09 Januar, 2011

Menschenkenner


Sensationell: Holly Hunter und William Hurt in BROADCAST NEWS (USA 1987).

James L. Brooks (* 1940) sitzt, trotz seiner enormen Erfolge als Produzent (THE SIMPSONS) und Regisseur (TERMS OF ENDEARMENT - eine unglaubliche Mischung aus Weepie und Komödie), zwischen allen Stühlen. Anders als die berühmten Kollegen seiner Generation (Coppola *1939, Scorsese *1942, De Palma *1940) hat er im Fernsehen angefangen, seine Regiekarriere begann spät und verlief unregelmässig - kommerziell, künstlerisch und arbeitsrhythmisch gesprochen. Im Gegensatz zu den Paten New Hollywoods war sein Kino auch nie meta-cinephil oder modernistisch: seine Filme wirken formal eher bieder und versöhnlich.

Aber was für ein großer Menschenkenner ist er! Ich habe mir vor ein paar Tagen BROADCAST NEWS angesehen, ohne große Hoffnungen eigentlich, und bin wirklich sprachlos über seine Meisterschaft, komplexe Charaktere lebendig werden zu lassen. Letztlich gibt es eben doch kein größeres Vergnügen, als jemanden zu erkennen, zu erleben, wie ein Mensch tickt. Wie schmal erscheinen plötzlich die Figuren bei Scorsese zum Beispiel, wie unterentwickelt erzählerisch (gerade angesichts der visuellen Aufwändigkeit im Übrigen). Ich will die beiden gar nicht gegeneinander ausspielen, aber interessant ist es doch, dass Scorsese (der seit mehr als 15 Jahren keinen interessanten Film mehr gemacht hat) heute als Gigant der Filmgeschichte gefeiert wird, während Brooks irgendwo unter populär abgeheftet wird. Ist es so, dass der formale Furor mehr Prestige geniesst als das gewitzte Erzählen einer Figur? Wie auch immer: ansehen.

P.S.: Bei dailyscript.com gibt es das Drehbuch.

Kommentare:

  1. Ah, das freut mich. Bin auch ein großer Brooks-Fan. Da wird man immer sehr komisch angekuckt, wenn man das behauptet. Außer, man sagt dann schnell "Simpsons"-Miterfinder dazu.

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  2. Ja, ich staune auch immer wieder über Brooks Status in der Öffentlichkeit.
    Hat der Mann einen schlechten oder mittelmässigen Film gemacht? Ich wüsste keinen.
    "Broadcast News" steht bei mir im to do-Regal. Dank Deiner Anregung wird er wohl demnächst an die Reihe kommen (die Criterion Collection hat es immerhin für würdig befunden, "Broadcast News" in ihren Kanon aufzunehmen; der Film erscheint dort demnächst).

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  3. Na ja, "Spanglish" war nun nicht gerade toll, "I'll do anything" auch nur bedingt. Und sein neuer Film "How do you know" ist zumindest in Amerika in jeglicher Hinsicht durchgefallen. (Was natürlich nicht zwangsläufig etwas heißt.) Unabhängig davon ist Brooks natürlich interessant, nicht zuletzt die Frage, wie man im Fall von "How do you know" für ein 116 Minuten Drama, ohne Action, CGI und 3D 120 Millionen Dollar ausgeben kann...

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  4. Ich stimme einerseits zu, möchte aber andererseits anmerken, dass man Scorseses Dokumentarfilme der letzten Jahre nicht ausblenden sollte: "No Direction Home" und "Feel like going Home" sind hervorragend, speziell in der Montage und darin, was sie uns Nachgeborenen (über Musik und die Zeit, aus der sie entspringt, sowie die vielschichtigen Kontexte) zu vermitteln vermögen.
    Aber danke dir, dass du nicht, wie die meisten, geschrieben hast, Scorsese hätte seit 20 oder 25 Jahren keinen interessanten Film mehr gemacht. Hört man ja oft - und finde ich ungerecht...

    PS: Freue mich schon auf das Gespräch mit dir und Ulrich Peltzer.

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  5. So ein Statement „hat seit 15 Jahren ...” ist natürlich immer zweifelhaft, klar. Und was die Dokumentarfilme betrifft: ich finde sie zwar ehrenwert und informativ, formal aber nicht wirklich interessant, auch wenn es sich verbietet, über Filme summarisch zu reden. Was ich nur meine: die Konjunkturen öffentlicher Wahrnehmung sind nur lose verbunden mit der Qualität der Arbeit. Und wer Höhepunkt öffentlicher Anerkennung erreicht hat, ist über seinen künstlerischen Zenit womöglich schon hinaus. Das scheint mir bei Scorsese der Fall zu sein, auch wenn ich immer wieder auf ein „Comeback” hoffe...

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  6. Lesenswert:

    http://www.criterion.com/current/posts/1725-broadcast-news-lines-and-deadlines

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