15 September, 2022

Texthinweis:



Für Picturing Austrian Cinema, herausgegeben von Katharina Müller und Claus Philipp, habe ich einen Beitrag verfasst unter der Überschrift: „König Midas' deutsche Verwandte. Zu Gerhard Friedls Hat Wolf von Amerongen Konkursdelikte begangen?” Das Buch, in dem 100 Standbilder aus 100 Werken der österreichischen Filmproduktion seit 1945 von hundert sehr unterschiedlichen Autoren beleuchtet werden – darunter Gertrud Koch, Elfriede Jelinek und Apichatpong Weerasethakul – erscheint im Herbst 2022 im Spector Verlag.

24 August, 2022

Klassizismus (2)

Ein bayerisches Double für's Brandenburger Tor, gebaut für Billy Wilders ONE, TWO, THREE.

Klassizismus heißt letztlich nichts Anderes, als das Werben um Vertrauen, das jeder Formgebung wesentlich ist, abzukürzen. 

Der Trick besteht darin, würdiges Alter vorzutäuschen, in der Hoffnung, das Publikum möge es mit Respektabilität verwechseln.


Die Gefahr ist natürlich, dass die Sache hohl tönt und die „klassische“ Form als gedankliche Trägheit entlarvt wird.


Trotzdem kann es produktiv sein, die Patenschaft der Tradition anzurufen – und womöglich besonders dann, wenn der „Inhalt“ neu und unerhört ist.


Jedenfalls wird jemand, der dringende Botschaften hat, breite Brücken zum Zuschauer willkommen heißen. 


Sozialistischer Realismus? Die Debatte hat die gleichen Wurzeln. 


*


Das Thema treibt mich um. Nicht nur gibt es (wie ich gerade feststelle) einen weiteren Post unter dieser Überschrift (Klassizismus2006), auch dieser Redesplitter (Digital Gotham, 2017) berührt die Frage und über Martin Ritts NORMA RAE habe ich hier im Blog geschrieben: „vielleicht ist die formale „Stabilität“ dem reaktionären Gegenwind geschuldet, mit dem Ritt (der in den 50ern ein Opfer der Blacklist war) immer rechnen musste”. In Revolver Heft 30 stelle ich folgende Frage an Ula Stöckl: „Welche Form oder Sprache muss man verwenden, um gehört zu werden?” Ula Stöckls Antwort: „Das ist auch wieder ein Kluge-Satz: „Man kann nicht zwei Dinge gleichzeitig tun“. Man kann nicht Form und Inhalt verändern. Und das ist natürlich eine Todsünde, die wir begangen haben. Wir haben Form und Inhalt erneuert.”

18 August, 2022

Schau | Werte


Judith Ellenbürger von der Universität Hamburg hat ein Buch über die „Bild- und Mediendiskurse des Geldes“ geschrieben.
Das Umschlagsbild von Schau | Werte stammt aus meinem Film UNTER DIR DIE STADT (D 2010), der auch ein Untersuchungsgegenstand ist.

14 August, 2022

(AT)

Polnisches Plakat von Teresa Byszewska für 
FILM OHNE TITEL (Rudolf Jugert, D 1948).

Ein guter Titel funktioniert wie eine Startrampe, ein Portal, eine Abkürzung, verschafft mühelos Zugang zu einer verwickelten Sache, macht neugierig, ohne das Geheimnis zu verraten. Mehr noch: er lädt die kommende Begegnung auf, polt die Erwartung, kapert unsere Fantasie. Man erkennt ihn, wenn man ihn hört oder sieht – aber Kriterien zu definieren ist unmöglich, auch weil der Titel sich (im Idealfall: untrennbar) mit dem betreffenden Werk verbindet, und der kulturelle Kontext eine wichtige Rolle spielt.


Hier ist meine spontane Titel-Top 10, chronologisch sortiert:


TROUBLE IN PARADISE (Ernst Lubitsch, USA 1932)

LA RÈGLE DU JEU (Jean Renoir, F 1939)

REBELS WITHOUT A CAUSE (Nicholas Ray, USA 1955)

IMITATION OF LIFE (Douglas Sirk, USA 1959 - aber der Titel ist älter)

ICH BIN ZWANZIG (Marlen Khutsiev, UdSSR 1965) – noch besser als ICH WAR NEUNZEHN (Konrad Wolf, DDR 1968), finde ich

ABSCHIED VON GESTERN (Alexander Kluge, BRD 1966) 

L’ARMÉE DES OMBRES (Jean-Pierre Melville, F 1969) 

TODO SOBRE MI MADRE (Pedro Almodóvar, Spanien 1999)

HAT WOLF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? (Gerhard Friedl, D 2004)

LA MUJER SIN CABEZA (Lucrecia Martel, Argentinien 2008)




Siehe auch meine Posts zum Thema Trailer & Plakat.

