PARALLEL FILM
NOTIZBUCH CHRISTOPH HOCHHÄUSLER
16 Oktober, 2026
„Paradies” @ Flensburger Kurzfilmtage
09 Oktober, 2026
Oberhausen 1999
| Dreharbeiten zu FIEBER, ca. 1998. Auf dem Monitor und im Hintergrund zu erahnen: Hauptdarsteller Uli Hakel, Sarah Masuch. Foto: Stephan Vorbrugg. |
Buster's Bedroom: Donald Sutherland, der Geraldine Chaplin einredet, sie könne Energie sparen, speichern, wenn sie sich ruhig verhielte. Und ihre Ungeduld, aus der Bewegungslosigkeit im Rollstuhl Superkräfte zu entwickeln. All diese Bilder und Geschichten, die wir sitzend zu uns nehmen - auch hier ist von Superkräften nichts zu spüren. Das Kino ist eine Täuschung.
Verdauungsgeschichten, Kreislauf. Wenn alle Geschichten erzählt worden sind und das Echo alter Filme die neuen übertönt - warum dann nicht gleich aus alten Bildern neue Filme machen? Kompilation als Autorenform. Aber natürlich sind meine Augen einzig.
Terry Gilliam sagt, seine besten Ideen sind kümmerlich gegen das, was aus ihnen wird im Prozess… Eine schreckliche Vorstellung für Kontrollfreaks wie mich, aber natürlich wahr.
Auf Sternen kann man nicht landen, sagt ein Kind, weil sie Zacken haben.
Ich transportiere meine Kopie im Rucksack - ich spüre ihr Gewicht. Ein angenehmer Anachronismus, dieses körperliche Verhältnis. Schließlich ist es doch nur Licht.
Die Befriedigung, Holz zu hacken. Ich will Schwielen auf den Händen haben. Aber die Leute von A-clip sagen: Wir brauchen eine Gesellschaft, die sich nicht über die Arbeit definiert.
Drehbuchregel: Ein Charakter definiert sich durch Handlung. Vielleicht ist der Ordnungsversuch "Dramaturgie" die erfolgreichste Philosophie der letzten 2000 Jahre. Mein Leben ist voller plot points, aber das Drama habe ich noch vor mir? Was weiß schon die Figur.
Ein Hotelzimmer, das mich mit laufendem Fernseher empfängt. Sogar mein Name steht auf dem Bildschirm und ich werde freundlich gebeten, nicht auszuschalten. Ein Hauch von Hal. Aber als ich abschalte, singt der Fernseher kein Lied.
Immer und immer wird behauptet, was zähle, seien die Geschichten, oder falls nicht vorhanden, die Charaktere, oder, wenigstens, die Ideen. Mir ist dieses grundsätzliche Misstrauen gegen die "Oberfläche Bild“, nicht wirklich verständlich.
Ist es gut, viele Filme zu sehen? Orson Welles sagt nein, und wer bin ich, ihm zu widersprechen. Aber natürlich: Petersilie ist Gift in großen Mengen. Augenmaß ist gefragt.
Das Schöne am Kino ist für mich dieser Impuls: Das will ich sehen - und dann darf ich mich im anonymen Dunkel verlieren. Hier sieht dir der Regisseur zu, wie du auf dem Sessel rutschst und fragt sich: Ist das persönlich gemeint?
Nach der Vorführung wird diskutiert. Die Diskussionsleiter haben sich sogar Fragen ausgedacht. Das Publikum ist freundlich. Die Schwachstellen meines Filmes bleiben nicht verborgen, aber niemand findet sie so schlimm wie ich. Ich gebe alles zu, was mit Enttäuschung aufgenommen wird. Lieber würde man verführt werden von der Lüge, alles habe einen ganz bestimmten Sinn.
In Wirklichkeit sind wir nur kleine Götter. Wir wissen auch erst hinterher, was gut war.
