26 März, 2026

Alexander Kluge (1932-2026)

„Die Kategorie Zusammenhang ist immer in der Krise.” A.K.

Alexander Kluge, der Filmemacher, Erzähler, Denker, Rechtsanwalt und Unternehmer, ist tot. Ein bundesrepublikanischer Leibniz, der wie kein Zweiter das geistige Leben dieses Landes geprägt und begleitet hat. Er hatte eine unnachahmliche Art, Dinge, Gedanken und Menschen zu verbinden. Immer wieder war er Geburtshelfer von Gruppen, ohne je selbst in einer aufzugehen. Als Adornos Assistent kam er in Berührung mit Fritz Lang, an der Ulmer HfG hat er sich zusammen mit Edgar Reitz an einem Bauhaus des Films versucht, als Autor von Kurzgeschichten („Lebensläufe”, „Chronik der Gefühle”, „Die Lücke, die der Teufel lässt”) war er mit der Gruppe 47 verbunden, war Mitinitiator und Mitverfasser des Oberhausener Manifests, mit Oskar Negt hat er am Schnittpunkt von Soziologie und Philosophie gearbeitet, 2001 erschien als schöne Summe verschiedener gemeinsamer Bücher „Der unterschätzte Mensch”. Er war treibende Kraft hinter Kollektivfilmen wie DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), DER KANDIDAT (1980), KRIEG UND FRIEDEN (1982) und mehreren Portmanteau-DVDs wie NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE (2008) und FRÜCHTE DES VERTRAUENS (2009), an dem ich, zusammen mit Christian Petzold, mitwirken durfte. Das kollektiv verfasste, von ihm herausgegebene Buch „Bestandsaufnahme: Utopie Film“ (1984) ist bis heute ein zentrales Referenzbuch für mich, viele seiner dort formulierten Thesen haben sich als prophetisch erwiesen. Mit dem Fernsehunternehmen DCTP, das erst durch seine listenreiche Lobbyarbeit als „Kulturfenster” im Privatfernsehen möglich wurde, hat er gewissermaßen eine neue alexandrinische Bibliothek errichtet aus Interviews und essayistischen Fernsehformaten; „Themengärten”, die heute online frei zugänglich sind. Zu Gast waren Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler, immer wieder Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Peter Berling, Hannelore Hoger, Helge Schneider und zahllose andere, die er mit seiner ruhelos-sanften Flüsterstimme produktiv überforderte, auch weil er weniger Fragen stellte als freie Assoziationsketten auszubreiten. Unter seinen Kinofilmen leuchtet für mich sein programmatisch betiteltes Debüt ABSCHIED VON GESTERN (1966) am hellsten; DER ANGRIFF DER GEGENWART AUF DIE ÜBRIGE ZEIT (1985) gehört für mich zu den schönsten und originellsten Filmtiteln deutscher Sprache. Zu meinem Glück bin ich Kluge immer wieder begegnet, zwei mal habe ich ihn (mit-) interviewt, er hat Kino-Geschichten in Revolver veröffentlicht, unsere Zeitschrift war sogar einmal Gegenstand einer seiner SendungenAlle seine Filme, Gespräche und Bücher haben etwas ermunternd Vorläufiges und sagen: Fortsetzung folgt. Von nun an ohne ihn. Unvorstellbar, aber wir müssen es trotzdem versuchen, seine Gedanken im Gepäck.


P.S.: Auf NDR Kultur und Deutschlandfunk Kultur habe ich ein bisschen über Alexander Kluge gesprochen.

25 März, 2026

Vorschau:

Revolver Live! (65): Jan Bonny – Standbein, Spielbein


Ich freue mich sehr, am Samstag, den 25.04.2026 wieder ein Revolver Live! im Roten Salon der Volksbühne machen zu können.

