11 Juli, 2017

Die Beute wird geteilt

Die Nacht als Versprechen: John Altons fiebrige Kamera in 
Joseph H. Lewis' THE BIG COMBO.

Im November letzten Jahres habe ich auf Facebook um Empfehlungen gebeten in Sachen Gangster- Unterwelts- und Nachtfilme abseits des Kanons. Das Echo war groß, und weil die Liste schön ist, und einige Überraschungen enthält, möchte ich sie mit Verspätung auch hier öffentlich machen. Viele der Filme kannte ich schon, einige habe ich inzwischen gesehen, von manchen hatte ich noch nie gehört, alle machen mich neugierig (und den Einen oder Anderen unter den Parallelfilm-Lesern vielleicht auch).

MISS MEND (Boris Barnet, UdSSR 1926)
VORUNTERSUCHUNG (Robert Siodmak. Deutschland 1931)
RAZZIA IN ST. PAULI (Werner Hochbaum, Deutschland 1932)
PICTURE SNATCHER (Lloyd Bacon, USA 1933)
THE BLACK CAT (Edgar Ulmer, USA 1934)
MAD LOVE (Karl Freund, USA 1935)
STRANGER ON THE THIRD FLOOR (Boris Ingster, USA 1940)
BLUEBIRD (Edgar Ulmer, USA 1944)
HANGOVER SQUARE (John Brahm, USA 1945)
CROSSFIRE (Edward Dmytryk, USA 1947)
ODD MAN OUT (Carol Reed, GB 1947)
NON COUPABLE (Henri Decoin, Frankreich 1947)
BORN TO KILL (Robert Wise, USA 1947)
APENAS UN DELINCUENTE (Hugo Fregonese, Argentinien 1949)
DER FALL RABANSER (Kurt Hoffmann, Deutschland 1950)
HE RAN ALL THE WAY (John Berry, USA 1951)
TOUCHEZ PAS AU GRISBI (Jacques Becker, Frankreich 1954)
THE BIG COMBO (Joseph H. Lewis, USA 1955)
RAZZIA SUR LA CHNOUF (Henri Decoin, Frankreich 1955)
VIELE KAMEN VORBEI (Peter Pewas, Deutschland 1956)
NIGHTFALL (Jacques Tourneur, USA 1956)
MURDER BY CONTRACT (Irving Lerner, USA 1958)
AM TAG ALS DER REGEN KAM (Gerd Oswald, Deutschland 1959)
INTIMIDATION (Koreyoshi Kurahara, Japan 1960)
BLAST OF SILENCE (Allen Baron, USA 1961)
ALIAS GARDELITO (Lautaro Murúa, Argentinien 1961)
TOKYO DRIFTER (Seijun Suzuki, Japan 1966)
CASH CALLS HELL (Hideo Gosha, Japan 1966)
HEISSES PFLASTER KÖLN (Ernst Hofbauer, Deutschland 1967)
ST. PAULI ZWISCHEN NACHT UND MORGEN (José Bénazéraf, Deutschland 1967)
THE INCIDENT (Larry Peerce, USA 1967)
JOE CALIGULA – DU SUIF CHEZ LES DABES (José Bénazéraf, Frankreich 1969)
INVASIÓN (Hugo Santiago, Argentinien 1969)
THE WOLVES (Hideo Gosha, Japan 1971)
BLUTIGER FREITAG (Rolf Olsen, Deutschland 1972)
MILANO KALIBER 9 (Fernando di Leo, Italien 1972)
THE FRIENDS OF EDDIE COYLE (Peter Yates, USA 1973)
BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY (Kinji Fukasaku, Japan 1973-1976)
THE NICKEL RIDE (Robert Mulligan, USA 1974)
GRAVEYARD OF HONOR (Kinji Fukasaku, Japan 1975)
HUSTLE (Robert Aldrich, USA 1975)
MIKEY AND NICKY (Elaine May, USA 1976)
THE SQUEEZE (Michael Apted, GB 1977)
VENGEANCE IS MINE (Shohei Imamura, Japan 1979)
GESCHICHTE DER NACHT (Clemens Klopfenstein, Schweiz 1979)
THE LONG GOOD FRIDAY (John Mackenzie, GB 1980)
MANILA BY NIGHT (Ishmael Bernal, Philippinen 1980)
VICE SQUAD (Gary Sherman, USA 1982)
MONA LISA (Neil Jordan, GB 1986)
HENRY: PORTRAIT OF A SERIAL KILLER (John McNaughton, USA 1986)
AT CLOSE RANGE (James Foley, USA 1986)
SCHATTENBOXER (Lars Becker, Deutschland 1992)
LIFE ACCORDING TO AGFA (Assi Dayan, Israel 1992)
LIGHT SLEEPER (Paul Schrader, USA 1992)
C’EST ARRIVÉ PRÈS DE CHEZ VOUS (Rémy Belvaux, André Bonzel, Belgien 1992)
THE GENERAL (John Boorman, GB 1998)
CROUPIER (Mike Hodges, GB 1998)
SECRET DÉFENSE (Jacques Rivette, Frankreich 1998)
THE LONGEST NITE (Patrick Yau, Hongkong 1998)
NUEVE REINAS (Fabián Bielinsky, Argentinien 2000)
FRIEND (Kyung-taek Kwak, Südkorea 2001)
GRAVEYARD OF HONOR (Takashi Miike, Japan 2002)
UN OSO ROJO (Adrián Caetano, Argentinien 2002)
PUBLIC ENEMY (Woo-Suk Kang, Südkorea 2002)
PTU (Johnnie To, Hongkong 2003)
ONE NITE IN MONGKOK (Derek Yee, Hongkong 2004)
THE PASSENGER (François Rotger, Frankreich/Japan 2005)
A BITTERSWEET LIFE (Jee-woon Kim, Südkorea 2005)
EL AURA (Fabián Bielinsky, Argentinien 2005)
A DIRTY CARNEVAL (Yoo Ha, Südkorea 2006)
MR 73 (Olivier Marchal, Frankreich 2008)
KINATAY (Brillante Mendoza, Philippinen 2009)
THE YELLOW SEA (Hong-jin Na, Südkorea 2010)
VALLANZASCA - GLI ANGELI DEL MALE (Michele Placido, Italien 2010)
CARNE DE NEÓN (Paco Cabezas, Spanien 2010)
NAMELESS GANGSTER (Jong-bin Yun, Südkorea 2012)
NEW WORLD (Hoon-jung Park, Südkorea 2013)
NIGHTCRAWLER (Dan Gilroy, USA 2014)