01 Oktober, 2026
KI-No?
| Plakat für Harry Piels Technik-Dystopie, 1934. |
Das Gehirn macht nachts Inventur. Es funkt nahe und ferne Körperregionen an, um das Feedback zu kartieren. So jedenfalls lautet eine Theorie, die „unwillkürlichen” Bewegungen Träumender zu erklären. Folgt man dieser Deutung, wäre der Traum selbst nur ein Feedback-Artefakt, ausgelöst von den „Tests”, nicht Auslöser, und allenfalls in der Nacherzählung interessant.
Das, was Filme mit uns machen, könnte man ähnlich beschreiben: das Kino, eine „Empathie-Maschine”, vermisst unsere Menschlichkeit, testet, was unser Gefühlshaushalt hergibt und erinnert uns an unsere eigene Unterentwicklung (Tomás Gutiérrez Alea lässt grüßen). Bis zu einem gewissen Grade schliesst also auch hier erst die Nacherzählung die Sinn-Lücke.
Die Frage ist, wie beliebig der Traum, wie „egal” der Film ist, der dieser Nacherzählung vorausgeht. Vielleicht ist das sogar die wichtigste Frage unserer Zeit. Denn die Fantastilliarden, die gerade in LLMs und andere „generische” KI-Modelle gepumpt werden, haben Folgen, ja wir sind mittendrin in einer Revolution der Bild- und Textproduktion, mittendrin auch im Abschied vom fotografischen Bild als einem Bild, das jenseits der Spiegelachse mit dem Wirklichen verbunden ist.
Wenn es nicht darauf ankommt, wie ein Bild oder Satz geboren wurde, ob er gedacht oder gemacht wurde, wenn nur unsere subjektive Reaktion und interne Sinnproduktion zählt, dann kann man KI getrost umarmen. Wenn aber Künstler und Träumer (was gelegentlich zusammenfällt) und ihre Prozesse, die Erfahrungen verdichten, Bedeutung haben, ist KI der Feind. Ein Dazwischen sehe ich nicht.
Produktive Katastrophe?
Es könnte vielleicht sinnvoll sein, hier einen Schritt zurück zu machen – weil sich der Staub nicht so schnell legen wird in unserer hysterisierten Gegenwart – und zu fragen, ob es vergleichbare Situationen gab in unserer Geschichte, die uns die Risiken und Nebenwirkungen (aber auch die Chancen) anschaulich machen könnten.
Ich möchte deshalb im Folgenden ein bisschen über die Erfindung der Fotografie sprechen – und wie sie das Medium der Malerei verändert hat. Natürlich haben Vergleiche immer Grenzen, aber ich finde die Parallelen zu den Veränderungen, die dem Medium Film möglicherweise bevorstehen, aufschlussreich. Ich spreche hier natürlich als Filmemacher. Und da das Thema ein weites Feld ist, bitte ich schon jetzt um Verzeihung für etwaige Auslassungen. Vielleicht ist es ein Trost, dass die Fehler, die ich machen werde, meine sind, keine Halluzinationen einer KI.
| Eine Straßensperre vor dem Denkmal für Niépce, in Jean-Pierre Melvilles LE CERCLE ROUGE (F 1970). |
Vortrag, entstanden auf Einladung von Brigitta Wagner, gehalten am 30.09.2024 an der DFFB.
24 September, 2026
Einführung „Eisenhans” @ Zeughauskino
Ich freue mich, am 14.11.2026, 20 h in Tankred Dorsts schönen ersten (und zugleich letzten!) Kinofilm EISENHANS (BRD 1983) einzuführen, im Rahmen der Reihe HEIM WEH im Zeughauskino, kuratiert von Tilman Schumacher. Der Film ist äusserst selten zu sehen und bisher nicht digital verfügbar. Ich kann ihn sehr empfehlen.