Zu Gast ist der Regisseur und Autor Jan Bonny, ein Kollege, dessen Arbeit ich schon lange begeistert verfolge und der insofern überfällig war. Ich will mit ihm über seine polyphone Praxis zwischen Kino, TV, Theater, Werbe- und Kunstkontext sprechen und darüber, warum er sich immer wieder selbst überraschen muss. Ziel ist wie immer ein offener Diskurs. Interessierte sind herzlich eingeladen, mitzusprechen. 


SAMSTAG, 25.04.2026, 20 UHR @ ROTER SALON (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, D-10178 Berlin)


Tickets via Volksbühne oder an der Abendkasse. Siehe auch: 

https://www.volksbuehne.berlin/de/events/revolver-live-65-jan-bonny-standbein-spielbein?id=17596


Über den Gast:

Jan Bonny, geb. 1979 in Düsseldorf. 1999 Workshop an der New York Film Academy. 2000 bis 2006 Regiestudium an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. Diplom mit dem Spielfilm-Drehbuch GEGENÜBER, Grundlage für den gleichnamigen Debütfilm (2007, Quinzaine des Réalisateurs, Förderpreis Deutscher Film für das Beste Drehbuch). Seither Arbeiten für Kino, TV und Theater, sowie im Werbe- und Kunstkontext. 


Filmografie (Auswahl): 

GEGENÜBER (2007), DER TOD MACHT ENGEL AUS UNS ALLEN (TV, 2013), ÜBER BARBAROSSAPLATZ (TV, 2015), WINTERMÄRCHEN (2018), DAS GESPENST DER FREIHEIT (TV, Polizeiruf, 2018), WIR WÄREN ANDERE MENSCHEN (TV, 2019), ICH HAB IM TRAUM GEWEINT (TV, 2020), KING OF STONKS (TV-Serie, 2022), FREIHEIT IST DAS EINZIGSTE WAS ZÄHLT (TV, 2024), DER PANTHER (TV, 2024). Werbefilme für BMW, Amazon, Audi, u.a. Kunstprojekte zwischen Performance und Film gemeinsam mit Alex Wissel, z.B. SINGLE (2015), JUPP WATT HAMWER JEMAHT (2016), VON DA AN (2017), H.A.M.K.B.H (2025). 


22 März, 2026

(Wieder-) Gesehen [27]

 Paare.

ANTOINE & ANTOINETTE (Jacques Becker, F 1947)

Jacques Becker hat eine unvergleichlich stabile Art, Filme zu machen. Jede Szene, jede Kamerabewegung ist überlegt. Ich muss an Holzbau denken, wenn ich seine Filme beschreiben soll, die Einstellungen wirken wie sich gegenseitig aussteifende Elemente eines Fachwerks, und ihre Handwerklichkeit nimmt mich für sie ein. Das Überraschende ist, dass seine Stoffe und Erzählvorhaben in dieser formalen Solidität nicht aufgehen; er beschreibt mit diesen Mitteln eben auch ganz fragile Dinge, Alltäglichkeiten, flüchtige Momente. In diesem Widerspruch bewegt sich Beckers Kunst, und ANTOINE & ANTOINETTE ist ein besonders schönes Beispiel dafür. Im Mittelpunkt stehen hier zwei Liebende im Paris der unmittelbaren Nachkriegszeit, ihr Umfeld und Alltag zwischen Arbeit, Besorgungen, Müßiggang und Eifersucht. Erst spät schürzt sich ein dramaturgischer Knoten um ein verloren geglaubtes Los der Lotterie. Die Aufregung lässt die Charaktere, die wir zuvor sozusagen in Friedenszeiten kennengelernt haben, noch einmal plastischer werden, es ist aber durchaus nicht so, dass der Plot deshalb zur Hauptsache wird.



TAKING OFF (Milos Forman, USA 1971)

Was, wenn die Rattenfänger der Jugend recht haben?



PETER IBBETSON (Henry Hathaway, USA 1935)

Gemeinsam einen Traum träumen: die ultimative Zweisamkeit?


LE PARC (Damien Manivel, F 2016)

Zwei Zonen durchquert der Film, die sich wie Tag und Nacht verhalten, hell und dunkel. Löschen sie sich aus?



