21 Oktober, 2023

Welches Kino willst du, Berlin?

Der Verband der deutschen Filmkritik und die Akademie der Künste kooperieren für eine Gesprächsveranstaltung zur Lage der Kinokultur in Berlin. Ich bin gebeten worden, einen – eher ins Utopische gerichteten – Impulsvortrag zu halten.

Zur Zeit ist die grundsätzlich sehr gute Versorgung mit anspruchsvollem Kinoprogramm in Berlin sehr unter Druck. Das Arsenal muss umziehen, es wird nur einen und kleineren neuen Saal geben, der noch dazu nicht rechtzeitig fertig wird. Das Zeughauskino ist für die nächsten Jahre in einem unbefriedigenden Provisorium untergebracht. Das Sinema Transtopia ist, kaum eröffnet, von Schließung bedroht (was vorerst abgewendet scheint). Das Filmmuseum schließt wahrscheinlich für lange Zeit; ob das Ausweichquartier der Kinemathek alle aktuellen Aktivitäten abdecken können wird, bleibt abzuwarten. Und das Kino Babylon Mitte – daran haben wir uns schon gewöhnt – macht trotz öffentlicher Förderung Programm ohne jede Ambition. Auch DFFB und Berlinale haben – aus ganz unterschiedlichen Gründen – erheblich Schlagseite bekommen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Diese Systemkrise Berliner Filminstitutionen macht nicht nur mir Sorgen – deshalb freue ich mich über diese Veranstaltung.

Edward Hopper - New York Movie, 1939

Hier der Einladungstext von VDFK und ADK:


Podiumsgespräch „Welches Kino willst du, Berlin?“

Nirgends in Deutschland gibt es eine so reichhaltige Kinokultur wie in Berlin. Doch ihre Zukunft ist ungewiss. Der Potsdamer Platz fällt als Zentrum weg: Das Arsenal zieht in den Wedding, der Kinemathek droht die Heimatlosigkeit. Wie sind die Pläne für ein neues Filmhaus? Und wie steht es um die Zukunft des ŠİNEMA TRANSTOPIA als Initiative jenseits der Institutionen? Wohin will die Politik? Wovon träumt das Publikum?

Mit Malve Lippmann (SİNEMA TRANSTOPIA), Rainer Rother (Deutsche Kinemathek), Stefanie Schulte Strathaus (Arsenal), u. a.

Impuls: Christoph Hochhäusler (Regisseur)

Moderation: Hannah Pilarczyk

Begrüßung: Jutta Brückner

Freitag, 17.11.2023, 19 Uhr | Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin (Foyer)

In deutscher Sprache | Eintritt: 6 Euro / 4 Euro (ermäßigt)

Eine Veranstaltung der Akademie der Künste und des Verbands der deutschen Filmkritik

14 Oktober, 2023

Für Gisela Zick

Sophie Charlotte Conrad in MILCHWALD, 2003.

Liebe Anwesende, liebe Editorinnen-Gemeinde, liebe Gisela,

Das Wort „Laudatio” bringt Erwartungen mit sich, die ich womöglich nicht alle erfüllen kann - das macht dann Andreas Kleinert… Ich will nur zwei oder drei Dinge sagen, die ich von ihr weiß… keinen ganzen Kranz flechten, den würde Gisela, so wie ich sie kenne, sowieso vom Kopf rutschen lassen. Lorbeer und Weihrauch – das passt für Cäsaren und Hohepriester. Aber Gisela ist nicht feierlich, verklärt, respektheischend, sie ist eher: respektlos. Und diese Respektlosigkeit gehört zu ihren besten Eigenschaften. Lassen Sie mich erklären.

 

Sie ist respektlos, in dem Sinne, dass sie sich von hochtrabenden Absichten nicht beeindrucken lässt. Sie ist das Kind, das sagt: der Kaiser ist nackt. Und wenn die Höflinge dann lachen, und im Hohn der nächsten Täuschung aufsitzen, sieht sie den Menschen im „Kaiser”. Und ist bereit, ihm eine Chance zu geben. Ohne Vorurteil. So hab ich das erlebt mit ihr, bei meinem ersten langen Film, und das war prägend.

