12 August, 2006

Gemeinplatz

Die realistisch erzählte, hässliche deutsche Provinz ist zu einem Gemeinplatz des Nachwuchsfilms geworden. Die Genauigkeit im Umgang mit deutscher Lebenswelt gehört ja zu unseren ältesten Forderungen bei Revolver, trotzdem kann ich mich darüber natürlich nicht freuen. Zum Einen, weil man sich schmerzhaft der eigenen Abhängigkeit vom Zeitgeist bewusst wird, zum Anderen, weil nur der oberflächlichste, wörtlichste Teil dieses Anspruchs reüssiert hat. Begabte Kopisten vollziehen nach, was in der Fotografie - und in der Werbung - schon lange erprobt ist: Die Einverleibung des 'Hässlichen' in den Mainstream. Ich sehe die redlichen Versuche und sehne mich nach den „klassischen” Kinoträumen von Schönheit und Ferne. Letztlich muss es jenseits jeder formalen Eingrenzung immer um „Kinowahrheit” gehen, deren realistischer Kern im Bezug zum lebendigen Leben besteht. In diesem Sinne ist das Marionettentheater besonders realistisch: es setzt den aktiven Zuschauer voraus.

Das Kino entlang dieser Linie erneuern: lebendig in der Anschauung, dialektisch in seiner Wirkung.

Kommentare:

  1. Sehr Schön: „Die Einverleibung des Hässlichen”


    Dazu: Ich fühlte mich beim Start von „Verliebt in Berlin” ganz unerwartet an die Hauptfigur aus meinem bescheidenen Film „Identity Kills” erinnert.

    War sehr überrascht, dass der Sender, der eigentlich nur Silikon-Dekoltées und die ganz harten Jungs als Image-Non-Plus-Ultra wollte, plötzlich ein hässliches Entlein ohne jeden Sexappeal für sich entdeckte und!!! angeblich Bombenquoten erzielte. (Du erinnerst Dich in diesem Zusammenhang an meine Forderung PRADA statt PRATER.) Das Hässliche darf kein Kriterium für Realismus sein!

    „Der freie Wille” von Glasner muss unbedingt mal mit Glasner-Filmen wie „Fandango” oder „Sexy Sadie” aus den 90er Jahren verglichen werden und Glasner soll sagen, warum er sein Paradigma so grundsätzlich verändert hat. Bin gespannt, ob er was zu „unseren” Filmen sagen oder versuchen würde, sich selbst als Trendsetter zu hypen.

    Man kann das natürlich Reifung nennen, man es Inspiration oder Zeitgeist nennen. Richtig ist, dass nicht die Filmemacher aufgewertet werden, die auf die unendlich großen Versäumnisse in der Beschreibung und Bewältigung von Realität in TV, Politik und Film hinweisen, sondern lediglich von den Amtsinhabern der Filmlobby „kopiert” werden.

    Ich bin mir nicht sicher, ob man als Marionettenspieler weitermachen muss, um Realist zu sein. Ich denke das Gegenteil muss die Konsequenz sein. In der Analyse schärfer und ätzender zu werden muss das Ziel sein.

    Ich finde Deinen Film „Bekenner” in der Aussage absolut zeitlos und relevant, weil er eine interessante Ursache- und Wirkungsbeziehung beschreibt. Ich finde „Der freie Wille” in der Aussage uninteressant, doof, provinziell.

    Beide Filme bekommen den Stempel „realistisch”. Aber bedeutet Realismus nicht viel mehr, als nur ein System aus Zeichen zu sein? Realismus muss ein Durchlöchern der Netze, der bequemen, naiven, verlogenen Denk-, Fühl- und Verhaltensstrukturen bedeuten. Dieses Erkennen und Aufzeigen von Ursachen ist das relevante Kriterium. ...der Kampf gegen die Muster, indem man sie enttarnt. Die Zusammenführung von Symptom und Begründung ist mehr als bloss eine Filmabteilung. Es ist ein Zurückgeben von Schlüsseln für vergessene Türen und Notausgänge an Eingeschlossene (Eingeborene).

    Sehr lustig war letztens ein englischer Reporter im TV, der den Begriff „die Eingeborenen” verwandte, als er Engländer englischer Herkunft gegen Engländer arabischer oder afrikanischer Herkunft abgrenzen wollte.

