04 Juli, 2008

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Zu meinem Vergnügen: Bilder aus der Anfangssequenz von Martin Scorseses CASINO (1995), einem Film, der damals als eine Art hysterische Fortsetzung von GOODFELLAS grob unterschätzt wurde. Für mich gehört CASINO in seiner Kraft, Härte und Genauigkeit zu den besten amerikanischen Filmen überhaupt. Das geniale dialektische Erzählprinzip von GOODFELLAS, die Verschränkung von Erzählen und Zeigen, Verführung und Analyse ist hier bis ins polare Extrem - Oper und Dokumentarfilm - auf die Spitze getrieben; und so findet das Exzessive und Obsessionale des Gegenstands seine Entsprechung in der filmischen Form. Zu dieser Größe hat Scorsese seither nicht zurück gefunden und wird es womöglich nie mehr. Das ist nicht zuletzt auch eine Frage physischer Belastbarkeit...

(Die Titelsequenz war die letzte Arbeit von Saul und Elaine Bass, den großen Meistern der filmischen Ouvertüre.)

01 Juli, 2008

Image Diary

Apichatpong Weerasethakul, Regisseur von „Blissfully Yours”, „Tropical Malady” und zuletzt „Syndromes and a Century” veröffentlicht seit einiger Zeit ein „Image Diary” - hier ein Ausschnitt aus dem Juni-Post:



http://www.kickthemachine.com/home/index.html (Unter der Rubrik Image Diary)

Die Bilder selbst sind (größtenteils) unspektakulär. Der Name „Tagebuch” deutet die Kunstlosigkeit schon an. Interessant finde ich den Versuch der „Veralltäglichung” visueller Kommunikation. Könnte die tägliche Handhabe eine Art visueller Versprachlichung mit sich bringen?

Auch wenn Weerasethakul wahrscheinlich viel konkretere Absichten hat - ich finde die Vorstellung reizvoll, das Kino könnte sich mit der Vollendung der digitalen Revolution von der Schwerfälligkeit der bis heute üblichen dreiphasigen *) Produktion befreien und in Zukunft sukzessive und AUF EINER EBENE entstehen - unter Verwendung von vorgefertigten / in „Tagebüchern” gesammelten Bild-Einheiten. Das klingt wie eine Fusion aus Jonas Mekas, Found Footage und Truffauts „caméra-stylo” - und warum auch nicht.

Ich schreibe gerade an einem Kurzfilm und verwende dabei zum ersten Mal systematisch die Google-Bildsuche. Ich schreibe mein Drehbuch also sozusagen in die Suchmaske und bin auf diese Weise von Anfang an mit Bildkombinationen konfrontiert. Für mich eine aufregende Erfahrung... Wenn man nun so mit eigenen (über Jahre geernteten) Bildern bzw. Bewegtbildern verfahren könnte?


*) Das Silbe „-phase” suggeriert nur eine zeitliche Trennung, aber letztlich geht es um verschiedene Medien: Die Konzeption passiert in Textform, die Dreharbeiten organisieren akkustische / visuelle Ereignisse für eine Aufzeichnung, die dann im Schnitt verarbeitet wird. Es geht also um jeweils komplementäre Verfahren, die im „Verkehr” aufwändige Übersetzungsarbeiten notwendig machen.

26 Juni, 2008

Body Double

Die deutsche Geschichte als ein Maskenball der Untoten... und der Schauspieler als Celebrity-Impersonator:



Frau Dietrich und Katja „Marlene” Flint.



Adi und Bruno.



Tom Cruise „ist” Stauffenberg.



Wowereit versucht wie die Tussaud-Version von Clooney auszusehen (nur die Krawatte stimmt noch nicht).



Johanna Wokalek macht auf Gudrun Ensslin.



Knef = Makatsch.



Doch nicht: Yvonne Catterfeld als „Eine Frau wie Romy”.



Die neueste Blüte: Schweighöfer will Reich-Ranicki werden.