07 Juli, 2017

Lidschlag


Der Lidschlag wird manchmal als 'natürliches Äquivalent' des Filmschnitts bezeichnet und wirklich blinzeln wir oft in Momenten des „Einstellungswechsels”, oder unterbrechen eine Sehphase, um unser Auge zu erfrischen. Man könnte daraus eine - etwas wackelige - Theorie der Auflösung ableiten: Jede neue Einstellung soll den Gegenstand von einer anderen Perspektive zeigen, etwas Neues offenbaren, und zwar nicht, weil Abwechslung ein Wert an sich wäre, sondern weil wir das Sehen als einen fortwährenden Ergänzungsprozess verstehen müssen, der auf ein möglichst vollständiges, das heißt wahrheitsgetreues Abbild aus ist.

(Das Bild stammt meiner Sequenzanalyse zu Hitchcocks THE WRONG MAN.)

15 Juni, 2017

01 Juni, 2017

Le Corbeau



Am 14. Juni 2017 mache ich eine Einführung zu Henri-Georges Clouzots großartigem LE CORBEAU im Zeughauskino.
An anderer Stelle habe ich über den Film geschrieben: "LE CORBEAU, Henri-Georges Clouzot's bitter 1943 noir, made under German occupation, convincingly shows how denunciation—even when accurate—destroys the social fabric of a community. The truth telling anonymous here is initially welcomed by many, as a distraction from drab routines, or because they hope to profit from the change the scandal will inevitable bring; but letter after letter, it becomes clear that truth without the (moral) concept of visibility is terror..."

11 Mai, 2017

Fünf Wege?

Ken Adam: Skizze für MOONRAKER (Lewis Gilbert, 1979).

Fünf Wege in die Zukunft des Kinos:

1
Pickpocket Cinema

Gelegenheit schafft Diebe: wenn man eine Entdeckung macht – vielleicht die trickreiche Krähe, die Autos ihre Nüsse knacken lässt – kann man jederzeit seine kinotaugliche Kamera zücken.

„Hast du eine Kinokamera in der Tasche oder freust du dich nur, mich zu sehen?”

