14 Mai, 2026

Auskämmen

ADDRESS UNKNOWN (William Cameron Menzies, USA 1944).

Es gibt nichts Traurigeres als das Auskämmen eines alten Adressbuchs. Lebt nicht mehr, ist weggegangen, macht jetzt etwas anderes, Kontakt verloren, Email kommt zurück, Nummer nicht vergeben. Aber vielleicht das Schlimmste sind „Karteileichen“, Namen, an die man sich nicht mehr erinnert. Waren wir uns einmal nahe? Warum hätte ich mir sonst mehrere Adressen notiert? Oder einen Spitznamen? Manche hätte ich vielleicht gerne gekannt, aber außer Anbahnung – „Gib mir doch mal deine Adresse” – hat nichts stattgefunden? Ich lese die Namen laut vor, aber es klingelt nichts bei mir. Verpasste Chancen, manchmal auch Erinnerungssplitter, die sich nicht mehr genau zuordnen lassen: der Nachhall eines Arguments, ein Lächeln, eine Blödelei. Geister, abgelegt, verlassen, gelöscht.

03 Mai, 2026

Zwischen Traum und Trauma: „Marnie” @ Filmpodium

Im Rahmen der großen Hitchcock-Retrospektive im Filmpodium Zürich werde ich mit der Filmwissenschaftlerin Renata Helker über Alfred Hitchcocks MARNIE (USA 1964) diskutieren, und zwar am Donnerstag, den 21.05.2026 um 18.30 h. Das Publikum ist herzlich eingeladen, mitzusprechen.

„Formal auf Augenhöhe mit VERTIGO (1958), PSYCHO (1960) und THE BIRDS (1963), aber unter den Meisterwerken in Hitchcocks Spätwerk vergleichsweise unbekannt, verstört MARNIE (1964) in der Art, wie direkt hier die Obsessionen des Regisseurs zu Tage treten. Die Berliner Filmwissenschaftlerin Renata Helker und der Filmemacher Christoph Hochhäusler sprechen über die Frage, welche „verbotenen” Übergänge zwischen Traum und Trauma der Film ebnet und wer den Preis dafür zahlt.”

05 April, 2026

Revolver Live! (65): Jan Bonny – Standbein, Spielbein


Ich freue mich sehr, am Samstag, den 25.04.2026 wieder ein Revolver Live! im Roten Salon der Volksbühne machen zu können.

Zu Gast ist der Regisseur und Autor Jan Bonny, ein Kollege, dessen Arbeit ich schon lange begeistert verfolge und der insofern überfällig war. Ich will mit ihm über seine polyphone Praxis zwischen Kino, TV, Theater, Werbe- und Kunstkontext sprechen und darüber, warum er sich immer wieder selbst überraschen muss. Ziel ist wie immer ein offener Diskurs. Interessierte sind herzlich eingeladen, mitzusprechen. 


SAMSTAG, 25.04.2026, 20 UHR @ ROTER SALON (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, D-10178 Berlin)


Tickets via Volksbühne oder an der Abendkasse. Siehe auch: 

https://www.volksbuehne.berlin/de/events/revolver-live-65-jan-bonny-standbein-spielbein?id=17596


Über den Gast:

Jan Bonny, geb. 1979 in Düsseldorf. 1999 Workshop an der New York Film Academy. 2000 bis 2006 Regiestudium an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Diplom mit dem Spielfilm-Drehbuch GEGENÜBER, Grundlage für den gleichnamigen Debütfilm (2007, Quinzaine des Réalisateurs, Förderpreis Deutscher Film für das Beste Drehbuch). Seither Arbeiten für Kino, TV und Theater, sowie im Werbe- und Kunstkontext. 


Filmografie (Auswahl): 

GEGENÜBER (2007), DER TOD MACHT ENGEL AUS UNS ALLEN (TV, 2013), ÜBER BARBAROSSAPLATZ (TV, 2015), WINTERMÄRCHEN (2018), DAS GESPENST DER FREIHEIT (TV, Polizeiruf, 2018), WIR WÄREN ANDERE MENSCHEN (TV, 2019), ICH HAB IM TRAUM GEWEINT (TV, 2020), KING OF STONKS (TV-Serie, 2022), FREIHEIT IST DAS EINZIGSTE WAS ZÄHLT (TV, 2024), DER PANTHER (TV, 2024). Werbefilme für BMW, Amazon, Audi, u.a. Kunstprojekte zwischen Performance und Film gemeinsam mit Alex Wissel, z.B. SINGLE (2015), JUPP WATT HAMWER JEMAHT (2016), VON DA AN (2017), H.A.M.K.B.H (2025). Theaterprojekte u.a. in Basel, Berlin, Düsseldorf; zuletzt: „Eisenfaust”, Schauspielhaus Köln (2025).


