04 Mai, 2008

Frau Jesus und das schöne Leid

SIE
Mir fällt auf, dass die Frauen in euren Filmen fast immer „ein Problem” haben oder regelrecht krank sind, was mich auch insofern erstaunt, als dass ich deutsche Frauen, wenn man das pauschal so sagen kann, oft als stark und in einem positiven Sinne emanzipiert erlebe.

ICH
An welche Filme denkst Du?

SIE
„Montag kommen die Fenster”, „Identity Kills”, „Der Wald vor lauter Bäumen”, „Madonnen”. Es gibt noch viele andere. Auf „Milchwald” trifft das natürlich auch zu.



Judith Engel in MILCHWALD (2003)

ICH
Siehst Du, was das Frauenbild betrifft, Unterschiede zwischen den Filmen die von Frauen inszeniert wurden („Der Wald vor lauter Bäumen”, „Madonnen”) und denen der männlichen Kollegen?

SIE
Die Filme sind natürlich alle sehr unterschiedlich, aber ich sehe zumindest keine klare Grenze zwischen Männerblick und Frauenblick. Die Filme der Männer sind womöglich fiktiver, aber das könnte Zufall sein. Die Frauen bei Angela Schanelec sind so ... unentspannt wie bei Oskar Röhler.

(Lachen)

ICH
Was denkst Du steckt hinter dieser Häufung?

SIE
Ich hatte gehofft, Du hättest vielleicht eine Antwort.

ICH
Ich weiss nicht, was die Kollegen sagen würden, aber ... Was sicher eine Rolle spielt, sind Vorbilder. Es gibt ja am Horizont des „Kunstfilms” bestimmte Fixsterne – „Persona” (Bergman, 1960), „Il deserto rosso” (Antonioni, 1964) „A Woman Under the Influence” (Cassavetes, 1974). Aber auch Filme wie „Gertrud” (Dreyer, 1964), „Marnie” (Hitchcock, 1964), „Wanda” (Loden, 1970) oder „Martha” (Fassbinder, 1974) fallen mir ein. Deren Strategie, gesellschaftliche Erschütterungen auf weibliche Figuren zu übertragen, hat großen Einfluß gehabt, glaube ich.



Monica Vitti in IL DESERTO ROSSO (1964)

SIE
Dann wäre euer Kino epigonal?

ICH
Das kann man so sehen. Aber die leidende Frauenfigur als Projektionsfläche männlicher Sensibilitäten geht noch viel weiter zurück und spielt in der realistischen Tradition europäischer Literatur eine zentrale Rolle, von Flaubert (Madame Bovary, 1856) über Strindberg (Fräulein Julie, 1889) und Ibsen (Hedda Gabler, 1890) bis Fontane (Effi Briest, 1895).

SIE
Die Beispiele, die Du genannt hast, sind aber doch in einem ganz anderen Kontext entstanden. Das waren doch unglaublich avancierte Positionen damals, Ausdruck eines neuen emanzipatorischen Klimas. Die Entdeckung der Frau gewissermassen - während eure Filme fast krampfhaft nach Frauen suchen, die einen Hau haben und die starken Frauen aussen vor lassen.

ICH
Du würdest sagen, das ist Ausdruck eines neuen Sexismus?

SIE
Ob der neu ist, weiss ich nicht. Es ist für die Regisseure aber offensichtlich reizvoll, sich mehr oder weniger kranke Frauen vorzustellen und sie dann zu „behandeln”. Aber das scheint Dir egal zu sein.

ICH
Es nützt ja nichts, wenn ich jetzt beteure, wie sehr mir Gleichberechtigung am Herzen liegt. Ich versuche mal, von den ganz allgemeinen Erklärungen abzusehen. Warum haben wir in „Milchwald” eine solche Figur geschrieben, warum habe ich sie so besetzt und inszeniert? Wahrscheinlich weil ich damals der Meinung war, dass Frauen tatsächlich „krisenbegabter” sind, will heissen: sie leben Krisen und Gefühle oft stellvertretend aus, zum Beispiel für ihre Männer. Das ist so eine Art Jesus-Motiv, wenn man so will. Leid und Erlösung. Ich weiss nicht, ob Du das nachvollziehen kannst. Aber ich wollte damit doch um Gottes Willen nicht sagen, dass alle Frauen so sind oder sein sollten. Es hat uns dramatisch interessiert.