08 August, 2022

Ehrgeiz

Der bayerische König König Ludwig I. hat seinen Geltungsanspruch einmal so formuliert: „Ich will aus München eine Stadt machen, die Teutschland so zu Ehren gereicht, dass niemand sagen kann, er kenne Teutschland, wenn er München nicht gesehen hat!“ 

Könnten wir uns diesen Ehrgeiz nicht zu eigen machen und aus dem deutschen Gegenwartskino „ein Ereignis machen, das dem Weltkino so zu Ehren gereicht, dass niemand sagen kann, er kenne das Weltkino, wenn er die deutschen Filme nicht gesehen hat!“? 


Wie schon damals ist der Weg weit, aber immer im Kreis zu laufen ist keine Alternative.

06 August, 2022

(Wieder-) Gesehen: [18]

Die Frage, ob wir wissen, was wir brauchen, wenn es um das Lebensmittel Film geht, schwebt weiter. Fest steht, dass viele der Filme, die ich in den letzten Wochen sehen wollte, eine Tendenz hatten. Trotz düsterer Weltlage habe ich mir fast ebenso düstere Filme angesehen, dunkle Märchen über (oft lächerlich) ernste Männer. Damit sie nicht zu einem Metafilm verklumpen, hier ein paar Erinnerungsstützen:

FEUERWERK AM HELLICHTEN TAGE (Diao Yinan, China 2014)

Irgendwo im chinesischen Heilongjiang wird der Ermittler Zhang Zili (Fan Liao) bei einem Einsatz verwundet und traumatisiert. Aus dem Dienst entlassen taumelt er alkoholisiert durch die schmutzige, kalte Stadt – bis ihm der alte Fall gewissermassen vor die Füße fällt. In der Schnittmenge der ungeklärten Morde ist man auf eine Frau (Gwei Lun-Mei) aufmerksam geworden, die sich mit allen Toten in Verbindung bringen lässt. Zhang beginnt sie zu verfolgen, ohne Auftrag und ohne Plan. Seine Obsession bringt ihn immer tiefer ins Geheimnis... und in Gefahr. Auch wenn die Frau glücklicherweise nicht im altmodischen Sinne „fatale” ist, verbinden sich in Diaos Berlinale-Gewinner amerikanischer Noir und chinesische Gegenwartstristesse zu einer Erotik der Erschöpfung, die man gesehen haben muss.


MR 73 (Olivier Marchal, Frankreich 2008)

Noch ein traumatisierter Ermittler, noch ein Säufer, allerdings in einem Film, der weit weniger an Glaubwürdigkeit als am Charisma des Leidens interessiert ist. Die melodramatischen Klischees türmen sich mitunter schwindelerregend, ohne den Film aus der Balance zu bringen. Vielleicht könnte man von einer Operette der Verzweiflung sprechen, die Daniel Auteuil mit vollem Körpereinsatz zur Aufführung bringt. Am Ende kommt der Film dem Schauer- und Ammenmärchen für meinen Geschmack vielleicht doch zu nahe, aber nach so viel schwarz auf schwarz ist es eben schwierig zu differenzieren.



THE BATMAN (Matt Reeves, USA 2022)

Geliehene Augen in einem Konzert für eine Note, in Moll: auch Batman ist nahe der Erschöpfung, alles fließt in dunklen Tönen zu einer atmosphärischen Pfütze auf Teer zusammen. Höhepunkt ist die Sequenz, in der Batman (Robert Pattison) sich die Augen von Selina Kyle (Zoë Kravitz) „leiht”, um ins korrupte Herz der Finsternis zu sehen. Von dieser Aufregung erholt sich der Film dann zwei Stunden lang auf eine sehr redundante, aber sehenswerte Art der Schwarzmalerei. Ich hatte meinen Spaß, auch und gerade an der Bildgestaltung übrigens (Kamera: Greig Fraser).



SOMETHING WILD (Jonathan Demme, USA 1986)

Die Wildnis beginnt einen Schritt neben dem Weg: Ohne Zweifel der reichste und reifste Film in dieser Auswahl, mit einer unglaublichen Melanie Griffith alias Lulu alias Audrey, die den Everyman Charles (Jeff Daniels) dazu verführt, sich dem Dschungel des Lebens zu stellen, indem sie seine „Normalität” als hysterische Konstruktion entlarvt. Ray Liotta als ihr Ex-Mann und Ex-Con ist ein Vulkan im Ausbruch; unmöglich, wegzuschauen, wenn sich die Lava seiner kriminellen Energie zerstörerisch den Weg bahnt. In meinen Augen Demmes bester Film, so detailreich und erfinderisch wie tief in seiner Menschenkenntnis. Große Empfehlung!



