, auf dem Nachttisch – und natürlich auch im Kino.


*
(Das wäre vielleicht auch eine brauchbare Populismus-Definition: den Schweinehund zum Leitwolf machen.)

Populismus heißt...

...den Ressentiments eines Publikums von oben entgegenzukommen, Vorurteile schmeichlerisch als „gesunden Menschenverstand” zu verklären, überhaupt autoritär Gelegenheiten zu schaffen, die es der Masse erlauben, die eigenen Ansprüche zu unterlaufen, weil man eine Ausnahme, eine Belohnung verdient hat angesichts der widrigen Umstände. 
Das Kunststück ist es dabei, den Gegner so zu entmenschen, ihn so zum Gegensatz zu machen, dass ein komfortabler Handlungsraum entsteht, indem man sich gehen lassen kann, als Opfer – und dabei trotzdem genügend Abstand zum Zerrbild bleibt, um überlegen zu scheinen.
Es geht also um die Erlaubnis zur Regression, um ein Angebot der Unreife: weil ihr so lange und so brav den Schließmuskel gehalten habt, (besser als alle anderen) dürft ihr jetzt (der Feind zwingt uns) erschlaffen, alles rauslassen, sagt der populistische Führer, der immer und immer von Größe redet (aber letztlich „groß machen“ meint). 
Und aus diesem Nachlassen und Schwachsein wird dann ein warmes WIR gemacht, das natürlich nur im Gegenlicht der Feindschaft Form hat. Wir wissen ja, nichts schweißt so zusammen wie eine Schweinerei, und nichts erschwert die Rückkehr zu den „besseren Engeln“ so gut wie eine Schwäche, zu der man sich vor Zeugen hat hinreißen lassen.
(Aus meinem Notizbuch)

22 Dezember, 2019

Ohne


Wenn ich, als Immer-Brillenträger, doch einmal ohne bin, vermisse ich sofort Gesichter, und wie sie mich betreffen; funktionale Nachteile hat es natürlich auch. Denn ja, so „blind” bin ich. Aber es bedeutet auch Freiheit. Eingetaucht in das Weichbild der Welt scheint der Blick plötzlich nahtlos in alle Richtungen zu fließen, statt durch den Rahmen nur nach Vorne. Und der Mangel an Unterscheidungsvermögen fühlt sich nach Komfort an. Unscharf sehen ist wie eine fremde Sprache hören, man setzt sich dem Klang aus, bekommt ein Gefühl für eine Unterhaltung, muss aber die Einzelheiten nicht verstehen. Die Brille, merke ich dann, ist auch ein Zuchtmeister, Kandare im Maul des Kleppers, der lieber dem Wind folgen möchte. Nach stundenlanger Augen-Treidlerei am Bildschirm jedenfalls ist die Erfrischung willkommen, und ich nehme mir vor, im neuen Jahr öfter randlos rauszugehen – und falls Sie es auch tun, und ich Sie nicht grüße, wissen Sie warum.

10 Dezember, 2019

Welcher Film?



Die hitzigsten Debatten bei uns zu Hause entstehen nicht nach, sondern vor einem Film. Manchmal ist die Frage, welcher Film gemeinsam geschaut werden soll, selbst abendfüllend. Bei meinen Kindern kommen dabei alle Mittel der Diplomatie zum Einsatz, vom Werben mit etablierten Vorzügen („Du magst doch Zeichentrick …”), der spekulativen Kritik („Das ist bestimmt total gruselig, da kannst du nicht einschlafen …”), über den klassischen Kuhhandel („Wenn wir heute ... schauen, darfst du das nächste Mal … sehen”  - siehe Bild), bis zu Bestechung („Du kriegst eine Tafel Schokolade.”) und Erpressung („… sonst verstecke ich dein Handy”).

Ich habe in dieser Meinungsschlacht keinen besonderen Status, im Gegenteil führt mein angebliches Expertentum oft zu Allianzen gegen mich („Heute keine traurigen Filme, Papa.”). Um Patt-Situationen zu entschärfen, haben wir vor einiger Zeit die sogenannte Fünf-Minuten-Regel eingeführt. Ein strittiger Titel bekommt fünf Minuten eingeräumt, um die Skeptiker zu überzeugen. Leider werden manche Filmabende so zu reinem Stückwerk. Aber wenn es dann doch gelingt, einen „Familienfilm” zu finden, der uns vereint, wissen wir wieder, wer wir sind.

25 September, 2019

(Wieder-) Gesehen



AZ ÉN XX. SZÁZADOM (Ildilkó Enyedi, Ungarn 1989)

Geschichte, geträumt.





O PADRE E A MOÇA (Joaquim Pedro de Andrade, Brasilien 1966)

Unglaublich, wie hier die sinnliche Wahrnehmung alles außer Kraft setzt: Sprache, Moral, 'Zivilisation'.



A FUGITIVE FROM THE PAST (Tomu Uchida, Japan 1965). 

Fliehkräfte: Heist Movie, Police Procedural, Sozialdrama. Der Regie gelingt es mit roher Kraft, die komplementären Teile zu einem Ganzen zu zwingen. 



ÖRÖKBEFOGADÁS (Márta Mészáros, Ungarn 1975) 


Eine Frau mit Kinderwunsch verhilft einem Mädchen aus dem Heim zu der ersehnten Hochzeit – und testet so ihren „Mutterinstinkt”. Diese Frauenfreundschaft schildert der Film mit selten gesehener Zärtlichkeit.





RAW DEAL (Anthony Mann, USA 1948). 

Einer jener Noirs, die aus dem eigenen Unbewussten zu kommen scheinen. 

12 August, 2019

Cine-Vodoo


Hurd Hatfield in Albert Lewins Verfilmung von THE PICTURE OF DORIAN GRAY.

Das Kino ist ein Vodoo-Meister, der den Tod betrügt – aber zu welchem Preis? Im Gespräch über Zombie-Filme (einem Genre, in dem ich mich nicht auskenne) fällt mir ein, dass die Untoten in gewisser Weise dem Bildnis des Dorian Gray entsprechen, also vielleicht einfach die andere Seite des Wahns sind, der uns täglich dazu bringt, eine Armee untoter Körper tanzen zu lassen, Schauspieler, die auf unser Kommando, zu unserem Vergnügen jung und schön bleiben, während ihre Körper jenseits der Spiegelachse verfallen oder verwesen. Ob die Toten ihrer Objektivierung im Kino zustimmen würden? In Zeiten digitaler Verjüngung oder Wiederauferstehung stellt sich die Frage noch einmal neu.