LUST OCH FÄGRINNG STOR (Bo Widerberg, Schweden 1995)

Erotische Erziehung: entlang eigener Erfahrungen kann Widerberg der Affäre zwischen Lehrerin und Schutzbefohlenen einiges abgewinnen, bevor die Asymmetrie eben doch problematisch wird. Oder lese ich den Film zu moralisch?


HOBSON’S CHOICE (David Lean, GB 1954) 

Wie viel Spaß sozialer Aufstieg machen kann. Social mobility als Gesellschaftsgymnastik?


SEX (Dag Johan Haugerud, Norwegen 2024)

Was bedeutet Begehren?


CHÈRE LOUISE (Philippe de Broca, F 1972)

Wenn schon sugar mamma, dann Jeanne Moreau?


THE DRESSER (Peter Yates, GB 1983)

Theater als Leben und Ersatz?


GATE OF HELL (Teinosuke Kinugasa, Japan 1953)

Zerstörerische Projektion, die nur einer für Liebe hält. Toxisch aktuell?

17 März, 2026

Unter Verdacht

Abhörspezialist Harry Caul (Gene Hackman) in THE CONVERSATION (USA 1972):
Wissen heißt nicht verstehen. 

Innenminister Alexander Dobrindt hat sich bekanntlich für eine routinemäßige, geheime Durchleuchtung von potenziellen Kulturförderempfängern stark gemacht. Im Falle des Buchhandelspreises ist Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dieser Empfehlung schon gefolgt – und behält sich ausdrücklich vor, das Vorgehen auch in andere Kontexte zu bringen. Entsprechend habe ich mich gefragt, ob die lange Wartezeit auf die letzte Drehbuchförderung (zum Beispiel) mit einer Überprüfung durch den Verfassungsschutz zu tun gehabt haben könnte. Ich habe keine Belege dafür, dass diese Praxis schon in die Filmförderung eingesickert ist, aber wer könnte es ausschließen? Das sogenannte „Haber-Verfahren” ist ja geheim. 

Das ist ein Problem in vielerlei Hinsicht. Die anlasslose Inanspruchnahme des Inlandgeheimdienstes – für Verfassungsrechtler Christoph Möllers ein „nicht gerechtfertigter Grundrechtseingriff” – zeugt von einem gestörten Verhältnis zur Kunst und produziert ein Klima des Misstrauens. Sie gibt einem Amt kritische Autorität, das nicht für kulturelle Expertise bekannt ist. Weil die Auskunft nur aus einem „Ja“ oder „Nein“ besteht – ob „Erkenntnisse“ vorliegen oder eben nicht – kann die anfragende Behörde die Schwere der Vorwürfe weder nachvollziehen noch abwägen. Und weil der Vorgang geheim ist, können die Künstler*innen nur rätseln, sollte ihr Antrag abschlägig beschieden werden. Sie haben keine Einsichts- und Einspruchsmöglichkeiten, und auch die Öffentlichkeit hat keine Chance, sich einzumischen. Absehbare Folge dieser totalitären Tendenzen sind Duckmäusertum, Verstellung und eine Entpolitisierung der Kunst. Es ist ein Angriff auf die Kunstfreiheit, gegen den wir uns wehren müssen.

03 März, 2026

Stimmen

Eine Auswahl an Pressestimmen zu DER TOD WIRD KOMMEN, ab 12.03.2026 in vielen deutschen Kinos.


"„Der Tod wird kommen“ ist ein aus schweren Substanzen gewobener Film, der erst ganz zum Ende hin für eine einzelne, dafür aber umso beeindruckender inszenierte Sequenz auf Mittel des klassischen Spannungskinos setzt. Über weite Strecken geht es vielmehr um Figuren, die einander umschleichen, während sie Verschiedenes übereinander wissen, ahnen, nicht wissen – um ein stetiges, auch ein wenig somnambules Herumirren in einer Welt mit wenigen Gewissheiten."