Der Rote Salon am 25.04., in Erwartung der Gäste.

Jury Spielfilm @ Achtung Berlin


Zusammen mit Christina Große und Mariam Shatberashvili werde ich im Rahmen der 22. Ausgabe des Festivals „Achtung Berlin” (15.-22.04.2026) der Jury für den Wettbewerb Spielfilm angehören. Ich freue mich.

26 März, 2026

Alexander Kluge (1932-2026)

„Die Kategorie Zusammenhang ist immer in der Krise.” A.K.

Alexander Kluge, der Filmemacher, Erzähler, Denker, Rechtsanwalt und Unternehmer, ist tot. Ein bundesrepublikanischer Leibniz, der wie kein Zweiter das geistige Leben dieses Landes geprägt und begleitet hat. Er hatte eine unnachahmliche Art, Dinge, Gedanken und Menschen zu verbinden. Immer wieder war er Geburtshelfer von Gruppen, ohne je selbst in einer aufzugehen. Als Adornos Assistent kam er in Berührung mit Fritz Lang, an der Ulmer HfG hat er sich zusammen mit Edgar Reitz an einem Bauhaus des Films versucht, als Autor von Kurzgeschichten („Lebensläufe”, „Chronik der Gefühle”, „Die Lücke, die der Teufel lässt”) war er mit der Gruppe 47 verbunden, war Mitinitiator und Mitverfasser des Oberhausener Manifests, mit Oskar Negt hat er am Schnittpunkt von Soziologie und Philosophie gearbeitet (2001 erschien als schöne Summe verschiedener gemeinsamer Bücher „Der unterschätzte Mensch”). Er war treibende Kraft hinter Kollektivfilmen wie DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), DER KANDIDAT (1980), KRIEG UND FRIEDEN (1982) und mehreren Portmanteau-DVDs wie NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE (2008) und FRÜCHTE DES VERTRAUENS (2009); an letzterer durfte ich, zusammen mit Christian Petzold, mitwirken. Das kollektiv verfasste, von ihm herausgegebene Buch „Bestandsaufnahme: Utopie Film“ (1984) ist bis heute ein zentrales Referenzbuch für mich, viele seiner dort formulierten Thesen haben sich als prophetisch erwiesen. Mit dem Fernsehunternehmen DCTP, das erst durch seine listenreiche Lobbyarbeit als „Kulturfenster” im Privatfernsehen möglich wurde, hat er gewissermaßen eine neue alexandrinische Bibliothek errichtet aus Interviews und essayistischen Fernsehformaten; „Themengärten”, die heute online frei zugänglich sind. Zu Gast waren Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler, immer wieder Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Peter Berling, Hannelore Hoger, Helge Schneider und zahllose andere, die er mit seiner ruhelos-sanften Flüsterstimme produktiv überforderte, auch weil er weniger Fragen stellte als freie Assoziationsketten auszubreiten. Unter seinen Kinofilmen leuchtet für mich sein programmatisch betiteltes Debüt ABSCHIED VON GESTERN (1966) am hellsten; Mit DER ANGRIFF DER GEGENWART AUF DIE ÜBRIGE ZEIT (1985) hat er den vielleicht schönsten und originellsten Filmtitel deutscher Sprache erfunden. Zu meinem Glück bin ich Kluge immer wieder begegnet, zwei mal habe ich ihn (mit-) interviewt, er hat Kino-Geschichten in Revolver veröffentlicht, unsere Zeitschrift war sogar einmal Gegenstand einer seiner SendungenAlle seine Filme, Gespräche und Bücher haben etwas ermunternd Vorläufiges und sagen: Fortsetzung folgt. Von nun an ohne ihn. Unvorstellbar, aber wir müssen es trotzdem versuchen, seine Gedanken im Gepäck.


P.S.: Auf NDR Kultur und Deutschlandfunk Kultur habe ich versucht, in knapper Form über Alexander Kluge Auskunft zu geben.

22 März, 2026

(Wieder-) Gesehen [27]

 Paare.