Party am Fluss

Aus Anlass der Veröffentlichung des neuen Heftes (#18) und der neuen Revolver DVD (#4) machen wir eine Party am Wasser... und zwar am Freitag, den 11. Juli 2008 ab 21.30 h im Bootshaus (und am Strand) von KIKI BLOFELD, Köpenickerstr.48/49. Für Musik sorgt DJ DIN 3000. Eintritt: 2 Euro. Willkommen ist wie immer jeder, der mit uns feiern will.


Revolver DVD Edition No. 4: „Blissfully Yours” von Apichatpong Weerasethakul. So in etwa haben wir uns auch die Party vorgestellt...

24 Juni, 2008

Heft in Sicht!



Revolver Heft 18, die Geburtstagsausgabe, erscheint mit Verspätung am 10. Juli und enthält Beiträge von / mit Hong Sang Soo, Hou Hsiao-Hsien, Eyal Sivan, Tankred Dorst + Ursula Ehler und Ulrich Köhler.

13 Juni, 2008

Lucie et Maintenant


Simone Fürbringer, Nicolas Humbert und Werner Penzel auf den Spuren der (wahren) Cortàzar-Geschichte „Die Autonauten auf der Kosmobahn”. Zwei, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben, reisen mit einer ungewöhnlichen Spielregel von Paris nach Marseille: Sie verabreden, an jedem Rastplatz Halt zu machen und an jedem zweiten zu übernachten - und dehnen so die 7 Stunden lange Fahrt auf 33 Tage. Weniger ein Road Movie als eine Reise in den Moment...

Ab 19.06. im Berliner Kino FSK.

10 Juni, 2008

Jerichow


Christian Petzolds neunter abendfüllender Spielfilm JERICHOW variiert das tödliche (James M. Cain-) Dreieck, das von Luchino Visconti (OSSESSIONE, 1943) über Tay Garnett (THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE, 1946) bis Bob Rafelson (THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE, 1981) immer wieder Ausgangspunkt filmischer Erzählungen über erotische - und gesellschaftliche - Alternativen war.

In OSSESSIONE etwa wird die „Freiheit der Straße” ziemlich direkt der homosexuellen Sphäre zugerechnet, während die heterosexuelle Liebe, von der Frage nach Besitz doppelt belastet, notwendig in einen Mord mündet...

Benno Fürmann spielt den „Drifter”, Nina Hoss die „fatale” Frau. In weiteren Rollen: Hilmi Sözer (im Bild sind nur seine Beine zu sehen), André Hennicke und Claudia Geisler. Der Film befindet sich im Schnitt, wie immer mit Bettina Böhler am Steuer. Ich bin gespannt...

Foto © Schramm Film

29 Mai, 2008

Was heißt: Filme politisch machen?

Im Berliner Kino Arsenal findet am Samstag, den 31. Mai, um 18.30 h unter dieser Überschrift eine Diskussion statt, die verspricht, interessant zu werden.

Auf dem Podium:

Harun Farocki (Filmemacher, Berlin)
Ulrich Gregor (Filmhistoriker, Berlin)
Ulrich Köhler (Filmemacher, Berlin)
Cristina Nord (Filmredakteurin der tageszeitung, Berlin)
Vrääth Öhner (Film-, Medien- und Kulturwissenschaftler, Wien)

Moderation: Birgit Kohler (Vorstand Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.)

12 Mai, 2008

Der Räuber


Ein erstes Bild von Benjamin Heisenbergs gerade in Produktion befindlichem, zweiten Spielfilm DER RÄUBER (2009) mit Andreas Lust (© Geyrhalter Filmproduktion / Petro Domenigg). Kamera: Reinhold Vorschneider. Der Film erzählt - nach dem Roman von Martin Prinz - die wahre Geschichte des „schnellsten Österreichers” Kastenberger (im Film Rettenberger), der als Serienbankräuber in die Verbrechensgeschichte Österreichs einging.

09 Mai, 2008

Alle Anderen


Ein neues Bild von Maren Ades ALLE ANDEREN (2008) - mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger - der sich langsam der Fertigstellung nähert. Ich bin gespannt.

06 Mai, 2008

Männer filmen Frauen



Carl Theodor Dreyer und Kameramann Rudolph Maté filmen Maria Falconetti (LA PASSION DE JEANNE D'ARC 1928).



