15 Dezember, 2011

Überblendung (3)















Eine Szene aus THE WRONG MAN (Alfred Hitchcock, USA 1956).

Eine der eigentümlichsten Überblendungen der Filmgeschichte: Manny Balestrero (Henry Fonda), der beschuldigt wird, eine Serie von Raubüberfällen begangen zu haben - und dem es bisher nicht gelungen ist, seine Unschuld zu beweisen - wird von seiner Mutter, als letztem Mittel, zum Beten aufgefordert. Er geht ins Nebenzimmer, zieht sich für den Abend um - die Kamera fährt auf ein Jesus-Bild zu - und er beginnt widerstrebend zu beten. Dann sehen wir Fondas Gesicht, in das langsam der wahre Täter eingeblendet wird, der auf die Kamera zuläuft, bis er Fondas Gesicht ganz ausfüllt. Er begeht einen weiteren Raub, wird gefasst, und Balestreros Unschuld ist bewiesen.

Das Überlagern der zwei Gesichter löst bei mir ganz widersprüchliche Gefühle aus. Das Gebet wirkt nicht „fromm” auf mich, eher wie die unheimliche Beschwörung eines Doppelgängers, die Schuld auf sich zu nehmen - als ein letztes, archaisches Mittel, die eigene Haut zu retten. Fonda beschwört, so scheint es, das Böse (der wahre Täter begeht einen weiteren Überfall), um davon zu kommen.

P.S.:
Eben lese ich bei Rosenbaum: Jean-Luc Godard hätte die „längste Kritik seines Lebens“ diesem Film gewidmet, und die hier gezeigte Überblendung nehme in seinem Text eine Schlüsselrolle ein (ich kenne die Kritik leider nicht - vielleicht kann ein Leser helfen?).

Übrigens habe ich mich hier ausführlicher mit einer anderen Szene von THE WRONG MAN beschäftigt.

Kommentare:

  1. Ein Überblendungsfilm, an den ich mich gut erinnere, ist George Stevens' "A Place in the Sun". Ich hatte ihn auf der Berlinale vor ein paar Jahren zum ersten Mal gesehen und damals kurze Notizen zum Überblenden in dem Film geschrieben:
    http://newfilmkritik.de/archiv/2006-02/113993063834890241/
    Vielleicht interessant für deine schöne Reihe...

    Michael

    AntwortenLöschen
  2. Danke für den Hinweis! Werde ich mir gleich ansehen.

    c

    AntwortenLöschen
  3. "In seinem Zimmer, während er sich umzieht für den Storck Club, denkt er er über das nach, was sie gesagt hat: Gott um Kraft bitten. Großaufnahme von Fonda, wie er sich die Krawatte bindet. Großaufnahme eines Christusbildes. Wieder Großaufnahme von Fonda, der zu dem Bild schaut, dann Doppelbelichtung: hinter Fondas Gesicht die Einstellung von einer Strasse mit einem Mann im Regenmantel und weichem Filzhut, der auf die Kamera zukommt. bis auch er in Großaufnahme zu sehen ist. Seine Züge werden mit denen Fondas zusammenfallen, sein Kinn scheint sich in das Kinn von Fonda zu schieben, seine Nasenflügel in die von Fonda…aber nein, die Doppelbelichtung verschwindet. Und wir haben vor uns den wahren Schuldigen, auf den die Kamera schwenkt, gerade als er einen neuen Überfall versucht. Der Übergang ist hier nicht mehr das Gelenk, in dem die Erzählung sich artikuliert, sondern die Triebfeder des Dramas, deren Sujet sie umschreibt."

    Hallo Christoph, kannst Du nachlesen in Godard / Kritiker, Ausgewählte Kritiken und Aufsätze über Film (1950-1970). Reihe Hanser 83. Kannst Du antiquarisch bestellen - sehr sinnvoll…
    Ich hab jetzt nur die "passende" Stelle abgetippt. Ob es die längste Kritik ist, kann ich nicht sagen. Da ich den Text eben nochmals gelesen habe, würde ich auch nicht von Der Schlüssel-stelle sprechen. Da stehen noch einige andere Lobhuldigungen an den Film und Hitchcock im allgemeinen drin ("In seiner ganzen Laufbahn hat Hitchcock keine unnütze Einstellung gedreht"). Diese Überblendung taucht ja auch in den HISTOIRE(S) auf, sowie weitere Einstellungen aus THE WRONG MAN. Ein ganz großartiger Film!

    AntwortenLöschen
  4. Lieber Axel,

    vielen lieben Dank!

    Christoph

    AntwortenLöschen