11 Oktober, 2023

Welchen Beitrag kann das Kino leisten?

Das Ludovico-Experiment in Kubricks A CLOCKWORK ORANGE.

Wie aufhaltsam der Aufstieg der extremen Rechten ist und was wir tun können, „die Demokratie zu verteidigen”, dieser Frage entkommt man nicht in diesen Tagen. Eine mögliche Antwort lautet, dass jeder dort, wo er eine besondere Expertise hat, tätig werden soll. Ich bin Filmemacher. Wie könnte ein Film „für die Demokratie“ oder „gegen rechts außen“ aussehen? Welchen Beitrag kann das Kino leisten? 

Ich zögere mit einer Antwort. Einen erzieherisch wirksamen Film machen zu wollen, heißt das nicht im Umkehrschluss, ein gehorsames Publikum zu wünschen? Ist „demokratische Propaganda“ nicht ein Selbstwiderspruch? Die Vorstellung jedenfalls, ein Film könnte Rechtsradikale „bekehren“ oder hadernde Demokraten „auf Kurs” halten, erscheint mir zweifelhaft. Die Gefahr ist groß, dass man nur die erreicht, die bereits überzeugt sind. 

Vielleicht muss man die Eintrübung des politischen Klimas, die Verschiebung des Meinungskorridors nach rechts, zuerst als Imperativ verstehen, die Freiheit der Kunst auszureizen. Als Aufforderung, Filme zu machen, die so unbequem und unverschämt sind, dass eine Auseinandersetzung unausweichlich ist. Filme vielleicht auch, die politisches Bewusstsein provozieren, indem sie Macht- und Gewaltverhältnisse sichtbar machen. SZEGÉNYLEGÉNYEK (Miklos Jancso, Ungarn 1966) könnte man so einsortieren, den unerbittlichen SALÒ (Pier Paolo Pasolini, I 1976), KLASSENVERHÄLTNISSE (Straub & Huillet, BRD 1984), WUNDKANAL (Thomas Harlan, BRD 1984), LA COMMUNE (Peter Watkins, 2000), unbedingt auch UNITED RED ARMY (Koji Wakamatsu, J 2007).

Aber kann man hoffen zu wirken, ohne ein breites Publikum zu erreichen? Ein „engagiertes“ Kino zu machen, das sich in einem konkreten Sinne als politisch versteht, aber in seinen Mitteln populär ist, wäre eine andere Möglichkeit. Filme wie THE GRAPES OF WRATH (John Ford, USA 1940), THE INTRUDER (Roger Norman, USA 1962),  LE MANI SULLA CITTÀ (Francesco Rosi, I 1963), SPUR DER STEINE (Frank Beyer, DDR 1966), JOE HILL (Bo Widerberg, USA 1971), NORMA RAE (Martin Ritt, USA 1979), MADE IN BRITAIN (Alan Clarke, UK 1983) – überhaupt die Filme von Alan Clarke! – , BUONGIORNO NOTTE (Marco Bellocchio, I 2003) könnten in dieser Hinsicht vielleicht Vorbild sein. 

Oder sollte man besser Camouflage betreiben, sich scheinbar mit den Wünschen des (rechten) Publikums gemein machen, bevor man sich dialektisch in die Kurve legt? A CLOCKWORK ORANGE (Stanley Kubrick, UK 1971) wurde oft so interpretiert, TAXI DRIVER (Martin Scorsese, USA 1976 – in gewisser Weise eine DEATH WISH Paraphrase) oder auch der hyperaffirmative STARSHIP TROOPERS (Paul Verhoeven, USA 1997). Michael Haneke hat (erklärtermassen) einen Vorstoß in diese Richtung unternommen mit FUNNY GAMES (1997 & 2007). Auch wenn schwer zu ermessen ist, wie erfolgreich diese Filme darin sind oder waren, ihr Publikum auf dem affektiven Glatteis zur Prüfung ihrer Gefühle und Überzeugungen zu zwingen, haben sie zumindest von sich Reden gemacht und für Streit gesorgt, was nicht der schlechteste Weg ist, ein Publikum zu politisieren. 

Welchen Weg man auch immer einschlägt: ich glaube, wir sind gefordert, uns einzumischen. Mit allem, was wir haben. Ich weiß nicht, ob es mir gegeben ist, einen Film zu machen, der politisch wirksam wird, aber – ich will es versuchen. Wer ist dabei?

12 Kommentare:

  1. Durchaus Filme über die Rechten - und wenn möglich ganz direkt einen über die Hessenwahl ..dazu massive Darstellung der Flüchtlinge, denn das ist der Grund für den Rechtsdruck - Diversity Programme und Aufarbeitung von rechten Gedanken soweit in den Meanstream bringen, dass auch in der letzten Bank Überzeugungen vermittelt werden, die die Anerkennung des Fremden derart auf die Agenda geschrieben haben, dass sie auch bei einfachen Leuten ankommen... Fassbinder --- Melodram für alle - und mit den Schauspielern, die die Masse liebt -- Es geht schließlich darum, die Leute, die recht wählen, auch zu erreichen, das ist Schwierigste das Hauptproblem... also so eine Art Till Schweiger Film über die Hessenwahl -- wäre angebracht -- groß kommerziell und zielgenau!

