14 Mai, 2014

Gottes einsamste Männer

Meine Filme, so sagte mir kürzlich jemand, erzählten immer von Einsamen. Ich wollte widersprechen, aber ich konnte nicht. Das Kino scheint überhaupt eine Vorliebe für die Unverbundenen zu haben, fällt mir jetzt zu meiner Verteidigung ein. Oder jedenfalls finden sich unter den Filmen, die mir viel bedeuten, viele Einzelgänger. Aber warum ist das so? Man sollte meinen, man ginge ins Kino, um vom Gegenteil überzeugt zu werden: dass man nicht alleine ist. Geht es um eine Spiegelung des Zuschauers im Kinosaal, allein in der Menge? Allein mit seinen Gefühlen? Man bezieht einen Film ja ganz auf sich, träumt sich gerne in eine Welt, in der die Einsamkeit frei gewählt ist oder doch zumindest dunkel-heroisch glänzt. Ich vermute, die Einsamen im Kino werden begünstigt von der Eifersucht des Zuschauers. Je genauer wir wissen, woher jemand kommt, desto genauer wissen wir auch, dass wir nicht mit ihm identisch sind. Beziehungen werden schnell spezifisch und stören die Identifikation, während die Einsamkeit allgemein bleibt und der Einsame vom Zuschauer besser vereinnahmt werden kann. Oder?



Eine kleine Galerie einsamer Männer. Die Reihe liesse sich beliebig fortsetzen. Das Thema scheint eng verbunden auch mit einer Tradition männlicher Selbstbeschreibung. Wirkt fast ein bisschen wehleidig in der Reihung, nein? (Und ja, es sind alles Filme von Männern.)

Siehe auch: Männer filmen Frauen und Billige Gesellschaft.

Kommentare:

  1. Der Gedankengang erinnert mich an Poes "Man in the crowd" und seinen Erzähler, der einen ihm fremden Mann durch die Stadt verfolgt, scheinbar getrieben von reiner Neugier - und der ihm nur Rätsel aufgibt, weil sich die Projektionen (des Erzählers) nicht manifestieren. Der Einzelgänger als Leerstelle. Man denke auch an Camus oder die Filme Bressons, die für die großen "Loner" New Hollywoods Pate gestanden haben.

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  2. Ja, stimmt. Das ist der gleiche Gedanke. Bressons Einsamkeit habe ich hier ausgespart, vielleicht weil sie (wie mein Posttitel das ja nur behauptet) einen religiösen Zug haben. So metaphysisch oder „transzendental” (Schrader über Bresson) ist die Einsamkeit eines Travis Bickle dann eben doch nicht.

    c

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  3. Ein Gegenbeispiel wäre eventuell John McNaughtons "Henry - Portrait of a serial killer", wo sich die Vereinnahmung durch den Zuschauer nicht einstellt, weil die Einsamkeit keine romantische Verklärung erhält und bis an ihr nüchternes, nahezu banales Ende durchgedacht ist. Aber geht es im Kino um äußerste Konsequenz? Vielleicht kann das Kino diese Art von Wahrheit nicht bieten. (Sie überfordert tendenziell, wie bei diesem Film.) Eher eine überhöhte Wahrheit oder eine stilisierte Lüge, die uns an die Wahrheit herantasten lässt.

    Die Spiegelung des Zuschauers, allein im Kino-Raum, das ist ein frappierendes Nebenprodukt - der Verweis auf deinen kleinen Text zur "Billigen Gesellschaft" ist passend angefügt. Aber das Motiv der Einsamen rührt auch von formalen Fragestellungen her - die Organisation der Gefühle als "Resultat von verworrenen Einbildungen, die für eine bestimmte Zeit eben so organisiert werden, dass man Vergnügen schafft, einen Eindruck von Schönheit, auch wenn die Dinge selbst nicht so schön sind" (Claude Sautet). (Kluge hat einen sehr schönen Film darüber gemacht: "Die Macht der Gefühle"). Das Kino tut sich ja schwer mit inneren Konflikten - die Einsamkeit des Protagonisten, sei es als mythischer Zustand (wie bei Melville) oder in Folge seines Tuns ("Parallax View") oder einer Obsession (Travis Bickle, Harry Caul), bleibt da ein verführerisches Grundmotiv. Der transitorische Zustand, die verwundbare Situation, Momente der Destabilisation, in denen sich die Figur offenbart und zum "Mensch" wird.

    Zu den Einsamen in deinen Filmen: Da kann ich irgendwie auch nicht widersprechen (ich habe "Milchwald" aber nicht gesehen). Am interessantesten bereichert durch die Perspektive der Frau in "Unter dir die Stadt". Ich frage mich ohnehin, wo gibt es "Die Einsame" im Kino? Zu selten, wie ich finde.

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  4. Danke für deinen schönen Kommentar. Ich finde du hast unbedingt recht, das Kino muss die Wahrheit in der Lüge suchen, in der Übertreibung, im falschen Mythos, auch im Kitsch. Es funktioniert allegorisch. Ich habe als Kind die ausgehöhlten Allegorien des 19. Jahrhunderts geliebt, eine nackte Frau (in der man das Weddinger Proletariermädchen erkennt, das Modell stehen musste), die „die Industrie” oder „die Dichtkunst” darstellt --- das produziert interessante Widersprüche. Das Sautet-Zitat ist gut.

    Einsame Frauen ... sind im Kino jedenfalls oft in die Nähe der Störung gerückt (während einsame Männer „normal” scheinen). Also etwa in Antonionis IL DESERTO ROSSO, in Barbara Lodens WANDA, in Lucrecia Martels LA MUJER SIN CABEZA. Ich finde Campions PORTRAIT OF A LADY in dieser Hinsicht interessant. Ein unterschätzter Film.

    C

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