Carl Theodor Dreyer und Kameramann Henning Bendtsen filmen Nina Pens Rode (GERTRUD, 1964).



Alfred Hitchcock und Kameramann Robert Burks filmen Tipi Hedren (MARNIE, 1964).



Rainer Werner Fassbinder und Kameramann Michael Ballhaus filmen Magrit Carstensen (MARTHA, 1974).



Lars von Trier und Kameramann Anthony Dod Mantle filmen Nicole Kidman (DOGVILLE, 2003).

04 Mai, 2008

Frau Jesus und das schöne Leid

SIE
Mir fällt auf, dass die Frauen in euren Filmen fast immer „ein Problem” haben oder regelrecht krank sind, was mich auch insofern erstaunt, als dass ich deutsche Frauen, wenn man das pauschal so sagen kann, oft als stark und in einem positiven Sinne emanzipiert erlebe.

ICH
An welche Filme denkst Du?

SIE
„Montag kommen die Fenster”, „Identity Kills”, „Der Wald vor lauter Bäumen”, „Madonnen”. Es gibt noch viele andere. Auf „Milchwald” trifft das natürlich auch zu.



Judith Engel in MILCHWALD (2003)

ICH
Siehst Du, was das Frauenbild betrifft, Unterschiede zwischen den Filmen die von Frauen inszeniert wurden („Der Wald vor lauter Bäumen”, „Madonnen”) und denen der männlichen Kollegen?

SIE
Die Filme sind natürlich alle sehr unterschiedlich, aber ich sehe zumindest keine klare Grenze zwischen Männerblick und Frauenblick. Die Filme der Männer sind womöglich fiktiver, aber das könnte Zufall sein. Die Frauen bei Angela Schanelec sind so ... unentspannt wie bei Oskar Röhler.

(Lachen)

ICH
Was denkst Du steckt hinter dieser Häufung?

SIE
Ich hatte gehofft, Du hättest vielleicht eine Antwort.

ICH
Ich weiss nicht, was die Kollegen sagen würden, aber ... Was sicher eine Rolle spielt, sind Vorbilder. Es gibt ja am Horizont des „Kunstfilms” bestimmte Fixsterne – „Persona” (Bergman, 1960), „Il deserto rosso” (Antonioni, 1964) „A Woman Under the Influence” (Cassavetes, 1974). Aber auch Filme wie „Gertrud” (Dreyer, 1964), „Marnie” (Hitchcock, 1964), „Wanda” (Loden, 1970) oder „Martha” (Fassbinder, 1974) fallen mir ein. Deren Strategie, gesellschaftliche Erschütterungen auf weibliche Figuren zu übertragen, hat großen Einfluß gehabt, glaube ich.



Monica Vitti in IL DESERTO ROSSO (1964)

SIE
Dann wäre euer Kino epigonal?

ICH
Das kann man so sehen. Aber die leidende Frauenfigur als Projektionsfläche männlicher Sensibilitäten geht noch viel weiter zurück und spielt in der realistischen Tradition europäischer Literatur eine zentrale Rolle, von Flaubert (Madame Bovary, 1856) über Strindberg (Fräulein Julie, 1889) und Ibsen (Hedda Gabler, 1890) bis Fontane (Effi Briest, 1895).

SIE
Die Beispiele, die Du genannt hast, sind aber doch in einem ganz anderen Kontext entstanden. Das waren doch unglaublich avancierte Positionen damals, Ausdruck eines neuen emanzipatorischen Klimas. Die Entdeckung der Frau gewissermassen - während eure Filme fast krampfhaft nach Frauen suchen, die einen Hau haben und die starken Frauen aussen vor lassen.

ICH
Du würdest sagen, das ist Ausdruck eines neuen Sexismus?

SIE
Ob der neu ist, weiss ich nicht. Es ist für die Regisseure aber offensichtlich reizvoll, sich mehr oder weniger kranke Frauen vorzustellen und sie dann zu „behandeln”. Aber das scheint Dir egal zu sein.

