07 Januar, 2020

Der Spalt



In Nuri Bilge Ceylans UZAK (Türkei 2002) gibt es eine vielsagende Szene, in der Mahmut, die von Muzaffer Özedemir gespielte Stellvertreterfigur des Regisseurs, den unerwünschten Verwandten aus der Provinz mit der Monotonie eines eigentlich geliebten Films – Tarkowskis STALKER – bewusst vertreibt. Kaum hat sich der vermeintliche Banause zum Schlafen zurückgezogen, legt Mahmut einen billigen Porno ein. 

Dieser Moment hat sich mir eingeprägt, nicht zuletzt, weil ich diese kulturelle (oder cinephile) Doppelmoral von mir selbst kenne. Es treibt mir heute noch die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich daran denke, wie ich gegenüber dem neuen Musiklehrer im Gymnasium (in der 8. Klasse, glaube ich) behauptet habe, „nur Klassik” zu hören. Das stimmte durchaus nicht, aber ich wollte als einer gelten, der „klassisch” gebildet war und schämte mich ein bisschen für die Kleinbürgerlichkeit meiner Eltern, in deren Leben für Musik wenig Platz war. 

Auch heute lege ich mir manchmal Bücher auf den Nachttisch, deren kulturelles Kapital mich anzieht, die ich aber eigentlich gar nicht lesen möchte. Und im DVD-Regal liegt mancher Hochkaräter und wartet, während billigere Vergnügungen bevorzugt werden, oft mit vorgeschobenen Begründungen. Dass ich dieses Theater auch ohne Zeugen, nur für mich selbst aufführe, ist das eigentlich Verrückte. 

Ich vermute, der Spalt zwischen Sein und Schein (oder Sein-wollen) ist nicht endgültig zu überwinden, aber immer wenn es gelingt, empfinde ich das als Gewinn. Als Erzähler wünsche ich mir, in Zukunft öfter als bisher dem „inneren Schweinehund” zu seinem Recht zu verhelfen, ohne ihn deshalb zum Leitwolf zu machen *. Das ganze Bestiarium der eigenen Wünsche, Sehnsüchte, Empfindungen soll Platz haben, im Leben, auf dem Nachttisch – und natürlich auch im Kino.


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(Das wäre vielleicht auch eine brauchbare Populismus-Definition: den Schweinehund zum Leitwolf machen.)

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