16 Dezember, 2017

Es lebe die Freihei

Früher, manche erinnern sich noch, wurde überall geraucht: im Flugzeug, im Kino, sogar im Krankenhaus. Und während Alkoholismus weiter als Genuss verstanden wird, sind Zigaretten inzwischen auf dem Rückzug, „weil sie tödlich sind”. Ich sehe das als ewiger Nichtraucher ambivalent. Klar, saubere Luft ist mir lieber. Aber ich finde, es geht den Staat nichts an, was wir uns antun.

Die Anti-Tabak-Politik ist Ergebnis erfolgreicher Lobby-Arbeit, vor allem in den USA. Dabei ging es sehr früh übrigens auch darum, Zigaretten aus den Filmen zu drängen. Das schlagende Argument war, dass es zur Nachahmung reizt, wenn gut aussehende Schauspieler in Filmen so schön rauchen. Man hat ausgerechnet, dass (statistisch gesehen) im Kino doppelt so viel geraucht wurde als im Leben. Eine Unverhältnismässigkeit, für die die Tabakindustrie gerne bezahlt hat. 


Eine zensierte Zigarette im südkoreanischen Fernsehen.

Die erste Forderung war die nach einer Quote: es sollte im Kino nicht mehr als im Leben geraucht werden. Später forderte man, nur in Filmen für Erwachsene solle das Rauchen noch erlaubt sein. Die letzte Forderung ist noch nicht durchgesetzt, aber das Argument der Repräsentation hat reüssiert, obwohl es auf eine erschütternde Art blöde ist: Es läuft auf die Logik der Überwachung hinaus. Viele Quoten später hätte sich das Kino abgeschafft, weil es unser Leben „perfekt” repräsentiert. Das ist kein Witz: es gibt noch viele andere Repräsentationsmißstände, die nach einer Quote schreien. 

Zum Beispiel: Die Häufigkeit, mit der „fremd aussehende” Schauspieler Gewalttäter oder Elendsfiguren spielen müssen in deutschen Filmen, steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Anteil von Einwanderern an Kriminalität und Teilhabe. Der Anteil homosexueller Beziehungen ist deutlich unterrepräsentiert. Und wie kann es sein, dass wir gefühlte 1000 deutsche Spielfilme über die Nazizeit haben, aber keine Filme über die Täter? Brauchen wir eine Täterquote für Filme über die NS-Zeit?

Auch für die Teilhabe Kreativer aus sozial benachteiligten Schichten könnte man eine Quote gut rechtfertigen. Und wie wäre es mit einer Religionsquote? Eine Quote für Behinderte? Eine Quote für Legastheniker? Alles berechtigte Anliegen. 

Wer jetzt sagt, ja, aber Frauen sind doch wichtiger als ... eine filmende Unterschicht – hat nichts verstanden. Es ist verdammt schwer zu beweisen, dass der gesellschaftliche Nutzen eines sozialen Nachteilsausgleichs kleiner wäre als der einer gleichmässigen Repräsentation der Geschlechter. 

„Die Grenze verläuft nicht zwischen links und rechts, sonder zwischen oben und unten.” - hiess es früher. Quoten sind ideologische Werkzeuge, die sich neutral geben. Das passt zu unserer Zeit, in der auch dann noch von Strukturen die Rede ist, wenn man längst über Inhalte sprechen müsste. (Pro Quote Regie jubelte, als „Fifty Shades of Grey” Nummer 1 an der Kinokasse war. Denn der Film stammt von einer Frau.) 

Viel wichtiger als eine Quotierung ist es aus meiner Sicht, darüber zu streiten, welche Filme wir machen sollen – und welche nicht. Aber das wäre dann eine Debatte, bei der man nicht sauber bleiben kann.

Wie so viele glaube auch ich, dass der Anteil der Frauen im Regieberuf (zum Beispiel) etwas aussagt über den Stand der Dinge in Sachen Gleichberechtigung, dass ein ausgewogeneres Verhältnis der Geschlechter nicht nur dort wünschenswert wäre. Aber den Anteil fest zu regeln halte ich für problematisch. Schaut, wird man dann sagen, so gleichberechtigt sind wir. So sehr sich der Anteil als Indikator eignet, so wenig ist er identisch mit dem Problem. Nicht die unausgewogene Verteilung ist das Übel, sondern das Übel (patriachaler Denktradition z.B.) führt zu einer unausgewogenen Verteilung. Ich bezweifle, dass sich das falsche Bewusstsein induktiv aufheben lässt. 

Noch etwas sollte uns zu denken geben: die schlechten Erfahrungen, die in Deutschland bereits mit Quote gemacht wurden, in zahllosen Gremien. In den Rundfunkräten zum Beispiel, die stets nach Proporz besetzt wurden: soundsoviele Kirchen- und Gewerkschaftsvertreter, soundsoviele Sitze für diese oder jene Partei. Diese Art der Repräsentationsdenke führt jedenfalls zuverlässig dazu, dass nicht die besten Köpfe bestimmte Funktionen innehaben, sondern allenfalls die besten Köpfe innerhalb einer proportional berechtigten Gruppe. Was regelmässig zu wenig ist.

Ich fürchte also, und ich weiss, das ist nicht fair, wir müssen darauf hoffen, dass die (relativ) wenigen Frauen in den nächsten 30 Jahren bessere Filme machen als die vielen Männer – aufregender, genauer, riskanter  – um das Feld für ihre normal begabten Schwestern zu bereiten. Und wenn man sich den deutschen Gegenwartsfilm ansieht, ist das womöglich schon der Fall: die Filme von Angela Schanelec, Valeska Grisebach und Maren Ade zum Beispiel gehören zum besten, was der deutsche Film zu bieten hat. Übrigens sind alle drei (so wie der überwältigende Rest deutscher Filmemacher) aus dem Westen, weiss, hetero und obere Mittelklasse. Aber daran denke ich so wenig wie an ihr Frau-sein, wenn ich ihre Filme sehe. Und ich hoffe, Sie auch nicht.

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