07 Juli, 2013

unpolitisch

Bekanntermassen war Goebbels der Meinung, die UFA sei der Propaganda dienlicher, wenn sie „unpolitisch” bliebe. Und wirklich finden sich 1933-45, abseits der „staatspolitisch wertvollen” Gesinnungsfilme, kaum tagesaktuelle Bezüge*, kein „Judenproblem”, keine Führer-Rede, ja noch nicht mal NS-Klassizismus und „deutsche Kunst”, von Terror und Vernichtung ganz zu schweigen. Gegenwart findet allenfalls implizit statt, in Form eines besonders „frischen” Lehrers zum Beispiel („Die Feuerzangenbowle”) oder invers, weil die Idylle unwillkürlich vom Untergang spricht („Unter den Brücken”). Die meisten Geschichten aber drehen sich „zeitlos” um „ewige” Probleme: die Liebe, die Sehnsucht, die Verwechslung: „Intimkitsch der heilbaren Irrungen” (Ivan Nagel).

Das ist im deutschen Kino heute kaum anders. Zwar wird Gegenwart schon aus Budgetgründen gerne behauptet, aber die Antworten fallen zuverlässig „privat” aus, während die politische Sphäre, die Welt der Arbeit, überhaupt: Gesellschaft und Öffentlichkeit, weitgehend ausgeblendet bleiben. Ich erinnere mich an keinen einzigen Spielfilm, in dem der Name der Kanzlerin fiele. Und während ich noch im durchschnittlichsten amerikanischen Film etwas über Prozesse lerne, scheut der deutsche Spielfilm die Recherche wie der Teufel das Weihwasser, von den Uniformknöpfen in Nazifilmen einmal abgesehen.

Nun gibt es gute Gründe gegen einen „politischen” Film, der Wirkungsabsichten und „sagen wollen” mit Erzählen verwechselt. Ulrich Köhler hat sich 2007 zu recht gegen eine politisch funktionalisierte Ästhetik gewandt. Aber in einem einfacheren Sinne politische Filme vermisse ich durchaus. Filme, die die Sphäre des Politischen beschreiben etwa. Die unsere Institutionen von innen zeigen. Gerichtsfilme zum Beispiel, aber auch Filme, die neben einem Prozess spielen. In welcher Realität lebt ein Richter? Ein Verbindungsoffizier der Bundeswehr? Ein Ministerialbeamter? Ein Abgeordneter im Landtag? Ich spreche hier nicht vom Dokumentarfilm. Und nichts liegt mir ferner als den Lehr-Spielfilm zu fordern. Aber ich will Figuren sehen, die in unserer Welt leben, in unserem Land, mit spezifischen Erfahrungen.

Ich sehne mich nach einem Kino, das als Seismograf der Gegenwart taugt. Das über mehr oder weniger flotte Dreier hinausgeht. Das unseren Wirklichkeitsbegriff verschärft. Auf den Plätzen europäischer Hauptstädte, in den politischen Eliten, auch in den Schlagzeilen der Zeitungen spitzen sich die Konflikte zu. Wie lange dauert die Euro-Krise nun schon? Fünf Jahre? Geht uns das nichts an? Im deutschen Kino jedenfalls spürt man davon nichts.

In Kürze drehe ich einen neuen Film, einen Polit-Thriller, nach einem Drehbuch, das ich mit Ulrich Peltzer geschrieben habe. Nicht, weil ich hoffte, „die Welt” zu verändern. Aber durchaus, um den Blick zu schärfen für Zusammenhänge, die zwar offenkundig sind, aus denen aber selten die Summe gezogen wird. Es ist der Versuch, die älteste aller politischen Fragen –„Wem nützt es?” – im hauptstädtischen Medienmilieu zum Klingen zu bringen. Erzählt wird die Geschichte einer Täuschung, ein Journalist gerät ins Machtfeld einer Lobby, wird zum Stein im Schuh eines großen Spielers...

Die Herausforderung besteht unter anderem darin, gegenwärtig, aber nicht aktualistisch zu sein. Das System zu beschreiben, ohne deshalb den Eigensinn der Figuren zu vernachlässigen. Recherche sinnlich zu machen, ohne journalistisch zu werden. Und auch darin, erzählerische Bedürfnisse des Zuschauers und formalistische Interessen meinerseits in einen produktiven Zusammenhang zu bringen. Ich bin gespannt.

*) Nachtrag:
Eben lese ich (in einem Artikel von Lars-Olav Beier im aktuellen Spiegel 3. März 2014) dass Filme aus der NS-Zeit in der Regel erst nach einer Bereinigung freigegeben wurden, d.h. Embleme des Regimes, Uniformen und dergleichen wurden herausgeschnitten. War das nicht möglich, landeten die Titel für gewöhnlich im Giftschrank („Unter Vorbehalt”). Diese Säuberungspraxis hatte ich nicht bedacht.

Kommentare:

  1. Wenn aber auf einem deutschen Filmfestival, der Beziehungsfilm "Alle Anderen" statt der Politthriller "Sturm" der große Gewinner ist, kann es durchaus passieren, dass Redakteure und Förderer meinen: "Selbst auf Festivals ist ein deutscher politischer Film nicht gefragt." Vielleicht werden ab und zu auch die falschen Zeichen gesetzt.

    viele Grüße
    FM

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  2. 1. Es gibt nur gute Filme und schlechte.

