21 Mai, 2015

Unter Tage

Ist Bloggen „vorbei”? Für mich durchaus nicht, aber im Sinne direkter Resonanz vielleicht. Hier jedenfalls hat es seit langer Zeit keine Kommentare mehr gegeben, ohne dass sich die Klick-Zahlen merklich vermindert hätten. Die Debatten oder flüchtigen Kommentar-Ping-Pongs sind in die sozialen Netzwerke abgewandert, zu Facebook größtenteils, wo ich seit kurzem auch solo zu finden bin (die Facebook-Seite von Revolver pflege ich schon länger).

Richtig glücklich bin ich darüber nicht. Auf Facebook kann man sich spontaner äussern, ja, aber es ist eine Öffentlichkeit zweiter Ordnung: Mich stören die Zugangsbeschränkungen und undurchsichtigen Interessen des Betreibers, die jedes Mitglied zum unbezahlten Arbeiter einer Datenmine machen. Mich stört auch die Bestätigungsökonomie, die einer Logik der Überwachung folgt. Und natürlich ist das Ausmass an Nichtigkeiten, denen man sich unwillkürlich aussetzt, riesig. Wenn man sich bewusst macht, wie eng die Grenzen unserer Aufnahmefähigkeit sind, muss man darin ein gefährliches Moment der Entpolitisierung erkennen, den vielen weltverbesserischen Posts zum Trotz.

(Demnächst mehr)

18 Mai, 2015

Bekenner


Lese eben, dass mein Film FALSCHER BEKENNER (2005) im Rahmen des sogenannten „Lola-Festivals” zu sehen sein wird, auf Vorschlag von Edward Berger.

Am 30.05.2015 um 16 h in der Astor Film Lounge (Berlin).

06 Mai, 2015

La Cinetek


Laurent Cantet schrieb mir kürzlich, ob ich Lust hätte, zusammen mit Regie-Kolleg(in)en aus der ganzen Welt „1000 Filme des 20. Jahrhunderts” auszuwählen, die auf einer neuen VoD-Plattform einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Jeder sollte 50 Filme benennen, die für sie oder ihn persönlich wichtig sind, um so „die Liebe zum Kino” zu befördern. Am 20. Mai wird das Projekt La Cinetek, das ab Herbst in Frankreich, später überall auf der Welt „sehr preiswert” abrufbar sein soll, in Cannes vorgestellt. 

26 April, 2015

Kinostart


Mein Film DIE LÜGEN DER SIEGER startet am 18. Juni 2015 in den deutschen Kinos, im Verleih der NFP. Trailer. Website. Facebook. Twitter. Kinoliste.

Erzählt wird die Geschichte einer Täuschung. Ein Journalist (Florian David Fitz) und seine junge Kollegin (Lilith Stangenberg) geraten während einer Recherche ins Machtfeld einer Lobby. Statt auf Konfrontation setzt die Gegenseite auf die Sehnsucht nach der perfekten Story...

In weiteren Rollen: Horst Kotterba, Ursina Lardi, Gottfried Breitfuss, Arved Birnbaum, Jean-Paul Comart, Zinedine Soualem, Jakob Diehl, Karl Fischer, Irina Potapenko, Seyneb Saleh, Cornelius Schwalm, Thilo Werner u.a.


Produktion: Bettina Brokemper. Regie: Christoph Hochhäusler. Drehbuch: Ulrich Peltzer, Christoph Hochhäusler. Kamera: Reinhold Vorschneider. Szenenbild: Renate Schmaderer. Kostümbild: Peri de Bragança. Schnitt: Stefan Stabenow. Besetzung: Ulrike Müller. Musik: Benedikt Schiefer.

Trailer

15 März, 2015

Hipster?

Was ist ein Hipster? Ich etwa: Ein wendiger Großstädter, der sich über ein Code-Set definiert, das er sich mit einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter teilt, wobei dieser Dress- Sprech usw Code sich in einem gleichbleibendem Abstand zum Mainstream befindet; auf diesen zwar wirken möchte, aber nie mit ihm zusammenfallen darf. 

Interessanterweise gibt es zwar eine Menge Hipster in der deutschen Filmszene, aber keine hippen Filme. Jedenfalls fällt mir kein Beispiel ein. Warum ich das als (selbstdefinierter) Anti-Hipster bedauere? Weil ich gegen ein (gut) schaumschlagendes Kino weniger einzuwenden habe als gegen den simulierten Tiefgang. Ich vermisse ein Interesse an Oberflächen, die ganz unserer Zeit gehören.

