21 März, 2024

Revolver Live! (62): Jürgen Jürges – Zugewandte Zeugenschaft


Jürgen Jürges (*1940 in Hannover) gehört ohne Zweifel zu den größten Bildgestaltern des europäischen Kinos; gleichzeitig ist er dem breiten Publikum weitgehend unbekannt. Das hat mit seiner leisen Art zu tun, aber womöglich auch mit der ungewöhnlichen Vielfalt seiner Filmographie. Jürges war nie einer, der sich auf Markenzeichen hätte festlegen wollen, immer wieder hat er sich auf neue Setzungen, Sichtweisen und Erzählstile eingelassen. Von Rainer Werner Fassbinder (mit dem er vielfach zusammen gearbeitet hat, darunter bei Angst essen Seele auf und Fontane Effie Briest) bis Michael Haneke (u.a. Funny Games und Code Inconnu), von Wim Wenders (In weiter Ferne so nah!) bis Uli Edel (Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo), von Tankred Dorst (Mosch, Eisenhans) bis Ilya Khrzhanovsky (Dau Zyklus), von Roland Klick bis Andreas Kleinert, von Helma Sanders-Brahms bis Robert van Ackeren usw. Was die Arbeiten bei aller Unterschiedlichkeit verbindet ist vielleicht so etwas wie eine zugewandte Zeugenschaft, ein dokumentarisches Ethos, das die Fiktion durchdringt und beglaubigt. Wir freuen uns, mit Jürges am konkreten Beispiel einiger ausgewählter – und stilistisch höchst unterschiedlicher – Projekte über seine Arbeitsweise(n) zu sprechen. 

Christoph Hochhäusler, Nicolas Wackerbarth 


Am Sonntag, den 07.04.2024 um 14 h im Diagonale Forum (Heimatsaal im Volkskundemuseum Graz) im Rahmen der Diagonale. Eintritt frei.


P.S.: 

Zwei Filme, die Jürgen Jürges fotografiert hat, werden außerdem in voller Länge auf Leinwand zu sehen sein, projiziert von 35 mm: Am 06.04.2024 um 17:30 h CODE INCONNU (Regie: Michael Haneke, 2000) im Rechbauer-Kino sowie am 07.04.2024 um 11 h EISENHANS (R: Tankred Dorst, 1983) im Schubertkino 1, den Jürges zu seinen persönlichen Lieblingsfilmen zählt.



© Emely Timm



Jürgen Jürges

Geb. 1940 in Hannover. 1961 Photografische Ausbildung an der Letteschule in Berlin. Diplom. Bis 1963 Kameravolontär bei Hans-Jürgen Pohlands „art film GmbH“. Ab Mitte der 1960er Jahre Kameraassistent u.a. bei Volker Schlöndorffs Der junge Törless (1966) und Mord und Totschlag (1967). Ab 1970 als Chefkameramann tätig. Er arbeitet in Folge mit einigen der wichtigsten Vertreter des Neuen Deutschen Films (Rainer Werner Fassbinder, Reinhard Hauff, Wim Wenders, Helma Sanders-Brahms). Filme wie Die Zärtlichkeit der Wölfe (Uli Lommel, 1973), Angst essen Seele auf (RWF, 1973), Fontane Effi Briest (RWF, 1974), Satansbraten (RWF, 1975, nur 1. Drehabschnitt), Paule Pauländer (Hauff, 1976), Deutschland bleiche Mutter (Sanders-Brahms, 1980) entstehen in der Zeit. Deutscher Filmpreis / Beste Kamera 1980 für die Arbeit an Kückelmanns Die letzten Jahre der Kindheit (1979). In den 1980er Jahren fächerte sich Jürges‘ Kameraarbeit noch weiter auf: Von Uli Edels Reportage-Reißer Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981), über die große Künstlichkeit in Robert van Ackerens Beziehungsdrama Die flambierte Frau (1983), zu Arend Agthes impressionistischen Kinderabenteuerfilmen Flußfahrt mit Huhn (1985) und Der Sommer des Falken (1988) oder auch dem Schimanski-Kinofilm Zahn um Zahn (Hajo Gies, 1985). 1986 Deutscher Kamerapreis für das Fernsehspiel Die Wupper (Regie: Jürgen Flimm) sowie 1988 für Eisenerde Kupferhimmel (Regie: Zülfü Livaneli). 1994 Deutscher Filmpreis / Beste Kamera für In weiter Ferne, so nah! (Regie: Wim Wenders), 1999 für Wege in die Nacht (Regie: Andreas Kleinert). Mit Michael Haneke: Funny Games (1997), Code inconnu (2000) und Wolfzeit (2002). Im Rahmen von Ilya Khrzhanovskys monumentalen Dau-Projekt entstehen über einen Zeitraum von 10 Jahren mehr als ein Dutzend Spielfilme, für die Jürges die Bildgestaltung übernimmt, darunter Dau: Natasha, für den er 2020 einen Silbernen Bären für die beste Kamera gewinnt. Im Rahmen der Bild-Kunst Kameragespräche wurde Jürges im März 2016 der 16. Marburger Kamerapreis für herausragende Bildgestaltung im Film verliehen. Den Deutschen Filmpreis für sein Lebenswerk erhielt er 2022.