ANTOINE & ANTOINETTE (Jacques Becker, F 1947)

Jacques Becker hat eine unvergleichlich stabile Art, Filme zu machen. Jede Szene, jede Kamerabewegung ist überlegt. Ich muss an Holzbau denken, wenn ich seine Filme beschreiben soll, die Einstellungen wirken wie sich gegenseitig aussteifende Elemente eines Fachwerks, und ihre Handwerklichkeit nimmt mich für sie ein. Das Überraschende ist, dass seine Stoffe und Erzählvorhaben in dieser formalen Solidität nicht aufgehen; er beschreibt mit diesen Mitteln eben auch ganz fragile Dinge, Alltäglichkeiten, flüchtige Momente. In diesem Widerspruch bewegt sich Beckers Kunst, und ANTOINE & ANTOINETTE ist ein besonders schönes Beispiel dafür. Im Mittelpunkt stehen hier zwei Liebende im Paris der unmittelbaren Nachkriegszeit, ihr Umfeld und Alltag zwischen Arbeit, Besorgungen, Müßiggang und Eifersucht. Erst spät schürzt sich ein dramaturgischer Knoten um ein verloren geglaubtes Los der Lotterie. Die Aufregung lässt die Charaktere, die wir zuvor sozusagen in Friedenszeiten kennengelernt haben, noch einmal plastischer werden, es ist aber durchaus nicht so, dass der Plot deshalb zur Hauptsache wird.


TAKING OFF (Milos Forman, USA 1971)

Was, wenn die Rattenfänger der Jugend recht haben?



PETER IBBETSON (Henry Hathaway, USA 1935)

Gemeinsam einen Traum träumen: die ultimative Zweisamkeit?


LE PARC (Damien Manivel, F 2016)

Zwei Zonen durchquert der Film, die sich wie Tag und Nacht verhalten, hell und dunkel. Löschen sie sich aus?



LUST OCH FÄGRINNG STOR (Bo Widerberg, Schweden 1995)

Erotische Erziehung: entlang eigener Erfahrungen kann Widerberg der Affäre zwischen Lehrerin und Schutzbefohlenen einiges abgewinnen, bevor die Asymmetrie eben doch problematisch wird. Oder lese ich den Film zu moralisch?


HOBSON’S CHOICE (David Lean, GB 1954) 

Wie viel Spaß sozialer Aufstieg machen kann. Social mobility als Gesellschaftsgymnastik?


SEX (Dag Johan Haugerud, Norwegen 2024)

Was bedeutet Begehren?


CHÈRE LOUISE (Philippe de Broca, F 1972)

Wenn schon sugar mamma, dann Jeanne Moreau?


THE DRESSER (Peter Yates, GB 1983)

Theater als Leben und Ersatz?


GATE OF HELL (Teinosuke Kinugasa, Japan 1953)

Zerstörerische Projektion, die nur einer für Liebe hält. Toxisch aktuell?

17 März, 2026

Unter Verdacht

Abhörspezialist Harry Caul (Gene Hackman) in THE CONVERSATION (USA 1972):
Wissen heißt nicht verstehen. 

Innenminister Alexander Dobrindt hat sich bekanntlich für eine routinemäßige, geheime Durchleuchtung von potenziellen Kulturförderempfängern stark gemacht. Im Falle des Buchhandelspreises ist Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dieser Empfehlung schon gefolgt – und behält sich ausdrücklich vor, das Vorgehen auch in andere Kontexte zu bringen. Entsprechend habe ich mich gefragt, ob die lange Wartezeit auf die letzte Drehbuchförderung (zum Beispiel) mit einer Überprüfung durch den Verfassungsschutz zu tun gehabt haben könnte. Ich habe keine Belege dafür, dass diese Praxis schon in die Filmförderung eingesickert ist, aber wer könnte es ausschließen? Das sogenannte „Haber-Verfahren” ist ja geheim. 

Das ist ein Problem in vielerlei Hinsicht. Die anlasslose Inanspruchnahme des Inlandgeheimdienstes – für Verfassungsrechtler Christoph Möllers ein „nicht gerechtfertigter Grundrechtseingriff” – zeugt von einem gestörten Verhältnis zur Kunst und produziert ein Klima des Misstrauens. Sie gibt einem Amt kritische Autorität, das nicht für kulturelle Expertise bekannt ist. Weil die Auskunft nur aus einem „Ja“ oder „Nein“ besteht – ob „Erkenntnisse“ vorliegen oder eben nicht – kann die anfragende Behörde die Schwere der Vorwürfe weder nachvollziehen noch abwägen. Und weil der Vorgang geheim ist, können die Künstler*innen nur rätseln, sollte ihr Antrag abschlägig beschieden werden. Sie haben keine Einsichts- und Einspruchsmöglichkeiten, und auch die Öffentlichkeit hat keine Chance, sich einzumischen. Absehbare Folge dieser totalitären Tendenzen sind Duckmäusertum, Verstellung und eine Entpolitisierung der Kunst. Es ist ein Angriff auf die Kunstfreiheit, gegen den wir uns wehren müssen.