Jochen Werner, Filmstarts


"Der Plot um den Auftrag eines dem Tode geweihten Gangsters und eine Killerin, die für ihn arbeitet, ist zwar nicht bedeutungslos. Doch „La mort viendra“ lebt weit mehr von all den scheinbar kleinen Details, die sich zu einer Atmosphäre und einer bestimmten Temperatur verdichten: Schauplätze, Lichtstimmungen, Oberflächen, Blicke und Bewegungen und eben Namen, die unabhängig von den dazugehörigen Figuren einen bestimmten Raum öffnen. Die fremde Sprache und Stadt eröffnen Hochhäusler, der erstmals auf Französisch und in Brüssel drehte, ganz neue Möglichkeiten der Anverwandlung oder vielleicht auch des Sich-Selbst-Fremdwerdens."

Esther Buss, Filmdienst


"Hochhäusler inszeniert die Handlung seines Films mit einer charmanten Mischung aus Stilbewusstsein, der Schmierigkeit einer gealterten Halbwelt und dem Muff von zu lange nicht gewechselten Teppichböden. „Der Tod wird kommen“ ist eine Perle des unprätentiösen Genrefilms, eine seltene Spielart jener Filmgattung, um die sich Festivals gerade wieder aktiv balgen."

Fabian Tietke, taz Kinotipp


"Along the way, Hochhäusler consistently pursues his long-held hope to activate viewers into collaborating in the telling of the story, rather than merely consuming it. In other words, a viewer might derive pleasure from watching Hochhäusler’s films (...) not primarily from the staging of variations of genre-typical set pieces; nor from the deconstruction (let alone destruction) of the logic of, in this case, the “gun for hire” subgenre. Rather, the location of pleasure in Hochhäusler’s films is in the agonistic struggle with the genre itself. Death Will Come performatively stages this very struggle by dint of its obvious admiration for the very genre rules that it nevertheless does not allow to atrophy into clichés precisely because (...) doing so would undo the demand for viewers to experientially participate in the agonistic struggle of telling the story – indeed, in addressing the question of how the story should end that, according to Tez, “everyone has to answer for themselves.”"

Marco Abel, Senses of Cinema


"[Der Tod wird kommen] ist eine geschmeidige, kompakte Angelegenheit mit Anklängen an Chabrol und/oder Patrick Modiano. Er ist auf eine Weise halbseiden, die Vergnügen bereitet, mit einer ordentlichen Portion Pulp. Ungewöhnlich daran ist, wie Hochhäusler in einer Szene nach der anderen immer neue Charaktere, neue Themen und eine Fülle narrativer Informationen einführt. Jede Szene fühlt sich an wie ein kurzes Kapitel, mit den anderen eher auf abstrakte Weise als durch Plotnotwendigkeiten verbunden. Im Ton romanhaft, geradezu irritierend darum bemüht, noch den scheinbar unbedeutendsten Nebenfiguren eine Form von Individuierung und Interiorität zukommen zu lassen."

Michael Scicinski, Cargo


"Christoph Hochhäusler ist indes ein Regisseur, auf den namenloses Terrain einen enormen Reiz ausübt. Seit FALSCHER BEKENNER filmt er gern Orte, die unverhofft bespielt werden. Nimmt es also Wunder, dass sein neuer Film ins Nachbarland führt? DER TOD WIRD KOMMEN folgt den Regeln des französischen Polar, lässt sie aber in der Halb- und Unterwelt Brüssels heimisch werden. Es handelt vom erbitterten Revierkampf zwischen dem Alten und dem Neuen. Die widerspruchsvolle Architektur der belgischen Hauptstadt spielt prächtig mit."