 

Regisseure (und Regisseurinnen vielleicht auch) täuschen sich ja oft darüber, was sie gemacht haben, was sie können, und natürlich auch darüber, was sie wollen. Deshalb ist die Montage ja auch so eine blutige Angelegenheit. Man leidet als Regisseur weniger an den Defiziten der Schauspieler oder Mitarbeiter als am eigenen Unvermögen, an den zerstörten Illusionen. Und ich kann von mir sagen: ich muss mir bei der Arbeit Illusionen machen. Verblendung ist ein Werkzeug. Nur ist es im Schneideraum dann nicht mehr brauchbar.

 

Gisela arbeitet gegen die Täuschung. Dass das etwas Gutes ist, das war ein durchaus schmerzhafter Erkenntnisprozess für mich. Wenn eine Editorin, ein Editor etwas taugt, kommt alles ans Licht…. Die Montage ist Abrechnung, Tod und Wiedergeburt eines Films.

 

Im Schneideraum braucht man einen ehrlichen Spiegel – der weder sagt: du bist der Schönste hier, aber auch nichts von Zwergen erzählt, hinter den sieben Bergen usw. Dem Gisela-Spieglein geht es auch nicht so sehr um Schönheit, jedenfalls nicht im landläufigen Sinne. Es geht um die Wahrheit des Materials, jenseits der Absichten.

 

Respektlosigkeit also, ein klares, realistisches Auge: das ist das eine. Aber das Gesehene muss auch gegriffen, ergriffen und also be-griffen werden – toll, wie die deutsche Sprache da auch die analogen Zeiten des Filmschnitts aufbewahrt – indem man den richtigen Ein- und Ausstiegspunkt findet.

 

Ich sehe Gisela vor mir, wie sie im Begriff ist, einen Schnitt zu setzen. Da ist jede Faser unter Spannung. Wie eine Skispringerin auf der Schanze vielleicht. Die große Ekstase der Bildschnitzerin Gisela.

 

Da spielt Erfahrung eine Rolle, klar, ihre Filmografie ist lang, aber so richtig lernen kann man es vielleicht gar nicht, man muss es haben. Die Intuition des richtigen Absprungs. Dieser energische Zugriff ist etwas, was mir bei Gisela immer sehr imponiert hat. Dieses großgeschriebene JETZT. Ohne Zögern. Und dabei – nur scheinbar ein Widerspruch – stets so zu „springen”, dass der Zuschauer mitkommt. 

 

Wie lang trägt eine Einstellung? Wie lange bleibt der Zuschauer in der Luft? Wann schaut er nach unten und bekommt Angst (um im Bild zu bleiben?) Das weiß diese Skispringerin! 


Wir hatten beim Dreh von MILCHWALD ja die Losung ausgegeben: je weniger Einstellungen, desto besser. Und Gisela hat mir gesagt: du willst nicht schneiden, das finde ich prima, aber was, wenn die Energie der Einstellung nicht so lange hält? Dem Zuschauer sind Konzepte egal, er hält sich an das, was er sieht. Sie hatte natürlich recht. 

 

Und dann die vielleicht schwierigste Sache: die Landung, im neuen Bild. Hier entstehen noch mal ganz neue Dinge. Das Kino und ganz besonders die Montage ist ja eine Kunst der Auslassung, funktioniert dialektisch. Es geht darum, dass sich im Zuschauer unwillkürlich und überraschend eine Synthese formt. 

 

Ich habe von Giselas Realismus’ gesprochen, dem unbestechlichen Auge, und von ihrem instinktsicheren Zugriff, wenn es um den Absprung geht, aber in diesem dritten Punkt kommt noch einmal eine ganz andere Gisela zum Vorschein: die Spielerin. Ich meine damit nicht unbedingt, dass sie im Schneideraum furchtbar viel ausprobiert – aber im Kopf, da rumort es, man hört die Zahnräder rattern – und dann kommt plötzlich und unverhofft ein Vögelchen raus.

 

Liebe Gisela, 1980 hast du deinen ersten Spielfilm geschnitten, 80 Filme später kriegst du mit 79(!) den Preis fürs Lebenswerk, das klingt für mich nach einer runden Sache. 


Ich freue mich sehr für dich, ich freue mich, dass wir uns begegnet sind, damals 2002, du hast mir ungeheuer viel mitgegeben, großzügig, leidenschaftlich, genau, und ich gratuliere dir auch zu der großen Arbeitsromanze mit Andreas Kleinert, ein kostbarer Schatz, so ein kongeniales Verhältnis, das hoffentlich noch viele Kapitel haben wird.




Diese kleine Rede für Gisela Zick habe ich am 13.10.2023 im Rahmen von Edi Motion in Köln gehalten. Danke für die Einladung, Sven Ilger & Co!

