24 Februar, 2018

Geschichten vom Gegenwind

(1)
Die Fernsehredakteurin, die mir nach Lektüre des Drehbuchs ganz ernst und besorgt abrät, den Beruf weiterzuverfolgen, wegen „Mangels an filmischer Fantasie”.

(2)
Die Förderreferentin, die mich auf unserer improvisierten Premierenparty in Cannes zu sich winkt – ich muss mich tief zu ihr herabbeugen –, um mir zu sagen, dass mein Film „Scheiße” sei.

(3)
Der Verbandsfunktionär, der mir sagt, die Franzosen liebten meine Filme, weil sie bewiesen, was die Franzosen schon immer glaubten: „dass wir Deutsche keine Filme machen können.“

(4)
Der Branchenmensch, der mir Wasser ins Gesicht schüttet, nachdem er mich (zu meiner Begleitung) sagen hörte, die Deutschen würden Filmindustrie nur spielen.

(5)
Der Radiomoderator, der mich fragt, warum ich es „als Deutscher” den Leuten mit meinem Film so schwer machen wolle, gerade als die Welt anfange zu akzeptieren, dass wir auch „locker” sein können.

(6)
Die Journalistin, die mir vor dem Interview „der Ehrlichkeit halber” sagt, dass sie alle meine Filme gehasst habe, und nur wegen des Schauspielers hier sei.

(7)
Die Zuschauerin, die nach der Premiere meines ersten Filmes aufsteht und schreit: „Warum tun Sie uns das an?”

(8)
Der in der Branche gescheiterte Dozent, der zu uns versammelten Studenten sagt: „Glaubt bloss nicht, ihr schafft es.”

(9)
Der berühmte Produzent, der mir, nachdem er meinen Namen gehört hat, die schon gegebene Hand entreißt und sich eilig entfernt.

(10)
Der Festivalleiter, der nach einer kritischen Frage aus dem Publikum sagt, man müsse bedenken, dass das mein erster Film sei und der nächste vielleicht besser werde.

(11)
Ein Filmpreiskommittee, das uns anreisen lässt, um einen Preis entgegenzunehmen. An der Sitzordnung merken wir, dass die Entscheidung revidiert wurde.

(12)
Die Dolmetscherin, die mich mitten im Satz unterbricht, um zu sagen, dass sie meinen Film nicht gesehen habe, aber dass sie ihn auch nicht sehen wolle.

(Geschrieben 2016)

Kommentare:

  1. Der gelegentliche Blogleser, der sich denkt, ja, genauso fremd und seltsam ist die Welt.

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    1. Manche dieser Szenen würde ich selbst gerne in Zeitlupe sehen, um sie besser zu verstehen.

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  2. Man sollte einfach stoisch denken: Naja, könnte ich ja noch mal für einen Film verwenden, die Reaktion von dem/der. Danke für das Material.

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