Gerhard Midding, epd Film


"Das Kino von Christoph Hochhäusler ist eines der latenten Wahrnehmungen. Es zeigt nicht große, plötzliche Veränderungen, sondern Figuren, die jene Transformationen zur Kenntnis nehmen müssen, die sich schon seit Jahren vollziehen. Nicht unmerklich, aber mit einem fremdartigen Rhythmus, der jeden ins Stolpern bringt, der sich ihm anpassen will. Die Welt ist im Wandel. Die Menschen werden andere, und das Kino muss sich ebenfalls ändern. (...) Die Latenz seines Kinos hat auch mit der Latenz des Kinos an sich zu tun. Mit der Maschinerie, die das Filmen und vor allem das Produzieren so langsam macht."

Lucas Barwenczik, Filmdienst


"Die zweite Reflexionsebene unterläuft das testosteron-geschwängerte Gangster-Genre noch nachhaltiger. Während sich die Männer in Gewaltspiralen verirren, halten im Hintergrund die Frauen die Fäden in der Hand – solidarisch und in wechselseitiger Fürsorge. Das gilt nicht nur für die furchtlos-abgeklärte Auftragskillerin Tez, sondern auch für Charles frühere Partnerinnen. Neben der erwähnten Mela blickt auch Louise (Laura Sépul) tief in die Seele des sich selbst abhanden gekommenen Gangsterbosses. Mit ihr war Charles sechs Jahre liiert, heute betet sie für ihn. Zu Louise geht der Todkranke als einziger, um sich zu verabschieden. Vielleicht deshalb, weil sie etwas weiß, was in seinem Leben viel zu kurz gekommen ist: „Es geht nicht nur ums Fressen und Gefressenwerden.“"

Peter Gutting, Filmrezensionen


"Gerade in dieser kontrollierten Verlangsamung liegt ein Reiz des Films. Hochhäusler interessiert weniger das mechanische Abspulen einer Rachegeschichte als die Atmosphäre einer Unterwelt im Übergang. Mahr gehört zu einer alten Ordnung, deren Rituale noch von persönlichen Absprachen und körperlicher Präsenz leben. Sein Widersacher träumt von einer modernisierten Sexindustrie und technischer Optimierung. Über dem Film liegt ein Konflikt zwischen alter und neuer Kriminalökonomie, zwischen Verfall und Zukunftsfantasie."

Thomas Abeltshauser, Berliner Morgenpost


"Tez ist undurchschaubar und will lieber die laute Beretta anstatt des Modells mit dem Schalldämpfer. In einer Bar soll sie, um im Gegenzug Informationen zu bekommen, die Frauen an der Theke für die blinde Bordellbesitzerin beschreiben – eine tolle Szene, die in einem Zahnlücken- und Messerflirt mit der Barkeeperin und einem Kommentar zum Film selbst endet. Man könne viel damit tun, meint Tez über ihr Messer. „Man kann die Zeit zerschneiden. In ein Davor und in ein Danach.“"

Jens Balkenborg, taz


"So klischeefrei wie in „Der Tod wird kommen“ ist Brüssel vielleicht noch nie gefilmt worden, manchmal würde man die Bilder (Kamera: Reinhold Vorschneider) gerne anhalten. Etwa, wenn sich aus Mahrs altem Büro ein Panoramablick auf die leicht angeschrammelte Skyline vom Finanz- und Firmenzentrum der belgischen Hauptstadt öffnet."

Christian Schröder, Tagesspiegel


"Die allgegenwärtige Eleganz, die vereinzelten kruden Pointen und die atmosphärisch knisternde Musik Nigji Sanges‘ verleihen ihm trotz der existentiellen Orientierungslosigkeit der Figuren ein genussvolles Erscheinungsbild; der ungebrochene Kampf seiner Farben gegen die Unabwendbarkeit ihrer Niederlage vermittelt Mut. Vor allem aber finden sich in seinem bitteren Ganzen immer wieder wunderschöne inszenatorische Einzelmomente. (...) Plötzlich sind zwei Leute nur füreinander da, halten sich im Arm und zeigen Interesse an der Welt – ohne nihilistisches Eigeninteresse. Solche Szenen stellen der kalten Welt dieses Films einen kleinen, aber äußerst effektiven Moment zwischenmenschlicher Wärme entgegen."