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  2. Matthias Glasner in der neuen EPD Film: Ich bin da leider absolut „homeless“. Ich wäre gerne irgendwo mit dabei, aber irgendwie bin ich zwischen allen Stühlen. Für die Berliner Schule bin ich nicht intellektuell und formalistisch radikal genug, nicht eskapistisch genug für die Münchner Szene. Dabei wäre ich gerne Teil einer Bewegung.

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  3. Lieber Christoph,

    nach der Sichtung, die für mich total wichtig war und auch viel gebracht hat, hat mich der Absatz „Gemeinplatz“ irgendwie persönlich getroffen. Es war ein wenig, als ob ich eine Party gegeben hätte, auf der du auch warst und du am nächsten Tag hättest du einen artikel veröffentlicht über die Dekadenz solcher Parties … weiß ja nicht, wann’s geschrieben war,
    fand jedoch das Timing etwas unsensibel. Schwer, sich nicht gemeint zu fühlen.

    Obwohl du natürlich nicht nur mich ansprichst, sondern viele aus unserem gemeinsamen Bekanntenkreis, dich selbst eingeschlossen, denn wo, wenn nicht in der deutschen Provinz spielt „Falscher Bekenner“? Insofern fasse ich deine Gedanken vor allem als grundsätzliches Nachdenken auf.

    Wo auch immer ein Film spielen mag, so offenbart er für mich – und zwar im besten Fall – etwas über seinen Autor – der tatsächlich ein Vertreter seiner Zeit ist und damit zu einem großen Teil auch nicht frei stehen kann in seiner geistigen Haltung. C.G. Jung schrieb mal, der Mensch sei extrem viel weniger der Herr seines Lebens als sehr vielmehr ein Kind seiner Zeit …

    Dazu kommt die persönliche Geschichte, die nicht auf der hand liegt und doch mitformt.

    Das ist zum Beispiel etwas, das ich an deinem (letzten) Film besonders schätze, das er eine sehr eigene Welt behauptet, die offensichtlich viel mit dir zu tun hat.

    Und es ist mir auch bei der Sichtung am Dienstag wieder schmerzlich klar geworden, wie sehr schon an dem noch nicht einmal fertigen Konstrukt (neben dem Zeitgeist) meine Sicht auf die Welt, eine Seite von mir deutlich hervor tritt. Es ist nicht besonders angenehm, das selbst zu sehen, aber eigentlich ist es das, was ich an den Sachen anderer oft
    spannend finde. Nicht, dass einer sich privat ergießt, sondern dass er eindeutig als „Autor“ erkennbar bleibt. Allgemeines „Kino machen“ interessiert mich eigentlich nicht.

    Da merke ich im Schreiben gerade, dass ich nicht genau weiß, worin für dich der „Allgemeinplatz“ wirklich besteht.

    Was ist denn „Kinowahrheit“? letztlich doch wiederum nur die persönliche Wahrheit eines einzelnen, die, wenn sie in ihrer Form kommunikationsfähig ist (woran wir alle ja verzweifelt arbeiten), vielleicht Erfahrungen, Wünsche und Sehnsüchte anderer spiegelt oder
    zumindest auf die Neugier anderer auf diese Erfahrungen, Wünsche und Sehnsüchte trifft.

    Ich glaube schon, dass sich mein Erlebnis- und Wissensschatz vergrößert durch die Dinge, die ich in filmen sehe oder in Büchern lese, genauso, wie ich mich durch manches Werk in meinen eigenen Erfahrungen bestätigt fühle. Finde beides berechtigt und in den verschiedensten Genres wieder, also sprich von deutscher Provinz bis hin zum All.

    Mag abgenutzt klingen, aber sofern ein Film mit Ehrlichkeit gemacht wird, sofern er sein Millieu oder den Ort, an dem er spielt, nicht nur benutzt, kann er von mir aus spielen, wo er will. Da seh ich immer wieder hin. Nur das „nicht benutzen“ ist das Schwere, weil die Gratwanderung so schwierig ist.

    Mir ist nicht ganz klar, wen du meinst mit: begabte Kopisten vollziehen nach … die Einverleibung des Hässlichen in den Mainstream. Redliche Versuche …

    Redliche Versuche, find ich, wie gesagt, ok. Was wirklich grandios ist, lässt sich doch oft erst nach jahren sagen. Wenn ein Film nicht mehr am
    aktuellen Geschehen gemessen wird oder aus der Ferne kommt. Mit den Kinoträumen von Schönheit und Ferne geht es mir so wie mit den Western.
    Sie lassen sich nicht mehr ungebrochen erzählen. Und wie gesagt, manches, finde ich, entfaltet seine Schönheit erst mit Abstand.

    Elke

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