24 Oktober, 2026

Körpergrenze

Foto: © Katrin Eißing.
I

Wenn wir das Kino, das uns heute bewegt, ins Naheliegende verlängern, berühren wir das Ende des Mediums. Denn ein Film, der nur Ereignis sein will, zweite Natur, muss die Leinwand überwinden. Die Nachfolgetechniken stehen bereit, einmal mehr überreicht das Militär die Schlüssel: „raumgreifende" Computersimulationen, die, über Schnittstellen beeinflussbar, das Realitätsgefühl herausfordern, so wie es das Kino in seinen Anfängen getan hat. Mit dem einfahrenden Zug hört das Kino dort auf, wo es angefangen hat. 

Läßt man sich darauf ein, dass das Kino zur Neige geht, wird man, nach sentimentaler Beklemmung, ein Gefühl der Freiheit finden. Im Bewusstsein der letzten Stunde schwindet plötzlich der Zwang zum Gesamtkunstwerk, der all die Jahre so beschwert hat. Das überkomplexe Medium, das alle Künste beleiht, darf wieder einfach sein. Das Kino wird endlich zur emotionalen Grundlagenforschung. Das Gefallen-Wollen verliert seine zentrale Bedeutung. 

Träumen wir also von einem Kino der Spätzeit, das sich verweigert. Das nicht verfügbar macht, was man ihm abverlangt, sondern das im Gegenteil herausfordert. Das alt geworden störrisch wird, wenn man es zwingen will. Balthazar, der traurige Esel mit den großen, weichen Ohren, weist den Weg.

II 

Was den erotischen Film so heikel macht, ist die Strategie der Identifikation. Die Kraft des Kinos hat viel mit der Verwandlung eines fremden Blicks in den eigenen zu tun. Die magische Verschmelzung der Blicke erlaubt es uns, beteiligt zu sein und außer Gefahr. Diese Einheit wird gefährdet, wenn der Held seinen Körper verlässt (Tod) oder zum Zentrum seines Empfindens macht (Sex). Nichts macht die Grenzen der Identifikation schmerzlicher deutlich als die Lust des Helden. Der Held entfremdet sich, indem er die Welt des Blickes verlässt. 

Neue Unterhaltungsmedien werden diese Schranken der Anteilnahme - die das Kino letztlich zu einer intellektuellen Angelegenheit machen - überwinden. Statt eines Stellvertreters werden wir dann selbst eingebettet sein in die Illusion der Macht. Aber vergessen wir nicht: nur der Stellvertreter kann uns spiegeln. 

Der Film ist ein Medium der Reflexion. Erst die Aussicht auf sein Ende erlaubt uns diese Einsicht. Mag es auch sein, dass wir die Welt der Bilder nie mit der selben Schärfe und Genauigkeit werden führen können wie die Welt der Sprache, so steht doch ausser Frage, dass der Kern des Mediums, die Montage, eine abstrakte Angelegenheit ist, die erst in unserem Kopf konkret wird. Das Kino ist eine Dunkelkammer, in der Gefühle entwickelt werden. 

III

Die Frage nach dem Profit berechtigt nicht zu großen Hoffnungen. "Wieviel werden wir verdienen?" fragen sich die Industriellen des Films, und die Antwort ist eine Zahl, kein Film. An den resultierenden Erfüllungsfilmen herrscht kein Mangel und es völlig gleichgültig, ob wir sie selbst herstellen oder einkaufen. Hollywood macht seine Sache gut, seine Produkte sind so zuverlässig wie Coca Cola. 

Natürlich kann man den industriellen Ehrgeiz haben, diese Macht zu brechen, aber das ist eine andere Geschichte. Wir sollten uns, ganz im Sinne des Marktes, für das interessieren, was Hollywood nicht kann. 

Dieses Feld wird gerne abschätzig Nische genannt, aber das ist natürlich Propaganda. In Wirklichkeit operiert Hollywood auf engstem Raum - weshalb man sich dort so oft auf die Füße tritt - während riesige Horizonte des Films brachliegen.

IV

Mit dem Kino ist das Sehen zu einer Religion geworden, die sich für die einzig wahre Lehre hält. So allumfassend sich das Kino auch gebärden mag, so sehr lebt es von der Unterdrückung anderer Möglichkeiten, anderer Sinne. Dass dieser Totalitarismus jetzt an seine Grenzen stößt, kann uns nur recht sein. Denn die Grenze ist ein guter Ort, etwas zu lernen über die Welt. 

Vielleicht kann also in der goldenen Dekadenzzeit des Kinos nur der Film hoffen, erkannt zu werden, der sich mit einem Bein im Unsichtbaren: jenseits der Grenze befindet. Ein Film, der verführt zur Aufmerksamkeit für die Dinge, die Bilder werden müssen, bevor sie Wort sein können. Ein Film, der sich zu Hause fühlt im Nebel der Phantome, der nicht Bildung kitzelt, sondern Bedeutung schafft. Und der den rührenden, hochtrabenden Jugendsünden der lauten Neulinge mit dem milden Lächeln des Alters begegnet.



Geschrieben ca. 1999, offenbar unter dem Eindruck des Hypes um virtual reality. Unveröffentlicht. Den einen oder anderen Satz habe ich mir später ausgeliehen.

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