Revolver Live! Chronik:


06.04.2024

Queere Reifeprüfungen – mit Merle Grimme, Julia Fuhr Mann, Fabian Stumm.

03.03.2024 

Gerd Kroske – Gegen den Strich

13.07.2023 

Radu Jude – Dialektischer Witz

02.10.2020 

Bertrand Bonello – Bezug zum Jetzt

05.07.2019 

El Pampero Cine – Laura Citarells, Pierri, Alejo Moguillansky 

26.01.2019 

Bruno Todeschini 

04.01.2019 

Patrick Wang

08.07.2018  

Lucrecia Martel – Geheimnisvolle Pracht 

28.04.2018

Filmförderung oder ihr Gegenteil? Mit Lars Henrik Gass, Martin Hagemann, Caroline Kirberg, Frédéric Jaeger 

12.01.2018

Jacques Nolot

06.05.2017

Matías Piñeiro – Spiele & Regeln

06.12.2016

Luc + Jean-Pierre Dardenne

23.01.2016

Ursina Lardi, Devid Striesow, Angela Schanelec: Geben und Nehmen

13.12.2015

Axelle Ropert – Das Ideal klassischer Filmkunst

30.10.2015

Adam Curtis – On the Invisibility of Modern Power 

10.10.2015

Denis Lavant – Brute Force. Mit Sandra Hüller

28.06.2015

Miguel Gomes – Auf der Suche nach einem Film

02.05.2015

Marlen Chuzijew 

17.03.2015

Sergei  Loznitsa – Facing History 

6.03.2015

Serge Bozon – deutsch-französischer Dialog

30.01.2015

Michael Baute – Filme über Filme 

02.11.2014

Ruben Östlund – Keine Helden nirgends 

24.10.2014

Was ist aktivistische Filmkritik? Mit Frédéric Jaeger, Dunja Bialas, Claus Löser

07.09.2014

Albert Serra – Die Grenzen der Sehnsucht

25.04.2014

Razvan Radulescu – Aus der Werkstatt des neuen rumänischen Kinos

17.04.2014

Arne Feldhusen – Akademisches / Nichtakademisches Filmemachen

14.03.2014

Ramon + Silvan Zürcher – Merkwürdiger Alltag

26.01.2014

Peter Liechti

02.12.2013

Günter Stahnke – Zwischen den Stühlen

01.10.2013

Ula Stöckl – Paargeschichten

18.10.2012

Nadav Lapid

15.09.2012

Close-Up „Arsenal” – Innenansichten einer modernen Kinemathek. Mit Birgit Kohler, Milena Gregor, Stefanie Schulte-Strathaus

07.05.2012

Angriff der Gegenwart. Mit Jessica Krummacher, Hannes Lang, Max Linz, Timo Müller 

27.01.2012

Andrew Bujalski – Unschärfe des Lebens

09.01.2012

Marie-Pierre Duhamel – Talking Pictures

05.12.2011

Marie Vermillard – Erleben und Erfinden

24.03.2011

Olivier Père – Cinema in Transition / The Festivals

02.10.2010

Mia Hansen-Løve – Gefühl und Verstand

18.11.2009

Jean-Pierre + Luc Dardenne – Physis, Drama, Märchen

29.10.2008

Lav Diaz – Vergehendes Leben

09.05.2008

Maren Ade – Kampf um Nähe

02.05.2008

Götz Spielmann – Stadt und Land

13.04.2008

Susanne Lothar + Ulrich Noethen - Gefühle spielen

13.11.2007

Hans Hillmann – Das Filmplakat

01.10.2007

Tankred Dorst + Ursula Ehler – Die Stimme des Erzählers

10.08.2007

Hou Hsiou-Hsien – Erfahrung vs. Erzählung

07.05.2007

Hans-Jürgen Syberberg – Höhle der Erinnerung

07.01.2007

Terry Gilliam – Visionär und Alchemist

07.10.2006

Valeska Griesebach – Helden des eigenen Lebens

31.09.2006

Ulrich Köhler – Der diskrete Charme (mit Patrick Orth)

15.06.2006

Dokumentarische Positionen. Mit Gerhard Friedl, Stefan Landorf, Volker Sattel 

29.10.2005

Berlin Sub: Filme ohne Auftrag. Hangover Ltd., b_books av, Tödliche Doris 

Mit Ute Schall, Stefan Geene, Wolfgang Müller,

17.10.2005

Perspektive Filmkritik. Mit Diedrich Diederichsen, Manfred Hermes, Enno Patalas

12.08.2005

Thom Andersen – Story, History and Space

06.04.2005

Angela Schanelec – Raumsprache (mit Reinhold Vorschneider) 

17.10.2004

Romuald Karmakar – Filmarbeiter

28.01.2004

Persona-Abend. Mit Hinnerk Emmrich, Judith Engel, Bibiana Begelau

08.05.2004

Neue Realistische Schule? Mit Maren Ade, Sylke Enders, Henner Winckler, Sören Voigt

11.01.2004

Die Methode Ulrich Seidl – mit Maria Hofstätter, Georg Friedrich 

14.12.2003

Michael Haneke: Der unbestechliche Blick 

25.10.2003

Christian Petzold – Einführung in eine innere Filmgeschichte

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