21 Oktober, 2008

Cristina Nord:

„...offenbar hat gerade die Naivität etwas Verführerisches in einer Zeit, in der man sich wieder gerne positiv und ohne Scham auf Deutschland bezieht.”

Aus dem sehr lesenswerten Artikel in der TAZ über die Welle deutscher Geschichtsfilme und ihrem „Fetisch Authentizität”.

Nachlesen:
http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F10%2F21%2Fa0090&cHash=5b12958c89

Kommentare:

  1. "Authentizität" ist doch nicht der Fetisch, sondern schlicht das Verkaufsargument, das dazu dient, eine notorisch kinofeindliche Nation, von der Wichtigkeit eines Films zu überzeugen.
    Und denoch: ist es dem Zuschauer nicht zu wünschen, zumindest annähernd die auslöschende Erfahrung der Gaskammern von Auschwitz zu machen? Lohnt es nicht, zumindest in Ansätzen den unmenschlichen Drill einer Nazi-Jugendorganisation nachzufühlen? Ist es keine gute Sache, zumindest hypothetisch die prekäre Position eines Kriegs- und Vergewaltigungsopfers einzunehmen? Ist die hyperrealistische filmische Erfahrung von lethaler Schussverletzung und Psycho-Trauma theoretisch nicht wert gemacht zu werden? Ist die drückende Enge und farblose Kälte einer effizienten Überwachungsgesellschaft nicht zumindest bedingt möglich nachzuvollziehen?
    Was ist falsch, wenn mir das Kino, das Kino allein, erlaubt zu leiden, zu fürchten, zu neiden und zu hassen? Zu bluten, zu wimmern, zu ducken und im Gleichschritt zu marschieren?
    Sind diese Affekte allein nicht Grund genug, "so viele rot leuchtende Hakenkreuzfahnen" oder den Umstand das hunderte Komparsen in Wehrmachtsuniform schlüpfen, billigend in Kauf zu nehmen?

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  2. Sie schreiben - leider anonym: „Ist es dem Zuschauer nicht zu wünschen, zumindest annähernd die auslöschende Erfahrung der Gaskammern von Auschwitz zu machen?” Dieser Satz widerlegt sich selbst. Denn die „auslöschende Erfahrung” - was für ein widerwärtiger Euphemismus - kann eben nicht identifikatorisch vermittelt werden. Der millionenfache Tod ist kein „Drama”, das mich kartarthisch läutern könnte. Die suspense-erotische Individualisierung verhöhnt die Opfer und verdelt die Täter zu „dramaturgisch notwendigen” Schurken. So wenig, wie die „Erfahrung”, einmal die Perspektive einer Bombe eingenommen zu haben (Michael Bays „Pearl Harbor”), zu einer Einsicht werden kann, so wenig lernen wir von dem intimistischen Parkinson-Hitler in Eichingers „Der Untergang”. Im Gegenteil, mit dem Kitzel - einmal Mäuschen sein - wird die Katastrophe unserer Geschichte in mundgerechte Fiktionen aufgelöst. Dass die Deutschen dieses Bonbon gerne lutschen, wundert mich nicht. Solange wir noch unterscheiden können, ist Differenzierung Pflicht.

    Christoph Hochhäusler

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  3. Christophs Antwort in Bezug auf: „Ist es dem Zuschauer nicht zu wünschen, zumindest annähernd die auslöschende Erfahrung der Gaskammern von Auschwitz zu machen?” ist nichts hinzuzufügen! In der Tat grenzt die Vorstellung die "auslöschende Erfahrung" durch Inszenierung/Fiktion dem "Zuschauer(!)" erfahrbar zu machen an Perversion - ach was, es ist zum Kotzen! Ich denke hier nicht nur an die Komparsen die die Täter darstellen, sondern auch die gespielten "Leichenberge" in Schindlers Liste. Bzgl. Inszenierung/Moral im Spielfilm kann man immer wieder auf Rivettes "KAPO" Kommentar hinweisen.
    Inwiefern die Verwendung von dokumentarischen Material bedenklich ist (also im non fiction film) kann man sehr schön in Georges Didi Hubermanns "Bilder trotz allem" nachlesen in dem er insbesondere auf die signifikanten Unterschiede in der Holocaust Betrachtung von Lanzman (Shoah) und Godard (Histoire(s)) eingeht.

    Das NZZ Zitat von Karmakar passt natürlich auch wieder sehr schön in diesen Kontext...

    Gruß,
    Axel

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  4. In der Kritik von Andreas Kilb in der FAZ steht auch ein schöner Satz über Anonyma: "Statt subjektiver Wahrheiten produziert er objektive Klischees."
    Während "Shoah" und die "Histoire(s)" eine Herausforderung an den Zuschauer sind und beide gnadenlos subjektiv, ist Anonyma doch wie Schindlers Liste ein in schönes Licht getauchtes Kostüm-Melodram, das mit dem Anstrich der historischen Wahrheit nur Werbung macht.
    Das "Mäuschen spielen" wird so zum Voyeurismus. Bloß keine Stellung beziehen. Sartre hat mal geschrieben: "Ein ganz unverhohlenes Schluchzen ist nicht schön: es beleidigt." Aber ein Film wie Anonyma beleidigt niemanden, er zieht sich fein säuberlich aus der Affäre ohne jemandem auf den Fuß zu treten, und nach dem Kino kann man schön einen trinken gehen. Ein Film für unmündige Zuschauer, der mundgerecht und ohne Kanten ist, leicht verdaulich wie Babynahrung.

    Melodramatische Geschichtsklitterung ist ja schon seit "Birth of a nation" im Kino zuhause, aber da wurde man wenigstens mit innovativer Filmkunst entschädigt...

    Gruß, Philipp

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  5. "Der Mann, der in diesem Moment entscheidet, ein Travelling nach vorne zu machen, um die Leiche in Untersicht zu filmen, darauf achtend, die erhobene Hand genau in der oberen Ecke seiner Schlusseinstellung zu platzieren, dieser Mann verdient nichts als die tiefste Verachtung."


    Kino ist per se erotisch-sinnlich, so funktioniert nun mal unsere Wahrnehmung. Dass in vielen der Spielfilme über den WKII nur Voyeurismus befriedigt wird und das Wissen um den realen Hintergrund nur den Kick verschärfen soll ist klar.
    Jede Art der klassischen Inszenierung deshalb zu verdammen finde ich dennoch fragwürdig.
    "Mundgerechte Fiktion" ist es auf seine Art und Weise auch, ein Geschichtsbuch anstelle von Originaldokumenten zu lesen.

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  6. Ich finde auch, es kann nicht darum gehen „jede Art klassischer Inszenierung” zu verdammen. Vielmehr müssen wir uns fragen, was wir - mit den Mitteln des Kinos - überhaupt zeigen können.

    „Wovon man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen.”

    Welcher Abstand, welche Form angemessen ist, lässt sich (glücklicherweise) nicht gültig beantworten, aber ich möchte - und so verstehe ich auch Rivette - dass darum gerungen wird.

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