ICH
Es nützt ja nichts, wenn ich jetzt beteure, wie sehr mir Gleichberechtigung am Herzen liegt. Ich versuche mal, von den ganz allgemeinen Erklärungen abzusehen. Warum haben wir in „Milchwald” eine solche Figur geschrieben, warum habe ich sie so besetzt und inszeniert? Wahrscheinlich weil ich damals der Meinung war, dass Frauen tatsächlich „krisenbegabter” sind, will heissen: sie leben Krisen und Gefühle oft stellvertretend aus, zum Beispiel für ihre Männer. Das ist so eine Art Jesus-Motiv, wenn man so will. Leid und Erlösung. Ich weiss nicht, ob Du das nachvollziehen kannst. Aber ich wollte damit doch um Gottes Willen nicht sagen, dass alle Frauen so sind oder sein sollten. Es hat uns dramatisch interessiert.

SIE
Aber ich finde, die Verhältnismässigkeit stimmt nicht. Es gibt ja eigentlich gar keine positiven oder sagen wir besser: lebenstüchtigen Frauenfiguren im deutschen Gegenwartskino. Ich meine nicht Sympathie, sondern ein „in-der-Welt-sein”. Ich hätte Lust, Frauen im Kino zu sehen, die im Leben stehen. Statt dessen sehe ich Opfer und Gespenster, Hysterikerinnen und ätherische Wesen.

ICH
Ich verstehe, was Du meinst. Aber geht es Dir um Repräsentation oder um Geschlechterpolitik?

SIE
So formuliert klingt das ja beinahe anrüchig.

ICH
Überhaupt nicht. Aber diese summarische Perspektive ist letztlich kulturpolitisch. Über die eigene Fantasie kann man schlecht Rechenschaft ablegen.

SIE
Das verlangt ja auch niemand...

ICH
Ich würde auch gerne mehr „ganze” Frauen im Kino sehen, keine Frage. Würde das nicht notwendig eine viel handlungsorientiertere Dramaturgie erfordern?

SIE
Wäre das so schlimm?

ICH
Gar nicht, was ich meine ist nur: Wer sich für das, sagen wir: Innerliche interessiert, im Kino, wird sich von Aussenseitern, von Leidenden, von Verwundeten angezogen fühlen. Weil sie etwas sichtbar machen. Ob Männer oder Frauen spielt da erst mal keine Rolle.

SIE
Das klingt, als würde ich Kraft-durch-Freude-Parolen ausgeben. Blonde deutsche Frauen, die zupacken können...

(Lachen)

ICH
Nein, aber die gesunde, im Leben stehende Figur braucht womöglich einen Krimi, um in Bewegung zu kommen. Was die weite Verbreitung dieses Genres im Fernsehen erklären könnte.

SIE
Die guten „Normalos” geraten schuldlos in Gefahr... Ja, das ist das andere Ende des Spektrums. Aber dazwischen liegen Billionen Möglichkeiten.

ICH
Wenn Du Dich umsiehst im Gegenwartskino, welche Figuren oder Filme kommen Dir da in den Sinn? Als positive Beispiele?

SIE
Es gibt nicht viele Filme, die mir einfallen. Ich mag die Filme von Agnès Jaoui, Barbara Albert, Claire Denis, Naomi Kawase, Lucrecia Martel, um jetzt mal ein paar Frauen zu nennen. Die Frauenfiguren bei Abdellatif Kechiche, also in „L'Esquive” (2004) und „La Graine et le Mulet” (2007) sind toll, finde ich. Dominik Graf gelingen immer wieder gute Frauenrollen, wenn auch meistens in Männergeschichten. Aber es ist frustrierend, wie wenige Hauptrollen für Frauen man überhaupt sieht im Kino. Und wenn die wenigen dann alle Passionsgeschichten erzählen, stimmt irgend etwas nicht...



LA CIÉNAGA (2001) von Lucrecia Martel

Dieser Wortwechsel ist eine freie Komposition verschiedener Gespräche mit verschiedenen Leuten zum Thema „Unsere Frauen”. Diskussionsbeiträge sind willkommen.