I BASTARDI (Duccio Tessari, Italien 1968)

Das Leidensbild als Selbstzweck: generischer Rache-Thriller um ein kriminelles Brüderpaar, das sich entzweit. „Adam” (Klaus Kinski) kann nicht teilen und bringt „Jason” (Giuliano Gemma) um – beinahe – alles: die Beute, die Freundin, die Schusshand. Fortan sinnt er auf Rache. Einer jener Filme, die im Fahrwasser des Erwartbaren immer wieder zu tollen Bildideen kommen. Gemma wiederum ist so schön, dass er ohne die (etwas mechanisch zubereiteten) Grausamkeiten / Leidensstationen wahrscheinlich ungenießbar wäre. Sehenswert.

05 August, 2022

Family of Shots


Einerseits habe ich mich als Zuschauer oft von allzu offensichtlichen ästhetischen Konzepten frustrieren lassen - alles in einer Einstellung, alles als POV erzählt, alle Farben gefangen in einem Schema usw - und immer für eine Differenzierung plädiert, die der Stoff und seine Besonderheiten diktieren oder die der Zufall oder die Eingebungen aller Beteiligten dem Filmemacher bescheren. 


Andererseits erscheint mir beim Machen ein Leitbild wünschenswert, auch weil die heiße Küche unserer Drehbedingungen ein Abwägen und Ausprobieren oft nicht erlaubt. Deshalb schreibe ich für meine Filme meistens eine Art Leitfaden oder Vis Guide, in dem steht, welche Mittel wie zum Einsatz kommen sollen. Ich habe die (paradoxe) Erfahrung gemacht, dass man umso freier arbeiten kann, je klarer die Setzungen sind.


Nicht zufällig sind mit Ozu und Hitchcock zwei Regisseure weit oben auch in meinem Pantheon, deren shot design so wiedererkennbar und systematisiert erscheint, dass sich das hochbeinige Wort von der „Filmsprache“ vielleicht rechtfertigen ließe. 


Es muss kurz gesagt darum gehen, eine eigene Konvention hervorzubringen, die offen ist für Überraschungen und zugleich zusammenhängend, eine moderne „family of shots“ in fragiler Balance zwischen den eigenen Setzungen und dem, was sich in der Konstellation der Spieler in Raum und Zeit konkretisiert.



Die Seiten 10 und 12 aus Harold Michelsons Storyboard für Hitchcocks MARNIE.



So habe ich es im ABC beschrieben:

„Die einzelnen Einstellungen müssen nicht gleichberechtigt, aber miteinander verwandt sein. Eine Familienähnlichkeit ist erwünscht. Eine Einstellung folgt aus der Anderen, die Totale ist Mutter kleinerer Größen oder umgekehrt.”

31 Juli, 2022

Strandnotiz



Vielleicht liegt die Sensation der rollenden Wasserberge ja im Nebeneinander der Geschwindigkeiten? Während sich die ferne liegenden Gipfel in Zeitlupe türmen, stürzen die naheliegenden mit rasender Geschwindigkeit in sich zusammen. Und zwischen diesen Zeitzonen, das ist das Seltsame, scheint es keine Verbindung zu geben. Und so überrascht mich jede neue Welle wieder.


(Am Strand von Zambujeira do Mar / Portugal. Die Fahne warnt je nach Wellenstärke.)

16 Juli, 2022

Feuerwerk

Trailer sind Anmache, Schaufenster, Mogelpackung, können große Kunst sein oder nur Reklame … Manche nisten sich so hartnäckig in die Fantasie ein, dass sie die beworbenen Filme überdauern. Vielleicht bin ich ja besonders empfänglich für die Glut der Vorfreude, die sie entfachen, jedenfalls bereue ich später oft, sie gesehen zu haben, weil mich das Wiedererkennen der „Höhepunkte“ im Kino aus der Trance reißt. Während der Groschen fällt, lösen sich die Momente aus der Erzählung. Eigentlich erstaunlich, dass dieser Dopplungseffekt nicht kontroverser ist - in einer Welt, in der von Kritikern erwartet wird, dass sie vor Spoilern warnen. So oder so, ich wünschte, Trailer könnten wieder häufiger auf Umwegen von den Filmen erzählen, und der Versuchung widerstehen, vorab das (vermeintlich) Beste als Feuerwerk abzubrennen.