2
Search Engine Cinema 


So viel Archiv war nie. Mit modernen Werkzeugen lässt sich endlich zielstrebig damit umgehen. 


„Okay Google, ich will einen Mann sehen, der von rechts um die Ecke biegt und dabei lacht.”

3
Update Cinema


Es geht darum, Vorproduktion, Produktion und Postproduktion auf einer Matrix – einer technischen Ebene – so zu verschmelzen, dass der Film in Form kontinuierlicher Updates Gestalt annimmt, statt plötzlich und überraschend im Schneideraum aufzutauchen.


„Schatz, ich gehe eben noch ins Studio, eine Szene neu drehen."


4
Mastershot Cinema


Jede Szene wird in ein oder maximal zwei hochauflösenden Mastershots aufgenommen und erst im Schneideraum dann in kleinere Einheiten („Einstellungen”) rekadriert bzw. mit simulierten Fahrten „befragt”. Diese Mastershots wären noch keine Bilder, eher Blickfelder, die die wesentlichen Aktionen einer Szene erfassen. 


„Kamera steht.”

5
Short Cut Cinema 


Narrative Abkürzungen sind aus der Mode gekommen, obwohl wir heute so viel über das Kino wissen wie nie. Aber wie wäre es, im Spielfilm immer dann essayistisch mit dem Erzählen umzugehen, wenn die Sache einfach schon furchtbar oft erzählt wurde und das Publikum die Nachtigall längst trapsen hört. 


„Wenn wir die Pistole in der Schublade sehen, ist der Mord nur einen Schnitt entfernt.”



Notizen für einen Vortrag über die „Zukunft des Kinos”, gehalten 2014.

07 Mai, 2017

Cannes 2005

Wir kommen an im Regen. Die Empfangsdame, im Uniformkleid, fröstelt. Unser Fahrer sieht aus wie ein Schauspieler – aber ich komme nicht auf den Namen. Immer, wenn er mir fast einfallen will – fragt irgendjemand etwas. Er steckt die Wimpel mit der goldenen Palme an den Wagen, wie für einen Staatsbesuch: Das Kino wird hier ernst genommen. Wenn jemand in unsere Limousine gafft, schaue ich staatsmännisch zurück. So wirkt das Außen nach Innen. Zuerst einmal sehe ich nichts von der Croisette. Nichts vom Meer. Keine Palmen. Ich sitze im Foyer eines Hotels und gebe Interviews. Es sind so viele, dass sie alle ineinander verschwimmen. Viele deutsche Journalisten fragen, warum meine Filme in Frankreich gemocht werden. Es klingt, als müsste ich mich entschuldigen. Ich höre mich von der französischen Filmkultur erzählen, von ihrer Neugier auf das Neue. In Deutschland würde man Filme zuallererst inhaltlich diskutieren. Todesstrafe, Drogensucht, Gewalt an Schulen. Aber das Kino ist keine Partei, sage ich. Der wahre Film ist ein Abenteuer, ohne Gebrauchsformel. Da treffe ich mich mit den Filmbossen des alten Hollywood: Wer etwas zu sagen hat, soll ein Telegramm schreiben. Ich mache Filme. Cannes ist seine Legende. Die wirkliche Wirklichkeit dieser kleinen Stadt am Meer ist nicht der Rede wert. Weder die Croisette, noch die Luxushotels, und schon gar nicht der Festivalpalast verdienen, schön genannt zu werden. So, wie die Kinos meiner Kindheit schäbig waren, ist Cannes protzig. Alles dreht sich um Status. Wer hat den besten Badge? Die tollste Einladung? Die größte Limousine? Auf Partys muss man fürchten, für einen wichtigeren Gesprächspartner verlassen zu werden. Oder für einen anderen „Termin”. Das Festival ist eine große Maschine. Die Filme aus dem offiziellen Programm sind nur Anlass und Feigenblatt, aber für uns Regisseure natürlich das Eigentliche. Meine Premiere geht spurlos an mir vorüber. Sie ist vorbei, bevor ich sie so richtig wahrgenommen habe. Der Applaus war sehr freundlich. Nur sechs Leute sind aus dem Kino gelaufen, sagt meine Produzentin. Das ist ein guter Erfolg, lerne ich. Aber so richtig begreife ich es erst, als ich später in dem Beitrag aus Ungarn sitze, aus dem die Leute geradezu strömen, und zwar von der dritten Minute an. Das ist das intoleranteste Publikum der Welt. Und wer einmal hier war, versteht auch, warum: Die fortwährende Begegnung mit anderen Menschen und Filmen, das ständige Hasten und Telefonieren, die Partys und Verhandlungen zehren die Leute aus. Man will hier von einem Film entweder gepackt, oder in Ruhe gelassen werden. Die Kritiken am nächsten Tag sind gut. In Libération schreibt Gérad Lefort, an der Erneuerung des deutschen Kinos könne angesichts meines Films kein Zweifel bestehen. Le Monde druckt an diesem Tag nur zwei Filmbilder: Eines von Lars von Triers’ MANDERLAY, eines von FALSCHER BEKENNER. Variety, für den amerikanischen Film so wichtig wie die Bibel für die Christen, lobt meine Arbeit und begeistert sich für Constantin von Jascheroff, meinen Hauptdarsteller, der den Film „effortless”, ohne Anstrengung, trage. Ich finde, sie haben Recht. Und auch die Cahiers du Cinema, das Neue Testament sozusagen, hat Gefallen gefunden – und verknüpft den Film assoziativ mit Horror und James Dean. Und dann höre ich das Schönste: Abbas Kiarostami mag den Film!