Da fällt mir Frieda Grafe ein, die über Ernst Lubitsch schrieb:
„Mode ist nicht Nachahmen zuerst, sondern Wechsel. Lubitschs bevorzugter Drehbuchautor in Hollywood, Samson Raphaelson, erinnert sich, dass Lubitsch bei jedem Einfall immer zuerst sich vergewisserte, ob es auch ›different‹ sei - was anderes. So kommt es zu dem mechanischen Rhythmus seiner Filme; die Formen schnurren ab, als brauchten sie sich um Inhalte nicht zu kümmern.”
„Lubitschs Filme sind gemacht wie Mode und wirken wie Mode. Sie sind verführerisch. Sie wecken Wünsche und Lüste. Er demonstriert von innen, mit den Mitteln des Kinos, unsere Anfälligkeit für Ansteckung. Er zeigt ganz unverblümt, dass davon das Kino lebt. Wünsche und Lüste in der industriellen Gesellschaft sind nicht natürlich, sie sind berechnet.”

Ich will nicht behaupten, dass Lubitsch ein Hipster war. Aber seine Filme, besonders natürlich die „Sex Comedies” der 30er Jahre, entfalten ihre Raffinesse ganz an der Oberfläche ...

11 März, 2015

Schlachtplatte


SCHLEPPZUG M17, Heinrich Georges einzige Regiearbeit, funktioniert wie eine Schlachtplatte. Alles wird (nebeneinander) serviert, auch die Innereien. Der Film selbst ist aus den Fugen, die Nähte sind schmutzig. Da ist das herbe Idyll der Flussfahrt. Das City-Girl, das, wie in Murnaus SUNRISE, vorschlägt, man könnte die Ehefrau verunglücken lassen. Da sind die Stadtmontagen, die zwischen Rhythmus (Ruttmann) und Verité (Menschen am Sonntag) schwanken. Und da ist, als Magnet, als Zentrum, Georges Henner, ein Verlorener, noch bevor er der aparten Diebin verfällt.

Heinrich George war das, was man im Süddeutschen ein „gestandenes Mannsbild” nennt: nicht so sehr dick als „stark” (das war das Wort, wenn meine Großmutter anerkennend von schweren Männer sprach), im Spiel proletarisch breit, fast schmierenhaft, aber ein Genie darin, mit seinem Publikum „intim” zu werden. Es ist, als könnte man ihn riechen. Ekkehard Knörer hat seinen Stil kürzlich mit flacher Klinge als „Sentimentalitätsschauspielerei” abgewehrt, aber wie immer man Georges unreines, instinktnahes Spiel nennen möchte, mich elektrisiert es:

Wie er seine Pranke um die Hüfte der jungen Frau legt und wie ihm die gleiche Hand später zum Pfötchen wird, das einen Ballon hält, Luftschlangen im Haar. Seine wässrigen Hundeblicke, die den Abgrund der Enttäuschung offenbaren, weil die Befriedigung nicht von Dauer ist, weil der Hunger bleibt. Die Kraft und die Ohnmacht, die bei ihm kindisch zusammen gehen, nicht nur in diesem Film...

SCHLEPPZUG M17 ist am kommenden Samstag, 14.03.2015, 19 h, noch einmal im Zeughaus Kino zu sehen (als Teil der Werner Hochbaum Reihe; Hochbaum hat einige Zusatzaufnahmen für den Film gemacht). Im Zuge des 14. Hofbauer-Kongresses wurde zuletzt leidenschaftlich über den Film geschrieben, so von Sano Cestnik, Oliver Nöding, Udo Rotenberg und Michael Kienzl.

07 März, 2015

Stateside

DIE LÜGEN DER SIEGER

Am 22. März 2015 wird DIE LÜGEN DER SIEGER in Boston zu sehen sein (Cooldige Corner Theatre), am 10. + 11. April werde ich meinen Film dann in New York (Cinema Village) persönlich vorstellen. Aus diesem Anlass findet am 11. April im Deutschen Haus ein Gespräch zwischen mir und der Künstlerin/Filmemacherin Amie Siegel statt. Thema ist Berlin im Spiegel des Kinos. Was uns insbesondere interessiert ist die Frage, wie man Stadt filmen kann, und welches Bild von Stadt die Berlin-Filme quer durch die Zeiten und Systeme produziert haben. Amie Siegel hat sich intensiv mit Berliner Filmgeschichte auseinandergesetzt, u.a. in ihrer schönen Arbeit „Berlin Remake”. DIE LÜGEN DER SIEGER ist der erste meiner Filme, der in Berlin spielt. Moderiert wird die Veranstaltung von Ulrich Baer.