| Eine Seite aus dem 1983 im Prometh Verlag erschienenem „Szenarium” von Tankred Dorst und Ursula Ehler. |
15 September, 2026
Reaktionen
| Foto: Ludger Blanke. |
Andreas Busche: Gegenwart durch die Filmgeschichte betrachtet (Tagesspiegel, 09.09.2026)
Gerhard Midding: Fortlaufendes Experiment (epd Film, 11.09.2026)
Leonard Krähmer: Christoph Hochhäusler vor und hinter dem Vorhang (Jugend ohne Film, 15.09.2026)
09 September, 2026
Ausstellung & Werkschau @ n.b.k. & Kino Arsenal
Siehe auch: https://www.nbk.org/de/ausstellungen/christoph-hochhaeusler
Werkschau Christoph Hochhäusler
3. bis 24.9.2026
Eröffnung am Donnerstag, den 3.9.2026 um 20 h
im Kino Arsenal
Plantagenstr. 30, 13347 Berlin
Parallel zur Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) zeigt das Kino Arsenal eine Werkschau aller Filme von Christoph Hochhäusler. In seinen Geschichten geht es stets um Lügen und Intrigen, um Manipulation und Täuschung. Sie zeigen Betrug, Verrat und Begehren und sind nahe am Genrekino (Film noir, Krimi, Politthriller) inszeniert. Hochhäuslers im Kontext von Finanzkapitalismus, Politik, Medien und neuen Technologien angesiedeltes Kino gibt der Gegenwart und ihren komplexen Systemen eine Form. Das von Birgit Kohler (Arsenal Filminstitut) kuratierte Programm wird flankiert von Gesprächen mit dem Filmemacher und Einführungen von Esther Buss, Matthias Dell, Jan Künemund, Anne Küper und Sebastian Markt.
Do, 3.9., 20 Uhr (Eröffnung), Anschließend Gespräch mit Christoph Hochhäusler, Moderation: Birgit Kohler & Mi, 23.9., 19.30 Uhr. LA MORT VIENDRA (Der Tod wird kommen), R: Christoph Hochhäusler, D/Belgien/Luxemburg 2024, OmdU (am 23.09. OmeU) 101'.
Fr, 4.9., 20 Uhr, Anschließend Gespräch mit Christoph Hochhäusler, Moderation: Birgit Kohler & Do, 17.9., 19.30 Uhr MILCHWALD (This Very Moment), R: Christoph Hochhäusler, D 2003, OmeU 87'.
Sa, 5.9., 20 Uhr, Einführung: Sebastian Markt (Leiter der Sektion „Generation” der Berlinale) & Mo, 21.9., 19.30 Uhr. FALSCHER BEKENNER (Low Profile), R: Christoph Hochhäusler, D 2005, OmeU 94', Vorfilm: FIEBER (Fever), R: Christoph Hochhäusler, D 1998, 35mm, dt. OF 13'.
So, 6.9., 20 Uhr, Einführung: Matthias Dell (Film- und Fernsehkritiker, Berlin) & So, 20.9., 20 Uhr. EINE MINUTE DUNKEL (One Minute of Darkness), R: Christoph Hochhäusler, D 2011, OmeU 89'.
Di, 8.9., 19.30 Uhr & Fr, 18.9., 20 Uhr, Einführung Anne Küper (Kulturwissenschaftlerin, Kritikerin, Künstlerin). UNTER DIR DIE STADT (The City Below), R: Christoph Hochhäusler, D 2010, OmeU 110'. Vorfilm: SÉANCE, R: Christoph Hochhäusler, D 2009, OmeU 9'.
Do, 10.9., 19.30 Uhr & Do, 24.9., 19.30 Uhr, Einführung: Jan Künemund (Filmkurator) BIS ANS ENDE DER NACHT (Till the End of the Night), R: Christoph Hochhäusler, D 2023, OmeU 120'.
Fr, 11.9., 20 Uhr, Einführung: Esther Buss (Film-und Kunstkritikerin) & Di, 22.9., 19.30 Uhr DIE LÜGEN DER SIEGER (The Lies of the Victors), R: Christoph Hochhäusler, D 2014, OmeU 112'. Vorfilm: DAS PARADIES VERTREIBT UNS (Paradise Lost & Found), R: Christoph Hochhäusler, D 2026, OmeU 11'.
Siehe auch: https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmreihe/hier-und-jetzt-die-filme-von-christoph-hochhaeusler/
Eintrittspreise: Gäste: 10 €, Arsenal-Mitglieder: 5 €
Kartenvorbestellung: https://kinotickets.express/arsenal-berlin/