06 Juni, 2011

Frieda Grafe:

„Die 'realistischen' Kriegsfilme huldigen dem Krieg, indem sie vorgeben, objektiv ihn abzubilden. Sie tun, als sei die Einstellung einer explodierenden Granate vergleichbar einer explodierenden Granate. Weniger, daß sie die explodierende Granate zeigen, ist ihnen zum Vorwurf zu machen, als vielmehr, daß sie nicht zeigen, daß sie nur zeigen, wie die Granate explodiert. Je kompletter der Eindruck von Wirklichkeitstreue, desto kompletter die Irreführung. Die Filmbilder vom Kriege wachsen zusammen zu einem raumzeitlichen Kontinuum, als welches der Krieg in der Realität genau nicht erfahrbar ist. Die vielgerühmten 'realistischen' Antikriegsfilme sind wirksam nur in Einzelheiten. Schlecht sind sie in dem Maße, in dem aus Einzelheiten ein künstlerisch geformtes, ästhetisch zu erlebendes Ganzes wird, das für die Wirklichkeit sich ausgibt. Die Perspektive der vorgeblich realistischen Kriegsfilme ist der von Wehrmachtsberichten verwandt, in denen Kriegsschauplätze kontinentalen Ausmaßes souverän überquert werden und von zügigen Bewegungen die Rede ist. Der Zuschauer, der das abgebildete Kriegsgeschehen ohne Gefahr für die eigene Person betrachtet, wird zum Voyeur des Massakers. Eher würde ihn das Reißen des Filmstreifens aufstören als das Krepieren eines Mannes auf der Leinwand.”

Aus der Kritik „Godards Film vom Krieg. Les Carabiniers.” erschienen in der Filmkritik, 1965.

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