18 April, 2008

Actrices






Bilder aus Valeria Bruni Tedeschis klugem, witzigen, lebendigen Film „Actrices”, der gestern angelaufen ist. Mit: Valeria Bruni Tedeschi (Marcelline), Noémie Lvovsky (Nathalie), Mathieu Amalric (Denis), Louis Garrel (Éric), Valeria Golino (Natalia Petrowna), Marisa Borini (Mutter) u.a. Stab: Valeria Bruni Tedeschi (Regie), Buch & Dialoge: Valeria Bruni Tedeschi, Noémi Lvovsky, Kamera: Jeanne Lapoirie, Montage: Anne Weil, Szenenbild: Emmanuelle Duplay, Kostümbild: Caroline De Vivaise, Maske: Caroline Philipponnat, Ton François Waldedisch, Sound Editor : Jean-Christoph Winding u.a.


„Jeder Film ist ein Vorwand: Man braucht eine Geschichte, um Leute zu filmen...”

Valeria Bruni Tedeschi im Interview mit Gerhard Midding (Freitag). Siehe auch:

http://www.freitag.de/2008/16/08161502.php

02 April, 2008

Wanderlust


Von Björk, die in der Vergangenheit immer wieder spektakuläre Videos mit Leuten wie Chris Cunnigham, Michel Gondry oder Spike Jonze verwirklicht hat, gibt es einen neuen Film: „Wanderlust”. Das Regie-Team 'Encyclopedia Pictura' hat eine bizarr stilisierte Märchenwelt entwickelt, irgendwo zwischen van Gogh, Hiroshige und Techno-Grafik, in der Björk einmal mehr als Naturwesen mit den Elementen kämpft... Sehenswert.

http://video.on.nytimes.com/?fr_story=1b7437f415e3c9898200afe28d6c4089255471cd

http://bjork.com/videogallery/

01 April, 2008

Almodovar bloggt


Pedro Almodovar bloggt seit kurzem - auf spanisch, französisch und englisch - hauptsächlich über die Arbeit an seinem neuen Film LOS ABRAZOS ROTOS. Das ist natürlich auch als Werbung gedacht, geht aber über reine Publikumspflege hinaus.

http://www.pedroalmodovar.es/

25 März, 2008

Cannes '08!



Kein Gerücht mehr:

CANNES 2008 - WETTBEWERB

BLINDNESS von Fernando Meirelles (Eröffnungsfilm)

24 CITY von Jia Zhangke
ADORATION von Atom Egoyan
CHANGELING von Clint Eastwood
CONTE DE NOEL von Arnaud Desplechin
DELTA von Kornél Mundruczó
ENTRE LES MURS von Laurent Cantet
GOMORRA von Matteo Garrone
GUERRILLA von Steven Soderbergh
IL DIVO von Paolo Sorrentino
LA MUJER SIN CABEZA von Lucrecia Martel
LA FRONTIERE DE L’AUBE von Philippe Garrel
LE SILENCE DE LORNA von Jean-Pierre Dardenne
LEONERA von Pablo Trapero
LINHA DE PASSE von Walter Salles
MY MAGIC von Eric Khoo
SERBIS von Brillante Mendoza
SYNECDOCHE, NEW YORK von Charlie Kaufman
THE ARGENTINE von Steven Soderbergh
THE PALERMO SHOOTING von Wim Wenders
THREE MONKEYS von Nuri Bilge Ceylan
TWO LOVERS von James Gray
WALTZ WITH BASHIR von Ari Folman

WHAT JUST HAPPEND von Barry Levinson (Abschlussfilm)

Außer Konkurrenz:

BABYLON A.D. von Mathieu Kassovitz
INDIANA JONES AND THE KINGDOM OF THE CRISTALL SKULL von Steven Spielberg
KUNG FU PANDA von Mark Osborne, John Stevenson
THE GOOD, THE BAD, THE WEIRD von Jee-woon
VICKY CRISTINA BARCELONA von Woody Allen

19 März, 2008

Howard Hawks:

„In den heutigen Filmen wird zu viel geredet. Man muß seine Szenen zeigen und dann dem Zuschauer die Arbeit überlassen, damit er das Gefühl bekommt dazuzugehören. Jedes Drehbuch, das sich gut liest, taugt nichts. (...) Wenn man es dagegen dreimal lesen muß, um es zu begreifen, dann besteht vielleicht die Möglichkeit, einen Film daraus zu machen.”

