18 Februar, 2015

(Wieder-) Gesehen

Die Erinnerung bildet Ketten: vier sehr verschiedene Filme, die das Thema des fremden Blicks variieren (und die ich alle im letzten Jahr gesehen habe).


DE OFRIVILLIGA (Ruben Östlund, Schweden 2008)

Ein Abfolge unverbundener Szenen, die zusammen ein erschreckend glaubwürdiges, komisches Muster gesellschaftlicher Abhängigkeit ergeben. Unser „normales” bürgerliches Leben erscheint als Schnittmenge sinnloser Regeln und archaischer Gruppenzwänge, die den Glauben an die individuelle Entscheidung zu einer ziemlich verzweifelten Sache machen. Östlunds Kamera verhält sich zur Handlung dabei wie ein Spion, er ist auf ein „neutrales” Bild aus, das sich wie von selbst ergibt.


UNDER THE SKIN (Jonathan Glazer, UK 2013)

Die „Menschwerdung” einer ausserirdischen Erscheinung ist hier ein Kniff, unseren Alltag (zum Teil mit versteckter Kamera gefilmt) „fremd” zu sehen. Zugleich aber will Glazer ein poet of strange sein, und wirklich gelingen ihm einige sehr unheimliche, rätselhafte Szenen. Ein überzeugendes Ganzes, eine schlüssige Metapher entsteht so nicht für mich, aber das habe ich dem Film nicht übel genommen.


ICH WAR NEUNZEHN (Konrad Wolf, DDR 1968)

Der fremde Blick auf das Eigene bestimmt auch diesen spät-neorealistischen Film. Konrad Wolf erzählt entlang ähnlicher, eigener Erfahrungen, wie ein junger Deutscher mit der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt. Jaeckie Schwarz gibt „Gregor Hecker” überzeugend brüchig als eine Art kulturelles Waisenkind, das nur zögernd begreift, was ihn dieses verheerte Land angeht. Wolfs Film hat eine Schärfe und Ehrlichkeit, die im Gegenwartsfilm der DEFA zuverlässig verboten wurde.


DIE LEGENDE DER PRINZESSIN KAGUYA (Isao Takahata, Japan 2013)

Und noch einmal: alien eyes. Wie kaum ein anderer Zeichentrickfilm der Ästhetik – und Logik – der Handzeichnung verpflichtet, interpretiert Takahata die alte Legende ganz im Sinne des Ghibli'schen Naturmystizismus', hält aber Abstand zum New-Age-Kitsch seines Kollegen Miyazaki. Die Geschichte vom Mondmädchen, das in der Endlichkeit den Sinn des Menschseins entdeckt, ist auf eine oft herzzerreissende Weise der Tradition verpflichtet; der Film betrauert nicht nur die unwiederbringliche Schönheit eines Augenblicks, sondern zugleich das Verschwinden seiner eigenen Form, der (überwiegend) handgezeichneten Animation – aber er wird nicht nostalgisch dabei. Atemberaubend: wie in einer Sequenz die Flucht in Gedanken und die Flüchtigkeit der Zeichnung zusammenfallen. (Wahrscheinlich der beste Film, den ich 2014 gesehen habe.)

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