11 Oktober, 2023

Welchen Beitrag kann das Kino leisten?

Das Ludovico-Experiment in Kubricks A CLOCKWORK ORANGE.

Wie aufhaltsam der Aufstieg der extremen Rechten ist und was wir tun können, „die Demokratie zu verteidigen”, dieser Frage entkommt man nicht in diesen Tagen. Eine mögliche Antwort lautet, dass jeder dort, wo er eine besondere Expertise hat, tätig werden soll. Ich bin Filmemacher. Wie könnte ein Film „für die Demokratie“ oder „gegen rechts außen“ aussehen? Welchen Beitrag kann das Kino leisten? 

Ich zögere mit einer Antwort. Einen erzieherisch wirksamen Film machen zu wollen, heißt das nicht im Umkehrschluss, ein gehorsames Publikum zu wünschen? Ist „demokratische Propaganda“ nicht ein Selbstwiderspruch? Die Vorstellung jedenfalls, ein Film könnte Rechtsradikale „bekehren“ oder hadernde Demokraten „auf Kurs” halten, erscheint mir zweifelhaft. Die Gefahr ist groß, dass man nur die erreicht, die bereits überzeugt sind. 

Vielleicht muss man die Eintrübung des politischen Klimas, die Verschiebung des Meinungskorridors nach rechts, zuerst als Imperativ verstehen, die Freiheit der Kunst auszureizen. Als Aufforderung, Filme zu machen, die so unbequem und unverschämt sind, dass eine Auseinandersetzung unausweichlich ist. Filme vielleicht auch, die politisches Bewusstsein provozieren, indem sie Macht- und Gewaltverhältnisse sichtbar machen. SZEGÉNYLEGÉNYEK (Miklos Jancso, Ungarn 1966) könnte man so einsortieren, den unerbittlichen SALÒ (Pier Paolo Pasolini, I 1976), KLASSENVERHÄLTNISSE (Straub & Huillet, BRD 1984), WUNDKANAL (Thomas Harlan, BRD 1984), LA COMMUNE (Peter Watkins, 2000), unbedingt auch UNITED RED ARMY (Koji Wakamatsu, J 2007).

Aber kann man hoffen zu wirken, ohne ein breites Publikum zu erreichen? Ein „engagiertes“ Kino zu machen, das sich in einem konkreten Sinne als politisch versteht, aber in seinen Mitteln populär ist, wäre eine andere Möglichkeit. Filme wie THE GRAPES OF WRATH (John Ford, USA 1940), THE INTRUDER (Roger Norman, USA 1962),  LE MANI SULLA CITTÀ (Francesco Rosi, I 1963), SPUR DER STEINE (Frank Beyer, DDR 1966), JOE HILL (Bo Widerberg, USA 1971), NORMA RAE (Martin Ritt, USA 1979), MADE IN BRITAIN (Alan Clarke, UK 1983) – überhaupt die Filme von Alan Clarke! – , BUONGIORNO NOTTE (Marco Bellocchio, I 2003) könnten in dieser Hinsicht vielleicht Vorbild sein. 

Oder sollte man besser Camouflage betreiben, sich scheinbar mit den Wünschen des (rechten) Publikums gemein machen, bevor man sich dialektisch in die Kurve legt? A CLOCKWORK ORANGE (Stanley Kubrick, UK 1971) wurde oft so interpretiert, TAXI DRIVER (Martin Scorsese, USA 1976 – in gewisser Weise eine DEATH WISH Paraphrase) oder auch der hyperaffirmative STARSHIP TROOPERS (Paul Verhoeven, USA 1997). Michael Haneke hat (erklärtermassen) einen Vorstoß in diese Richtung unternommen mit FUNNY GAMES (1997 & 2007). Auch wenn schwer zu ermessen ist, wie erfolgreich diese Filme darin sind oder waren, ihr Publikum auf dem affektiven Glatteis zur Prüfung ihrer Gefühle und Überzeugungen zu zwingen, haben sie zumindest von sich Reden gemacht und für Streit gesorgt, was nicht der schlechteste Weg ist, ein Publikum zu politisieren. 

Welchen Weg man auch immer einschlägt: ich glaube, wir sind gefordert, uns einzumischen. Mit allem, was wir haben. Ich weiß nicht, ob es mir gegeben ist, einen Film zu machen, der politisch wirksam wird, aber – ich will es versuchen. Wer ist dabei?