11 Juli, 2022

Revolver 46



Heft 46 ist da – mit Beiträgen von/mit Julia Niemann & Leonie Seibold, Milo Rau & Arne Birkenstock, Helena Wittmann, Marina Vlady, Patrick Holzapfel, Melanie Waelde, Leo Geisler, Helke Sander, Dennis Todorovic. Das Cover gibt es übrigens in drei Farben:


29 Juni, 2022

Die Lebenden reparieren

In der ersten Juli-Woche: Die 10. Ausgabe von Revolverkino im Gropius Bau, zusammengestellt von Hannes Brühwiler und mir. Wie immer ist der Eintritt frei.

Revolverkino #10
DIE LEBENDEN REPARIEREN

Schon immer ist das Kino die Notaufnahme der Einsamen. Das synchrone Atmen im dunklen Saal hat therapeutische Wirkung, und nicht zufällig ist Wunde und Heilung, das Wunder sich regenerierender Körper und Seelen eines der zentralen Themen der Filmgeschichte. Diese kleine Auswahl, die sich ihren Titel von dem französischen Film „Réparer les vivants” leiht (den wir natürlich auch zeigen), bewegt sich spielerisch zwischen Trost und Trauma… 

Mittwoch, 6.07.2022


19:00
SECONDS (John Frankenheimer, USA 1966), englische Originalfassung

21:00
RÉPARER LES VIVANTS (Katell Quillévéré, Frankreich 2016), Französisch mit dt. Untertiteln

Donnerstag, 7.07.2022


19:00
COLUMBUS (Kogonada, USA 2017), englische Originalfassung

21:00
O MOVIMENTO DAS COISAS (Die Bewegung der Dinge, Manuel Serra, Portugal 1985), Portugiesisch mit englischen Untertiteln

Freitag, 8.07.2022


19:00
STRANGER AT MY DOOR (William Witney, USA 1956), englische Originalfassung

20:30
PERSONA (Ingmar Bergman, Schweden 1966), Originalfassung mit dt. Untertiteln

18 März, 2022

(Wieder-) Gesehen: [17]


EASY LIVING (Mitchell Leisen, USA 1937)

Ein Film voller Ideen und Ereignisse, die zum Plot nichts beitragen, Running Gags, Slapstick-Einsprengsel, Ausstattungsverrücktheiten – aber dieser Überfluss kümmert den Film nicht weiter, weil Jean Arthur durch den Film traumwandelt und wir mit ihr. Sie ist der Magnet, dem sich Leisen ganz überlässt, und was nicht von ihr angezogen wird, lässt er einfach fallen. 



MIDNIGHT (Mitchell Leisen, USA 1939)

Es gibt grob gesagt zwei Theorien über die Komödie. Der ersten zufolge ist sie eine beschleunigte Tragödie, ein hysterischer Tanz am Abgrund, weil das Leben und seine Ungereimtheiten nur als Witz erträglich seien. Die andere Theorie geht im Gegenteil davon aus, dass uns angesichts der Schwere nur Leichtigkeit retten kann. Dieser Film folgt eindeutig der zweiten Maxime. Leisen richtet nach dem Drehbuch von Wilder und Brackett ein Soufflee an, die Reste an Wirklichkeit, die sich im Drehbuch wohl finden, löst er mit seinen bestens aufgelegten Schauspielern nach und nach in Wohlgefallen auf. Alle Komplikationen des Plots könnte man lustspielerisch Verwicklungen nennen. Die Spindel dreht sich, und der Schwindel ist wunderbar. Eine der besten romantischen Komödien die ich kenne, ohne den bittren Magensaft, den Wilder als Regisseur beispielsweise beigefügt hätte (wie Lukas Foerster richtig angemerkt hat). Große Empfehlung!



HOLD BACK THE DAWN (Mitchell Leisen, USA 1941)

In vielerlei Hinsicht der beste Wilder-Film, den Wilder nie gemacht hat. Was Leisens Regieleistung nicht schmälern soll, im Gegenteil. Aber das Drehbuch von Brackett und Wilder über die Gewalt der Verführung und die Korruption der Gefühle ist nicht nur stilistisch voller Wilderisms, die ganze Geschichte ist mehr oder weniger autobiografisch, was wohl auch ein Grund für Wilder war, so empfindlich und ungerecht auf Regieeinfälle und Änderungen gegenüber dem Drehbuch zu reagieren (Joseph McBride macht diese Lesart in seinem neuen Wilder-Buch plausibel). Die Inszenierung ist vor dem Hintergrund von Wilders Mäkeleien jedenfalls überraschend scharfkantig und bitter und die späte „süße Wendung” der Geschichte hebt diese Erfahrung nicht auf. Der beste Beweis für „the genius of the system”, in allen Departments.  



