02 Februar, 2026

Sünden

F.W. Murnau FAUST (D 1926)

Die Vergehen, die im Kino zum Skandal werden, unterscheiden sich von den „Todsünden“ der Kirchenlehre. Trägheit, Neid und Stolz werden vom Zuschauer zwar kritisch beäugt, Zorn, Wollust und Völlerei aber eher milde beurteilt. Die Zehn Gebote schneiden noch schlechter ab: Moderne Zuschauer sind tolerant gegenüber Vielgötterei (1.), Verwünschungen (2.), Ehebruch (6.) oder dem Begehren seines Nächsten Frau (9.). Bei Diebstahl (7.) hängt es stark von den Umständen ab und sogar Mord und Totschlag (5.) können im Kino auf Nachsicht hoffen, je nach dem, wer das Opfer ist und welche Umstände zur Tat führen. 

Hatte die League of Decency also doch recht? Ist das Kino ist im Kern unchristlich? Oder sollte man Kinogefühle nicht so ernst nehmen? Vielleicht kommen wir einer Antwort näher, wenn wir zunächst die Frage klären, aus welcher Position wir als Zuschauer urteilen. Wir sind anwesend als Augen- und Ohrenzeugen, leihen uns aber nicht nur einen Blick, sondern fühlen uns auch in fremde Körper ein. Wir muten uns viel mehr Nähe zu, als wir das im wirklichen Leben tun würden, weil wir hier der Schwerkraft und anderen, vor allem sozialen Konsequenzen enthoben sind. 

Es ist ein bisschen ist es so, als würden wir eine Tarnkappe tragen. Niemand weiß, dass wir dabei sind, zumindest so lange die vierte Wand nicht durchbrochen wird – und wir selbst vergessen (nur zu gerne) den Illusionscharakter. Obwohl wir die Blicke/Einstellungen nicht selbst gewählt haben, machen wir sie uns zu eigen und nehmen es furchtbar persönlich, wenn unsere Stellvertreter und Ersatzkörper leiden müssen. Wenn das Publikum also einerseits harsche Urteile fällt, wenn es um Ungerechtigkeiten geht, gleichzeitig aber milde auf Gewalttaten reagiert, sind das in erster Linie Identifikationseffekte. 

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