Robert Wagner, critic.de


"In Hochhäuslers vorherigen Arbeiten mit Peltzer wollten die melodramatisch grundierten Erzählhandlungen nicht immer ganz zu den weitergehenden Ambitionen der Filme passen, zum Versuch vor allem, etwas von der systemischen Komplexität moderner Gesellschaften zu fassen zu bekommen. Dem neuen Film, Hochhäuslers stärkstem mindestens seit "Falscher Bekenner", gelingt dies ungleich besser - eben weil ihm das Genre Halt verleiht, als eine Struktur, die sich selbst erfüllt, als eine Menschenvernichtungsmaschine, die gierig und, wie sich am Ende herausstellt, in der Tat völlig sinnlos vor sich hin schnurrt, bis zur eruptiven Blutfontäne im brachialen Showdown. Das Gesellschaftliche dringt derweil an den Rändern in "La Mort viendra" ein, fast osmotisch, über Erinnerungen und Echos, über das Ungesagte, über Blicke."

Lukas Foerster, Perlentaucher


"Bei aller subtiler Intelligenz lädt der Film trotzdem dazu ein, ihn einfach stumpf und glücklich anzuschauen. Es ist kein Essay, keine postmoderne Wendung des Allzubekannten, vielmehr ist es der Versuch, das Genre wirklich ernst zu nehmen, was zu einer ziemlich eindrucksvollen und brutalen Actionsequenz am Ende führt, die man so gar nicht erwarten würde in der sonst von vielsagenden Blicken und sich verdeckt haltenden Machenschaften dominierten Handlung."

Patrick Holzapfel, Jugend ohne Film


Podcasts / Radiointerviews:

Vollbild / Leinwandliebe / Flimmerfreunde / Radio X (ab Minute 12:13) / Artepods


Zitiert (ungefähr) in Reihenfolge des Erscheinens. Wird fortgesetzt.

23 Februar, 2026

Ab 12. März im Kino: „Der Tod wird kommen”


Nach der Weltpremiere im Wettbewerb von Locarno (und weiteren Festivalstationen in Mannheim, Tallinn, São Paulo, Shanghai usw.) kommt mein Film DER TOD WIRD KOMMEN („La Mort viendra”) am 12. März 2026 endlich regulär in die deutschen Kinos (Verleih: W-Film). Ich freue mich sehr darüber und werde den Film auch in einige Städte begleiten. Die Planung der Kinotour ist noch nicht abgeschlossen, fest stehen bislang folgende Stationen:

Köln
05.03.2026, 20 h @ Metropolis
in Anwesenheit von Sophie Verbeeck

Berlin

11.03.2026, 20.30 h @ Kino in der KulturBrauerei 

moderiert von Knut Elstermann


Hamburg

12.03.2026, 19.30 h @ Abaton-Kino 

Kinotour


Bielefeld

13.03.2026, 19.30 h @ Kamera Filmkunsttheater

Kinotour


Essen

15.03.2026, 17 h @ Astra Theater 

Kinotour


Wuppertal

16.03.2026, 19.45 h  @ Cinema Wuppertal

Kinotour


Düsseldorf

17.03.2026, 19 h @ Bambi

Kinotour


München

18.03.2026, 20 h  @ Werkstattkino

Kinotour


Sophie Verbeeck als „Tez”.

Erzählt wird die Geschichte des legendären Brüsseler Gangsters Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing), der die Killerin Tez (Sophie Verbeeck) beauftragt, den Mord an einem seiner Kuriere zu rächen. Schnell gerät sie in das Dickicht einer Intrige, in der Mahrs Herausforderer Patric De Boer (Marc Limpach) eine undurchsichtige Rolle spielt. Tez wird selbst zur Gejagten und muss sich entscheiden, wessen Werkzeug sie sein möchte...

In weiteren Rollen spielen Mourade Zeguendi („Zinedine”), Nassim Rachi („Carlo”), Hilde Van Mieghem („Julie”), Delphine Bibet („Méla”), Laura Sépul („Louise”), Luc Feit („Dédé”), Pitcho Womba Konga („Yann”), Elsa Rauchs („Axelle”) u.a. 