Sergei Loznitsa - Facing History



Am 17. März mache ich im Roten Salon ein Revolver Live mit dem russisch-ukrainischen Regisseur Sergei Loznitsa. Aus dem Einladungstext:

„Von der „Vergangenheitsbewältigung” hierzulande wird oft behauptet, sie sei vorbildlich und einmalig. Sieht man einmal nur auf die Spielfilme, die in Deutschland zum Thema NS-Diktatur entstanden sind, kommt man zu einem anderen Schluss. Die stärkste Tendenz könnte man als Romantisierung der Ausnahme beschreiben. Besonders populär sind Geschichten, die den Krieg als „Schicksal“ beschreiben, in dem alle Opfer sind. Filme, die versuchen, die deutschen Verbrechen direkt zu adressieren, sind einsame Ausnahmen. 

Sergei Loznitsa, der seit 2001 in Deutschland lebt, hat sich in seinen Dokumentar- („Blockade”, „Die Vorstellung”, „Maidan") und Spielfilmen („Im Nebel”) immer wieder mit Geschichte konfrontiert. Die Vergangenheit ist für ihn „keine Schatztruhe, aus der man sich bedienen kann”, sondern „Bedingung unserer Gegenwart”, die es zu verstehen gelte. Anhand einiger Ausschnitte möchte ich mit ihm über die Frage diskutieren, wie man Geschichte erzählen, zeigen, filmen kann, ohne in die Fallstricke melodramatischer Personalisierung zu geraten und warum es „ohne Distanz kein Verständnis” geben kann, wie Loznitsa immer wieder betont.”

Das Gespräch wird auf Deutsch und Russisch stattfinden. Dolmetscherin: Olga Radetzkaja. Mit Videobeispielen. Tickets kosten 8,- Euro bzw. 6,- Euro (ermäßigt).

03 März, 2015

Sieben Jahre






Sieben Jahre ist das schon wieder her: Bilder von der Arbeit an SÉANCE. Fotos von Jörg Koopmann (wer dem Link folgt, findet auch Bilder von Romuald Karmarkar, Dominik Graf, Angela Schanelec u.a.).

02 März, 2015

Maschine


„Das Kino ist eine Maschine aus Bildern”, sagt Hollis Frampton. Und Tönen. Wozu ist diese Maschine gut, fragst du mich. Ich glaube, sie kann uns fühlen lassen, wer wir sind. Das heisst: unsere (Un-) Menschlichkeit, in allen Konfigurationen. Sie zeigt uns, wozu wir fähig sind. Das ist es jedenfalls, was sie mit mir macht: ich erlebe, was mit mir geschehen könnte, ich verstehe, wie unentwickelt ich bin.

(Geschrieben für die 700. Ausgabe der Cahiers)

18 Februar, 2015

(Wieder-) Gesehen [6]

Die Erinnerung bildet Ketten: vier sehr verschiedene Filme, die das Thema des fremden Blicks variieren (und die ich alle im letzten Jahr gesehen habe).


DE OFRIVILLIGA (Ruben Östlund, Schweden 2008)

Ein Abfolge unverbundener Szenen, die zusammen ein erschreckend glaubwürdiges, komisches Muster gesellschaftlicher Abhängigkeit ergeben. Unser „normales” bürgerliches Leben erscheint als Schnittmenge sinnloser Regeln und archaischer Gruppenzwänge, die den Glauben an die individuelle Entscheidung zu einer ziemlich verzweifelten Sache machen. Östlunds Kamera verhält sich zur Handlung dabei wie ein Spion, er ist auf ein „neutrales” Bild aus, das sich wie von selbst ergibt.


UNDER THE SKIN (Jonathan Glazer, UK 2013)

Die „Menschwerdung” einer ausserirdischen Erscheinung ist hier ein Kniff, unseren Alltag (zum Teil mit versteckter Kamera gefilmt) „fremd” zu sehen. Zugleich aber will Glazer ein poet of strange sein, und wirklich gelingen ihm einige sehr unheimliche, rätselhafte Szenen. Ein überzeugendes Ganzes, eine schlüssige Metapher entsteht so nicht für mich, aber das habe ich dem Film nicht übel genommen.


ICH WAR NEUNZEHN (Konrad Wolf, DDR 1968)

Der fremde Blick auf das Eigene bestimmt auch diesen spät-neorealistischen Film. Konrad Wolf erzählt entlang ähnlicher, eigener Erfahrungen, wie ein junger Deutscher mit der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt. Jaeckie Schwarz gibt „Gregor Hecker” überzeugend brüchig als eine Art kulturelles Waisenkind, das nur zögernd begreift, was ihn dieses verheerte Land angeht. Wolfs Film hat eine Schärfe und Ehrlichkeit, die im Gegenwartsfilm der DEFA zuverlässig verboten wurde.