Aus dem Interviewbuch „Who The Devil Made it?” von Peter Bogdanovich („Wer hat denn den gedreht?”, Haffmanns Verlag)

13 März, 2008

Vorzeichen

Im Theater. Bevor sich der Vorhang hebt, erscheint ein Mann, berichtet von dem Fahrradunfall der Hauptdarstellerin und dass sie sich das Knie verletzt habe. Sie werde nichtsdestotrotz auftreten, allerdings an der einen oder anderen Stelle von der üblichen Choreografie abweichen, um ihr Knie zu schonen. Obwohl sich die Aufführung nicht merklich von den anderen unterscheidet, verändert die Ankündigung die Wahrnehmung erheblich. Das Knie der Schauspielerin wird zum heimlichen Hauptdarsteller. Das ist die Macht des Vorzeichens.

Einen Film auf DVD zu sehen bringt manchmal Informationen ins Spiel, die die eigene Wahrnehmung auf eine ähnliche Art programmiert. Zum Beispiel sehe ich einen Film in der Originalsprache die ich beherrsche oder zumindest zum Teil verstehe. Um sicher zu gehen oder weil der Ton schlecht ist (oder meine Vorführtechnik) schalte ich Untertitel zu, gerne ebenfalls in der Originalsprache. Es ergeben sich Interferenzen. Die Untertitel kürzen ab, sind fehlerhaft, oder eilen dem Ton weit voraus – so dass ein ganz seltsames Überlegenheitsgefühl entsteht. Man hängt an den Lippen der Schauspieler, so wie man vielleicht an den Lippen eines Stotterers hängt, ungeduldig. Manchmal stehen nur Untertitel für Schwerhörige zur Verfügung – und man bekommt Beschreibungen von Musik („beschwingte Tanzmusik”) und Stimmungen („Wind pfeift”) geboten, die der eigenen Wahrnehmung Konkurrenz machen. Manchmal werden gar Dialoge aufgeführt, die im Ton nicht zu hören sind. Auch hier drängt sich also das „Knie” in den Vordergrund.

Ich frage mich, ob man die Politik der Vorzeichen nicht bewusster betreiben sollte. Auf Kritiken, Werbung oder Untertitel haben Filmemacher in der Regel wenig Einfluss. Aber natürlich kann der Erzähler selbst Vorzeichen zum Einsatz bringen. Wer „A True Story” vor einen Film schreibt, der alles andere als „wahr” ist, will sein Publikum programmieren und mit dieser Programmierung womöglich ein ironisches Spiel treiben - wie es die Coens in „Fargo” gemacht haben. Aber auch innerszenisch können Vorzeichen nützlich sein. Zum Beispiel kann man eine Figur über Ankündigungen aufladen und so die Aufmerksamkeit des Publikums justieren. Kaum je habe ich das so stark erlebt wie in Marcel Ophüls' großen Film „Hotel Terminus”, wo Eichmanns Anwalt Vergès wieder und wieder zur Sprache kommt („der Teufel”), bevor man ihn zum ersten Mal sieht. Als er dann auftaucht in all seiner Glätte, ist unser Blick geschärft für jede kleinste Anomalie ... Für mich eine der unheimlichsten Begegnungen der Filmgeschichte.

12 März, 2008

Alexander Kluge:

„Eine sog. Liebesszene ist z.B. eine solche Real-Erfindung. Wir sind alle gewohnt, in einem Film – oder in Wirklichkeit – eine solche Szene an 'realistischen Maßstäben' zu messen, die angeblich in der Szene selber enthalten sind. Die Liebesszene ist aber nur dann realistisch, wenn z.B. die künftige Abtreibung gleich in sie eingeschnitten wird. Aber auch die Geschichte aller früheren Abtreibungen. Das ist in einer wirklichen Liebesszene nicht anders, gleich, ob die beiden an die Abtreibung denken, ob diese überhaupt in dem konkreten Falle aktuell ist. Die gesamte vorangegangene Erfahrung, auch die durch Verhütung ausgesparte, auch die der Voreltern und die aller fremden Liebesszenen, ist in der konkreten Szene gegenwärtig. Der Konflikt zwischen Zärtlichkeit und den unzärtlichen Folgen, der rabiaten Erwartung und dem, was sich davon erfüllen läßt, genau dies ist der Real-Gehalt. An der Schärfe dieses Konflikts messen sich alle anderen Wahrnehmungen. Isoliert davon, nur 'gegenwärtig', wird die Liebesszene ideologisch. Die Szene wird aber auch ideologisch, wenn man ihr die Illusionen austreibt. Sie fände dann gar nicht statt.”