Louis-Do de Lencquesaing als „Charles Mahr”.

Produktion: Bettina Brokemper, Heimatfilm (Köln), Bady Minck + Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Amour Fou (Luxemburg), Joseph Rouschop, Tarantula (Liège). Regie: Christoph Hochhäusler. Drehbuch: Ulrich Peltzer, Christoph Hochhäusler. Besetzung: Ulrike Müller. Kamera: Reinhold Vorschneider. Szenenbild: Renate Schmaderer. Kostümbild: Michèle Tonteling. Maskenbild: Garance Van Rossum. Haare: Pascal Joris. Ton: Marc Thill. Montage: Stefan Stabenow. Musik: Nigji Sanges. Sounddesign: François Aubinet. Mischung: Michel Schillings. Colorist: Dirk Meier. VFX: Thomas Löder. Künstlerische Mitarbeit: Aurélia Georges. Redaktion: Carlos Gerstenhauer, Harald Steinwender (BR), Barbara Häbe (Arte). BR, ARTE, BKM, Filmstiftung NRW, Filmförderung Luxemburg, FFA, MBB, Belgian Tax Shelter, Wallon Image.

P.S.: Der Film wird im französischsprachigen Original, aber auch in einer synchronisierten Fassung gezeigt werden, in der übrigens Henriette Confurius die Hauptrolle „Tez” spricht. 

Wellenbrecher


Für die neue Ausgabe von EPD Film (3/26) habe ich im Rahmen eines Specials zur Nouvelle Vague ein paar Zeilen zu François Truffauts Debüt LES QUATRE CENTS COUPS beigesteuert.

02 Februar, 2026

Sünden

F.W. Murnau FAUST (D 1926)

Die Vergehen, die im Kino zum Skandal werden, unterscheiden sich von den „Todsünden“ der Kirchenlehre. Trägheit, Neid und Stolz werden vom Zuschauer zwar kritisch beäugt, Zorn, Wollust und Völlerei aber eher milde beurteilt. Die Zehn Gebote schneiden noch schlechter ab: Moderne Zuschauer sind tolerant gegenüber Vielgötterei (1.), Verwünschungen (2.), Ehebruch (6.) oder dem Begehren seines Nächsten Frau (9.). Bei Diebstahl (7.) hängt es stark von den Umständen ab und sogar Mord und Totschlag (5.) können im Kino auf Nachsicht hoffen, je nach dem, wer das Opfer ist und welche Umstände zur Tat führen. 

Hatte die League of Decency also doch recht? Ist das Kino ist im Kern unchristlich? Oder sollte man Kinogefühle nicht so ernst nehmen? Vielleicht kommen wir einer Antwort näher, wenn wir zunächst die Frage klären, aus welcher Position wir als Zuschauer urteilen. Wir sind anwesend als Augen- und Ohrenzeugen, leihen uns aber nicht nur einen Blick, sondern fühlen uns auch in fremde Körper ein. Und wir muten uns viel mehr Nähe zu, als wir das im wirklichen Leben tun würden, weil wir hier der Schwerkraft und anderen, vor allem sozialen Konsequenzen enthoben sind. 

Ein bisschen ist es so, als würden wir eine Tarnkappe tragen. Niemand weiß, dass wir dabei sind, zumindest so lange die vierte Wand nicht durchbrochen wird – und wir selbst vergessen (nur zu gerne) den Illusionscharakter. Obwohl wir die Blicke/Einstellungen nicht selbst gewählt haben, machen wir sie uns zu eigen und nehmen es furchtbar persönlich, wenn unsere Stellvertreter und Ersatzkörper leiden müssen. Wenn das Publikum also launenhaft mit der „Sünde” umgeht – einerseits harsche Urteile fällt, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, zugleich aber milde auf Gewalttaten reagiert – sind das in erster Linie Identifikationseffekte.