    2. Auf „Zeichen” oder Ermunterungen können wir nicht warten.

    3. Die Frage nach unserer Gegenwart muss auf den verschiedensten Ebenen beantwortet werden. Aus der Forderung nach einer politischen Perspektive sollte man keine Hierarchie ableiten.

    4. Es gibt nur gute Filme und schlechte.


    P.S.: Auch wenn ich verstehen kann, warum Hans Christian Schmid und Bernd Lange STURM machen wollten - der Film hat für mich die Hoffnungen nicht eingelöst.

    c

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  3. Die große Frage ist doch, wo wir gerade beim "einlösen" sind:

    Wird Christoph in seinem neuen Film den Namen der Kanzlerin fallen lassen?

    Wie Antoine Doinel sollte man sich mal vor einen Spiegel stellen und wiederholt sagen: Angela Merkel, Bundeskanzlerin von Deutschland - Angela Merkel, Bundeskanzlerin von Deutschland…

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  4. Gehen wir hier eigentlich davon aus, dass nur ein Film über "das Politische" ein "politischer Film" sein kann?

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  5. @halbnah:

    Natürlich nicht. Aber ein Kino, das vom Politischen ganz absieht erscheint mir auf die Dauer als nicht ausreichend. Die Fassade eines politischen Themas andererseits ohne das „Tragwerk” einer politischen Perspektive (und damit einer „Politik der Form”) ist aber ebenso vergeblich. Grüße, C

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  6. Das sehe ich ähnlich, meine aber leider oft eine entsprechende Gleichsetzung zu beobachten, deswegen meine Nachfrage hier - gar nicht mal an dich - mehr so in den Raum. Wie du weißt, freue ich mich über politische Stellungnahme egal in welcher Form und mit welchem Inhalt - unabhängig davon, dass ich mich immer über neue Filme von guten Filmemachern freue, bin ich in sofern also besonders gespannt und wünsche gutes Gelingen!

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  7. Fällt bei Dir der Name der Kanzlerin?

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  8. Er steht im Drehbuch ... aber ob er am Ende im Film landet, muss man sehen. c

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  9. Na, nach deinem Post hier musst Du ihn ja nennen! Sonst ist das doch nur "Schwall im All"….
    Das nicht-nennen der Kanzlerin finde ich in dem Beitrag auch die scharfsinnigste Beobachtung. Die Frage ist doch, und hier wird es erst interessant, wieso Du den Namen eventuell/ggf. nicht nennen würdest?!

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  10. Film als „fotorealistisches” Medium steht ja automatisch in Konkurrenz zur Wirklichkeit, gleichzeitig gehorcht das filmische Erzählen eben ganz anderen Gesetzen. Rückt man zu nahe an das, was wir im Maßstab unseres eigenen Lebens kennen, gerät man in Gefahr, lächerlich zu wirken. Der Abstraktionsgrad muss stimmen. Es geht um eine metaphorische, nicht um eine buchstäbliche Wahrheit usw. Aber der Name der Kanzlerin ist nur ein Symbol, entscheidender ist das Interesse für die Gegenwart. ch

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  11. Aus eigener Erfahrung und Arbeit (nicht Film) kann ich das, was Du mit Abstraktionsgrad/Metaebene/Symbol meinst, naturgemäß nachvollziehen. Im Bereich Kommunikationsdesign wäre das etwas, was man in den ersten zwei Semestern erkannt haben sollte. Man will sich bewusst nicht festlegen, den Rezeptionsraum für möglichst viele offen halten. Das Ganze birgt aber auch die Gefahr, sich im politisch Diffusen zu verschanzen.
    Ich komm jetzt natürlich nur darauf, weil Du sagst, Du sehnst dich nach einem Seismograf der Gegenwart. Ein Seismograf ist aber ein technisch relativ präzises Instrument. Auch wenn der Ausschlag nicht das Erdbeben 1:1 abbildet, ist er inhaltlich sowie formal eine präzises Bild, oder Umsetzung, des Ereignisses (nicht meta/symbol/abstrakt, sondern eher das Autogram der Kanzlerin: Angela Merkel).

    Ich finde mit dem Argument Abstarktion/Symbol/Metaebene machst Du es Dir zu einfach und kommst am Ende wieder am Anfang deines Posts raus (Gegenwart ≠ deutsches Kino, wird nur behauptet).

    Ich bleib mal bei der spannenden Frage, wieso man/Du den Namen der Kanzlerin nicht nennen kann?

    Es kann doch nicht sein, dass das Kino so was nicht kann bzw. das der Film sich dann automatisch lächerlich machen würde? Zumindest theoretisch sollte man hierfür einen Lösungsvorschlag bieten können, oder?

    Ich schau jetzt L'Argent / Bresson - natürlich ein sehr präziser Film und hoch politisch. Aber kein Seismograph, will er sicherlich auch nicht sein, Gott sei Dank ;)!
    Axel

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  12. @Axel:

    Natürlich kann man in einem Spielfilm über reale Personen und Ereignisse reflektieren. Das will ich ja gerade versuchen. Aber zugleich führt jede Erzählung in den Mythos, und dessen muss man sich bewusst sein. usw. Alles weitere nach dem Film...

    c

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  13. Okay, schaun' wir "dann" mal wie weit Du in dieser Hinsicht gekommen bist - bin gespannt und wünsche gutes Gelingen!
    Axel

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  14. Das ist übrigens kein reines Film/Kino-Problem. In der deutschen Literatur lässt sich ähnliches beobachten. Es ist wie verhext mit den Deutschen...

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  15. DIE LÜGEN DER SIEGER ab 18. Juni 2015 im Kino!

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