KISS ME STUPID (Billy Wilder, USA 1964)


Hätte hätte Fahrradkette: Jack Lemmon war verhindert, die Hauptrolle zu übernehmen. Das ist sehr zu bedauern, obwohl Ray Walston seine Sache sehr gut macht. Aber jenes heikle Gleichgewicht zwischen Galle und Vergnügen, das Wilders beste Filme bitter und süß macht, trifft Walston nicht. Und so wird der „kritische Unterton” eine Spur zu offensichtlich, und alles gerät aus dem fein tariertem Gleichgewicht, um das sich die artifizielle Form des Films so bemüht. Trotzdem ein exquisit erzählter Film mit wunderbar entwickelten Details.

24 Januar, 2022

Notizen zu 'M'


Ein Tonfilm, eine Kette von Geräuschen und Dialogen, ein akustischer Faden, der nicht (oder kaum je) abreißt und eine sehr diverse Bildebene auffädelt, eigentlich eine Abfolge von Montagesequenzen... ein „im Studio gefilmter Dokumentarfilm”, wie Lang es genannt hat.

Nur gelegentlich wird der Film szenisch, und bleibt auch dann darauf bedacht, keiner Figur zu viel Gewicht zu geben, der Geist der neuen Sachlichkeit regiert (Anti-Expressionismus?). Die Erzählung selbst ist der Held ... und was sie verspricht ist Zusammenhang.


Das dramaturgische Prinzip könnte man lexikalisch nennen. Ein Alphabet der Stadt. Auffällig jedenfalls das Element des Seriellen, das Motiv der Sammlung, der Recherche:


Die (gefunden) Brote werden "börsennotiert", die Zigarettenstummel sortiert, die Polizei systematisiert Fingerabdrücke, Elsies Mutter liest Serienromane, die Gangster arbeiten arbeitsteilig-seriell, Lorre ist Serienmörder. 


Eine Massengesellschaft versucht sich zu zählen, Lohmann referiert die Zahlen, betreibt eine Vorform der Rasterfahndung (was ebenfalls auf Recherche beruht - Lohmann ist ein fiktionalisierter Kriminalpolizeirat Ernst Gennat).


Geräusche kehren wieder: das Pfeiffen Lorres (Griegs Peer Gynt), der Abzählreim („Warte, warte nur ein Weilchen...”), die Rufe der Mutter, die Trillerpfeife des Schutzmannes. Alles Beschwörungen, Anrufungen, auf ein Echo aus. 


Wie überraschend dann, dass der Finger beim Buchstaben 'M' stehen bleibt, und Peter Lorre in einer eigentlich unmöglichen Aufholjagd - gegen die Gefühle der Zuschauer und gegen die 'demokratische' Struktur des Films - den Film ganz zum Schluss erobern darf.


(Aus meinem Notizbuch, 2018)


11 Januar, 2022

Ali Mitgutsch


Ali Mitgutsch ist tot. Ich habe seine Bücher geliebt. Vor allem „Rundherum in meiner Stadt” (in dem das Vorbild München ziemlich eindeutig ist), aber auch „Bei uns im Dorf”, 
„Komm mit ans Wasser”, „Pirateninsel” und viele andere. Was mich so fasziniert hat war weniger das Prinzip des „Wimmelbuchs”, als der Versuch, ein Modell von Stadt, von Leben zu malen. Eine Überblickserzählung, die nicht auf Übersichtlichkeit hinausläuft. Und in der ganz verschiedene Lebensweisen und Konflikte, aber auch Fantasien Platz haben. Manche seiner Bücher habe ich mir von meinem Taschengeld in der Kinderbuchhandlung in der Bütenstraße gekauft; ich erinnere mich noch an das vom Abzählen warme Geld in meiner Tasche. Gleich um die Ecke von uns (und auch dieser Buchhandlung) hat er gewohnt, auch das hat mich als Kind beeindruckt: dass hinter diesen Büchern sozusagen ein Nachbar steckt. Danke für alles!


Im Bild oben: eine Doppelseite aus „Rundherum in meiner Stadt”, 1968. Beim Betrachten dieses Hauses habe ich oft über meine Berufswahl nachgedacht. Architekt (4. Stock links) oder Bildhauer (Erdgeschoß rechts)? Zahnarzt (3. Stock links) oder Bodybuilder (3. Stock rechts)? Oder vielleicht doch lieber Modefotograf (2. Stock links)? Im Buch finden sich aber natürlich auch Dreharbeiten (sogar auf dem Titelbild; hier ein Ausschnitt:)