Für meinen Hauptdarsteller Constantin von Jascheroff ist Cannes das Paradies. Überall Partys, schöne Frauen, dicke Autos. Während er sich in das Getümmel wirft, ziehe ich mich eher zurück. Mir wird es nach zwei Tagen Interviews und diversen Treffen langsam zu viel. Auch meine nimmermüde Produzentin Bettina Brokemper sehnt sich nach Hause. Wir haben seit September – dem Beginn der Drehvorbereitungen – durchgearbeitet. Niemand hätte gedacht, dass wir es in diesem Wahnsinnstempo nach Cannes schaffen würden. Und der einzige, der das jetzt wirklich feiert, ist Constantin. Eigentlich hatte ich gehofft, viele Filme sehen zu können. Den neuen Gus van Sant. Den Film der Dardennes. Den neuen Haneke. Und und und. Und nun habe ich diese wundervolle Plastikkarte am Hals baumeln, freien Zugang zu den vielleicht besten Filmen des Jahres – und habe keine Zeit. Es ist ein Jammer. Aber natürlich, wir sind ja nicht zum Spaß hier. Der Film will „kommuniziert” werden. „Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen?” Tja. Auf dem Arte-Boot bin ich dann mit meinem Freund und Revolver-Mitstreiter Benjamin Heisenberg, der seinen beeindruckend klaren Debütfilm SCHLÄFER auch in Un Certain Regard präsentiert. Dass wir beide in Cannes sind, ist wirklich fantastisch. Wir fühlen uns wie Abgesandte eines neuen deutschen Films. Unser Segment der Arte-Sendung ist dann auch viel sagend mit „Nouvelle Vaque Allmande” überschrieben. Aber Zeit, Licht ins diffuse Dunkel dieses Begriffes zu bringen, haben wir nicht. Wichtig ist, dass wir da sind, unsere Gesichter zeigen – und ein Revolver-Heft, unser Filmmagazin, in die Kamera halten. Valeska Grisebach, die geschätzte Kollegin, schreibt uns per SMS aus Berlin, dass wir „fesch” aussehen. Na dann! Schon geht es weiter, auf das Un Certain Regard-Dinner... Am nächsten Morgen kommt noch einmal Stimmung auf. Wir haben den Film in die USA und nach Frankreich verkauft! Einen Abschluss mit einem deutschen Verleih gibt es noch nicht. Aber wir sind guter Dinge, als wir aufbrechen. Die Welt hat unseren Film gesehen. Er hat den Härtetest bestanden. Und das ist erst der Anfang.


Geschrieben 2005 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der Text erscheint in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift La Septième Obsession (in französischer Übersetzung von Jerome d'Estais), zum 70. Geburtstag des Festivals.

25 April, 2017

Über Revolver



Am Dienstag, den 16.05.2017 bin in Stuttgart, um im Rahmen der Ringvorlesung „Filmkritik + Videoessay” an der Merz Akademie über unsere Arbeit an/bei/mit REVOLVER zu sprechen.

Nachtrag:
Wer Muse hat, kann sich den Vortrag hier als Video ansehen).