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    1. Abgesehen davon, dass mir auffällt, dass Deine Beispiele für populäre Filme fast alle etwas älter sind und aus einer anderen Epoche des Kinos bzw. Kinopublikums stammen — Ich finde, die Phase, in der Filme wie «Beautiful laundrette», «London kills me» oder «En avoir ou pas» — oder später «Kick it like Beckham» — erschienen sind, hatte so eine Richtung: eine Art neuer Neorealismo, in dem gesellschaftliche Migration selbstverständlich vorausgesetzt ist statt als Exotismus expliziert zu werden (natürlich kam das trotzdem für viele Zuschauer exotisch an, aber eben so, dass man sich vorstellen konnte, dass das irgendwann nichts Besonderes mehr sein würde). Das war für mich demokratisches Kino par excellence: so könnte man sich demokratisches Leben mit den anderen vorstellen. Nicht als Message des Films, sondern als seine Voraussetzung oder unausgesprochene «Normalität».

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    2. Ich glaube, man könnte auch in der Gegenwart gute Beispiele finden. Deine und meine Beispiele sind womöglich auch deshalb älter, weil sie einer Phase entstammen, in der wir hungriger ins Kino gegangen sind als heute? Ich finde auch, EN AVOIR (OU PAS), 1995, war ein tolles Beispiel für einen politisch wirksamen Film. c

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  2. Wir leben im sog. "niedergehenden Zeitalter", was nicht und keinesfalls dazu einladen soll, die Beine übereinanderzuschlagen und sich selbst ob dieser bahnbrechendenden Erkenntnis zu gefallen. Die Verrohung der Sprache, der Gesellschaft wird immer deutlicher und spürbarer und ich glaube nicht, dass es mit einem auch noch so "genialen, tiefen, klugen, feinsinnigen, aufrüttelnden" etc Film getan ist, diese Entwicklung aufzuhalten bzw umzukehren. ich glaube, es bedarf wachsamen Mutes, einen klaren Blick auf das tägliche Verhalten bzw Nicht-Verhalten der Bundesregierung zu werfen und wahrzunehmen, wie eklatant diese täglich versagt u.a. in ihrer völlig fehlgeleiteten Migrationspolitik, wodurch die Rechten ihren Zugewinn feiern können. Des weiteren hat nicht nur Rainer Mausfeld sehr anschaulich in den "Pleißener Gesprächen" verdeutlicht, dass der Neoliberalismus bewusst Ignoranz in der Bevölkerung erzeugt, damit diese u.a. in Apathie verfällt und hinter der Haltung "Man kann eh nix ändern" erstarrt, damit die einzige Bewegung, die noch passiert, die der gelenkten Medien-Marionette ist, die bitte nicht denkt, sondern nur noch konsumiert. Ich möchte nicht abschweifen, aber ich glaube, es greift ineinander bzw hängt zusammen?! Ich finde, es muss viel zivilcouragierter in die Öffentlichkeit gegangen werden, deutlich und laut. Ein Film, und ich kann mir sehr gut vorstellen, lieber Christoph, dass du einen solchen großartig realisieren kannst, wird wahrscheinlich leider nur wieder die erreichen, die eh so denken wie du oder ich oder viele (viel zu wenige..) . Herzliche Grüße und - "Arsch Huh - Zäng ussenander!" wie man in Köln sagt.

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    1. Dass es mit einem Film getan sein würde, schreibe ich nicht, oder? Aber wenn viele aktiv werden (würden), kann vieles passieren. Ich mache ja nun eben Filme, und das Argument, "jeder nach seinen Möglichkeiten" hat mir immer eingeleuchtet. Was übrigens das "Versagen" der Regierung betrifft: ja, das muss man kritisieren, da bleibt sehr vieles zu wünschen offen, aber ich glaube es wäre viel zu kurz gegriffen, den Aufstieg der Rechten mit schlechter Regierungsarbeit zu erklären. Das Thema Migration wird übrigens auch niemand so schnell abräumen... Fluchtursachen sind komplex und bestenfalls langfristig zu beeinflussen. Und die Art wie die „Festung Europa“ - durch unterlassene Hilfeleistung, aber gewissermaßen auch aktive Sterbehilfe (Push-backs, an Anrainerstaaten delegierte Repression etc) - das Mittelmeer zum Massengrab gemacht hat, ist in jedem Fall die größere Katastrophe als überforderte Bürgermeister usw.