DIE LEGENDE DER PRINZESSIN KAGUYA (Isao Takahata, Japan 2013)

Und noch einmal: alien eyes. Wie kaum ein anderer Zeichentrickfilm der Ästhetik – und Logik – der Handzeichnung verpflichtet, interpretiert Takahata die alte Legende ganz im Sinne des Ghibli'schen Naturmystizismus', hält aber Abstand zum New-Age-Kitsch seines Kollegen Miyazaki. Die Geschichte vom Mondmädchen, das in der Endlichkeit den Sinn des Menschseins entdeckt, ist auf eine oft herzzerreissende Weise der Tradition verpflichtet; der Film betrauert nicht nur die unwiederbringliche Schönheit eines Augenblicks, sondern zugleich das Verschwinden seiner eigenen Form, der (überwiegend) handgezeichneten Animation – aber er wird nicht nostalgisch dabei. Atemberaubend: wie in einer Sequenz die Flucht in Gedanken und die Flüchtigkeit der Zeichnung zusammenfallen. (Wahrscheinlich der beste Film, den ich 2014 gesehen habe.)

Genie des Systems

Billy Wilder und Charles Brackett am Set von THE LOST WEEKEND (1945). 

Ich lese gerade die Tagebücher von Charles Brackett, bekannt vor allem als Tandem-Partner von Billy Wilder, mit dem er zum Beispiel „Ninotschka” (für Ernst Lubitsch) oder „Sunset Boulevard” (für Wilder) geschrieben hat, der aber natürlich auch vorher und nachher interessante Arbeiten vorzuweisen hat.

Die Tagebücher sind kurze, oft auch stark editierte Notizen, viele Namen tauchen auf, die heute Legende sind (von Dorothy Parker bis Marlene Dietrich, von David Selznick bis Irving Thalberg), Privates spielt keine Rolle (oder wurde vom Herausgeber entfernt), was die Lektüre manchmal etwas monoton geraten lässt.


William Holden und Nancy Olsen als Autorenteam in SUNSET BOULEVARD (1950).

Interessant finde ich vor allem die Arbeitsweise im Studiosystem, die hier sehr plastisch wird. Permanent werden Geschichten erzählt: an Studiobossen oder Schauspielern oder Kollegen testen Brackett und Wilder Storyideen, immer wieder auch lesen sie (noch unfertige) Drehbücher vor, diskutieren in Storykonferenzen, fragen Lubitsch um Rat („wie immer hatte er Recht”), auch während des Drehs wird umgeschrieben, man reagiert auf Krisen, Besetzungsfehler, Testscreenings mit neuem Dialog, neuen Szenen. Dieser Prozess scheint mir viel flüssiger und selbstverständlicher zu sein, als das heute der Fall ist. Das oft beschworene „Genie” des Systems damals bestand womöglich genau in dieser Unendlichkeit der Erzählbewegung, die sich von Film zu Film fortsetzen konnte.

18 Januar, 2015

Berliner Freiheit



Mein Film DIE LÜGEN DER SIEGER wird (nach Rom, Hof und Rotterdam) am 12.02.2015 um 20.30 h im Rahmen der Berliner Woche der Kritik zu sehen sein. Kuratiert von fünf deutschen Kritikern tritt diese Parallelveranstaltung zur Berlinale an, um „intellektuelle Reflexion mit sinnlicher Lust am Filmerlebnis [zu] verbinden”. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der (über den Rahmen üblicher Q&A-Veranstaltungen hinausgehenden) diskursiven Begleitung der Filme.

01 Januar, 2015

Fantasy Double Features of 2014


Zwei Filme zu kombinieren, einen Alten, einen Neuen: das ist die Regel bei dem jährlichen Mubi Fantasy Double Feature. Ich habe die Bezeichnung „neuer Film” ein bisschen gedehnt.

Schön: Unter den vielen Vorschlägen dieses Jahr taucht zweimal Christian Petzolds PHOENIX auf, bei Marie-Pierre Duhamel und James Lattimer.

03 Dezember, 2014

Über EXHIBITION


Heute ist der Kinostart von Joanna Hoggs schönem Film EXHIBITION im Berliner Kino FSK. Ich kann den Film sehr empfehlen. Das zuvor an dieser Stelle angekündigte Gespräch mit der Architektin Louisa Hutton muss leider ausfallen!