| Maya Sansa in Marco Bellocchios BUONGIORNO, NOTTE (Italien 2003). |
Im Gespräch über die Grenzen dessen, was Spielfilme zeigen oder anschaulich machen können, hat sich im Gespräch mit einer Freundin die These herausgeschält, die politischen Pole würden sich am Abgrund menschlichen Verhaltens magnetisieren.
Die Linke will daran glauben, dass sich Menschen erziehen lassen und wendet sich der Katastrophe unserer Geschichte auf eine weitgehend rationale Art zu – und verfehlt so womöglich den Kern des Problems. Denn menschliche Grausamkeit geht nicht auf in einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Der NS war zum Beispiel keine „Konsequenz” eines entfesselten Kapitalismus’ (wie man oft liest), mit materialistischen Kategorien ist den Widersprüchen der Geschichte nicht beizukommen.
Die Rechte dagegen wähnt sich „realistisch“, weil sie den Menschen nicht bessern möchte - Idealisten sind für sie immer Heuchler - und begründet so gleichzeitig die Notwendigkeit „strenger Zucht“. Die organisierte Gewalt wird als Ordnung verklärt, in der ein Wir zum Glühen kommt, gegen einen Feind, der letztlich beliebig ist.
Das „pädagogische” Insistieren auf die Fehler (die Schande) unserer Geschichte findet die Rechte obszön, sie leugnet, verharmlost, deutet die Geschichte lieber um, um die Selbsterzählung so angenehm wie möglich zu machen. Wenn sich die Rechte zwischen Wahrheit und Macht entscheiden muss, wählt sie immer die Macht, während es zumindest der Anspruch der Linken ist, die Wahrheit zu wählen.
Aus dem defensiven „Es war nicht alles schlecht” der extremen Rechten ist ein „stolz auf 1000 Jahre erfolgreiche Geschichte” geworden, den auch der „Fliegenschiss” des NS nicht verderben könne (Alexander Gauland). Aber inzwischen reicht auch das nicht mehr, man will sich auch und gerade auf diesen Teil der deutschen Geschichte positiv beziehen. Das katastrophale, totale Scheitern des NS-Experiments hat Rechtsaußen beinahe 70 Jahre wirksam delegitimiert. Nun, da die letzten Zeugen sterben und sich die Maßstäbe global verschieben, haben „alternative“ Erzählungen eine neue Chance.
Die Linke scheint mir überfordert angesichts dieser geschichtspolitischen Wende von rechts. Sie hofft noch immer auf den Schiedsrichter und kämpft überhaupt mit untauglichen, alten Werkzeugen. Der Universalismus der Menschenrechte muss verteidigt werden – wenn es sein muss, natürlich auch gegen Identitätspolitik und postkoloniale Theorie – aber über das Wie muss neu nachgedacht werden.
Welche Rolle könnte das Kino in diesem Zusammenhang spielen? Es könnte sich skeptisch zeigen, dass Menschen sich ändern lassen, ohne die Hoffnung ganz aufzugeben. Es könnte aufhören, in der physical action die Essenz zu suchen und anfangen, sich für die Verständigung zu interessieren – und dürfte gerade darin nicht kompromisslerisch sein. Es könnte die Pädagogik hinter sich lassen und sich bereit machen für eine Auseinandersetzung, die auch die Filmemacher selbst einbezieht. Es könnte öfter „Vielleicht” sagen.
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