Aus: Kommentare zum antagonistischen Wirklichkeitsbegriff, 4. Kapitel: „Die schärfste Ideologie: daß die Realität sich auf ihren realistischen Charakter beruft”, gefunden in dem Suhrkamp Band zum Film „Gelegenheitsarbeit einer Sklavin” (S.215)

08 März, 2008

Alles Theater

Das Kino hat viel gemein mit älteren Medien öffentlicher Veranschaulichung. Ich meine nicht nur das Theater, sondern auch Museum, Parlament und Gericht. Im Namen des Volkes werden Ideen und Konflikte, die von übergeordneten Interesse sind, verkörperlicht und aufgeführt. Auch der Film ist ein Prozess, der Beweise präsentiert und sie zu einem einheitlichen Bild zu fügen versucht... nur dass die Perspektive, die alles bündelt, eben nicht der Schaden ist, sondern alles sein kann, was uns angeht. Allzu oft aber müssen wir im Kino Schauprozessen beiwohnen, in denen falsche Geständnisse die vorformulierten Schuldsprüche „beweisen”. Wie kann es gelingen, das Ergebnisoffene des Gerichtsprozesses in die Konservenkunst Film zu retten?

17 Februar, 2008

Grüße vom Nordpol

Wenn es die „Berliner Schule” nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Sie scheint ganz dringend gebraucht zu werden, jedenfalls von Ihren Gegnern, die sich bei jeder Gelegenheit ausführlich gruseln, natürlich ohne den Filmen je wirklich ins Gesicht zu sehen. So äussert sich Oskar Röhler in dem Lifestyle-Magazin ZOO besorgt, die Filme der „Berliner Schule” - die er als „austauschbar, depressiv und langweilig” beschreibt - würden „die Leute aus den Kinos vertreiben” und so das „Überleben des Mediums” gefährden. Ganz schön viel Ehre für die Handvoll Filme, die bisher mit wenigen Ausnahmen in kleiner oder kleinster Kopienzahl verliehen wurden... Til Schweiger wiederum will zwar „Constatin Film nicht gegen die Berliner Schule ausspielen”, ärgert sich aber doch, dass die Filmakademie dieses Jahr „fast nur Filme vornominiert hat, die keine Sau kennt”, darunter auch YELLA (Regie: Christian Petzold) und MADONNEN (Regie: Maria Speth), die dieser phantomhaften Institution gerne zugerechnet werden.

Egal, was man von diesen Argumenten halten möchte: offensichtlich findet im deutschen Kino gerade eine Polarisierung statt, für die man die „Berliner Schule” gut gebrauchen kann. Davon abgesehen, dass ich mich nicht in Sippenhaft nehmen lassen möchte (noch dazu für ein fremdes Etikett), ist mir die Debatte grundsätzlich willkommen - Heuchelei beschädigt auf Dauer das Denkvermögen. Nur müsste dieser Streit eben über das Stänkern gegen die „immer Spröden” (Röhler) hinausgehen. Es gibt meiner Meinung nach mindestens so viele Wege zur Kunst wie es Menschen gibt, was aber eben nicht Beliebigkeit bedeutet, sondern im Gegenteil ein kompromissloses Aufspüren des eigenen Potentials. Das kann innerhalb oder ausserhalb etablierter Formen passieren, aber Imitation darf kein Rezept sein für unsere kleine Filmwirtschaft...

07 Februar, 2008

Berlinale Blog

Während der Berlinale blogge ich als Gast für DIE ZEIT. Vielleicht „sieht” man sich?

http://blog.zeit.de/berlinale-blog/