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    2. Den Drang zu verspüren, etwas unternehmen zu wollen oder zu müssen, und diesen Drang hier auch schriftlich mitzuteilen – all das finde ich gut. Ich möchte meinem vorherigen Kommentator aber in dem Punkt beipflichten, dass ein Statement gegen den Rechtsruck oder eines im Sinne der inflationär angemahnten "Demokratieverteidigung" der Misere nicht ansatzweise gerecht wird.
      Der Rechtsruck rührt meines Erachtens zu großen Teilen daher, dass die Menschen Angst vor der Zukunft haben und sich auf das rechtspolitische Konservieren oder Wiederherstellen alter Zustände stürzen. Das politisch Linke operiert mit dem Versprechen, durch progressive Änderungen eine bessere Zukunft zu schaffen – Das funktioniert aber nicht mehr, die Zukunft ist leider im Arsch. Das Klima wird nicht gerettet werden, der Wandel hat begonnen. Es wird (im schlimmsten Fall tatsächlich exponentiell zunehmend) heftige Katastrophen geben, damit verschränkt wird die bereits massiv vorhandene soziale Ungerechtigkeit steigen, es wird weitere Kriege geben, die ideologische Feindschaften verschärfen und auch immer ein Kampf um Ressourcen sein werden. All das hängt zusammen und gründet letzten Endes schlicht darin, dass der Weg, den die westlichen Demokratien spätestens seit der Industrialisierung eingeschlagen haben, auf Ausbeutung von Mensch und Planet beruht.
      All das wurde schon tausendfach gesagt und geschrieben und dem wurde auch von vielen Seiten zugestimmt, nur ausgerechnet beim Eintreten der Konsequenzen, wird es vielerorts als Fatalismus verschrien statt als Realität anerkannt. We´re fucked. Und natürlich sollte die Kunst reagieren. Aber ein „Film gegen Rechts“ ist, glaube ich, zu kurz gedacht.

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    3. Ja, viele der Probleme, die sie nennen, stehen im Raum. Wir wissen einiges darüber, wie sich aus vielen einzelnen Entwicklungen der Vergangenheit unsere Gegenwart ergeben hat, aber der Zopf der Zukunft ist deshalb noch lange nicht geflochten. Sie nennen es „Realismus”, aber für mich klingt es sehr nach Fatalismus, mit dem man die eigene Untätigkeit bemänteln kann. usw. Dass mein kleiner Text so große An- und Einsprüche bei ihnen auslöst – und sie sich die Mühe machen zu kommentieren –, ist aber glaube ich ein gutes Zeichen... Wer immer sie sind, was immer sie tun, ich bin sicher, auch sie können einen Beitrag leisten. ;-)

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    4. Ist es fata- oder realistisch, zu sagen, dass zunehmend Klimakatastrophen kommen werden, dass sich weitere Kriege entwickeln werden und dass die soziale Ungerechtigkeit steigen wird?
      (Die großen An- und Einsprüche rühren übrigens daher, dass sie nach allem, was ich gesehen und gelesen habe, ein sehr schlauer und reflektierter Mensch sind – und ich einfach verdutzt über diese doch – sorry – recht flache Idee war, Filme gegen Rechts und quasi für "unsere Demokratie" zu machen.)

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    5. Ich glaube auch, man kann nicht abstrakt Filme „für” die Demokratie machen, aber Filme, die diskursive Einladungen sind, die notwendigen Auseinandersetzungen, zum Beispiel über die von Ihnen genannten Probleme, zu führen. Ich glaube, dass die Art der Auseinandersetzung und Problemlösung – der demokratische Prozess – noch wichtiger ist als die Probleme selbst. „Rechts” ist ja am Ende nichts anderes als der Glauben an das „naturgesetzliche” Gesetz des Stärkeren, und das Misstrauen in Prozesse, Kompromisse, Verständigung. Gerade angesichts der skizzierten Krisen ist "demokratisch oder nicht" für mich eine zentrale Frage usw.

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    6. Das kann ich nur unterschreiben. Bedenklich finde ich übrigens den allseitigen Imperativ heutiger Politiker*innen, die Demokratie verteidigen zu müssen. Eine Demokratie ist keine Ideologie, die man verteidigen kann. Es ist eine Staatsform, die sogar die Möglichkeit der Selbstzerstörung in sich trägt. Wir kennen das: Eine dezidiert antidemokratische Partei kann über eine demokratische Mehrheit an die Macht kommen, um eine Diktatur einzuführen. Eine Demokratie ist auch nie „die Herrschaft des Volkes“, es ist immer nur eine mehr oder weniger gelungene Simulation dieses Ideals. Insofern ergibt es nur bedingt Sinn, eine Demokratie verteidigen zu wollen. Man kann in ihr über Ideologien abstimmen, es ist eine Art Börse der Ideologien, sie selbst aber ist eine Form der Organisation.
      Wenn also Politiker*innen dazu auffordern, die Demokratie zu verteidigen, so ist das in Wirklichkeit eine Aufforderung, die eigene Politik gut zu heißen. Und genau die ist für viele Leute ja das Problem.

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  3. Wir sollten vor allem aufhören, rassistische und sexistische Filme zu machen. Denn durch die ständige Reproduktion von rassistischen und sexistischen Stereotypen spielen wir den Ideologie der Rechten in die Hand. Die Filmbranche hat eine riesige Macht, narrative in den Köpfen der Gesellschaft zu platzieren, und deshalb müssen wir uns endlich unsere Verantwortung bewusst werden. Und unsere Filme selbstkritisch auf schädliche narrative überprüfen.

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  4. Ich fände einen Zombieslasher der in einem Diversity-Beratungsfirma wäre ein politisches Statement.

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