SIE
Aber ich finde, die Verhältnismässigkeit stimmt nicht. Es gibt ja eigentlich gar keine positiven oder sagen wir besser: lebenstüchtigen Frauenfiguren im deutschen Gegenwartskino. Ich meine nicht Sympathie, sondern ein „in-der-Welt-sein”. Ich hätte Lust, Frauen im Kino zu sehen, die im Leben stehen. Statt dessen sehe ich Opfer und Gespenster, Hysterikerinnen und ätherische Wesen.

ICH
Ich verstehe, was Du meinst. Aber geht es Dir um Repräsentation oder um Geschlechterpolitik?

SIE
So formuliert klingt das ja beinahe anrüchig.

ICH
Überhaupt nicht. Aber diese summarische Perspektive ist letztlich kulturpolitisch. Über die eigene Fantasie kann man schlecht Rechenschaft ablegen.

SIE
Das verlangt ja auch niemand...

ICH
Ich würde auch gerne mehr „ganze” Frauen im Kino sehen, keine Frage. Würde das nicht notwendig eine viel handlungsorientiertere Dramaturgie erfordern?

SIE
Wäre das so schlimm?

ICH
Gar nicht, was ich meine ist nur: Wer sich für das, sagen wir: Innerliche interessiert, im Kino, wird sich von Aussenseitern, von Leidenden, von Verwundeten angezogen fühlen. Weil sie etwas sichtbar machen. Ob Männer oder Frauen spielt da erst mal keine Rolle.

SIE
Das klingt, als würde ich Kraft-durch-Freude-Parolen ausgeben. Blonde deutsche Frauen, die zupacken können...

(Lachen)

ICH
Nein, aber die gesunde, im Leben stehende Figur braucht womöglich einen Krimi, um in Bewegung zu kommen. Was die weite Verbreitung dieses Genres im Fernsehen erklären könnte.

SIE
Die guten „Normalos” geraten schuldlos in Gefahr... Ja, das ist das andere Ende des Spektrums. Aber dazwischen liegen Billionen Möglichkeiten.

ICH
Wenn Du Dich umsiehst im Gegenwartskino, welche Figuren oder Filme kommen Dir da in den Sinn? Als positive Beispiele?

SIE
Es gibt nicht viele Filme, die mir einfallen. Ich mag die Filme von Agnès Jaoui, Barbara Albert, Claire Denis, Naomi Kawase, Lucrecia Martel, um jetzt mal ein paar Frauen zu nennen. Die Frauenfiguren bei Abdellatif Kechiche, also in „L'Esquive” (2004) und „La Graine et le Mulet” (2007) sind toll, finde ich. Dominik Graf gelingen immer wieder gute Frauenrollen, wenn auch meistens in Männergeschichten. Aber es ist frustrierend, wie wenige Hauptrollen für Frauen man überhaupt sieht im Kino. Und wenn die wenigen dann alle Passionsgeschichten erzählen, stimmt irgend etwas nicht...



LA CIÉNAGA (2001) von Lucrecia Martel

Dieser Wortwechsel ist eine freie Komposition verschiedener Gespräche mit verschiedenen Leuten zum Thema „Unsere Frauen”. Diskussionsbeiträge sind willkommen.

Kommentare:

  1. Die Frage nach der Inszenierung ihrer Frauenfiguren habe ich Dominik Graf, Christian Petzold (zu "Gespenster") und Rainer Knepperges (zu "Die Quereinsteigerinnen") gestellt. Nach anfänglichem Eingeständnis, darüber noch nicht nachgedacht zu haben, folgten meist Hinweise aufs Genre (Graf: Melodram, Petzold: Märchen) und Vorbilder (Petzold: Lynch, Lemke; Knepperges: Lemke) und dann doch recht tiefe Verbeugungen vor der Stärke des "schwachen Geschlechts":

    Graf: "Vielleicht ist das aber auch nur ein männlicher Wunsch: Zeuge dieser Kraft zu werden, mit der sich da eine Frau durch die Wüste schleppt und am Ende etwas näher bei sich ankommt." (Über Katharina Eichhorn in "Der Felsen") (http://wayward-cloud.blogspot.com/2008/05/der-neue-film-von-dominik-graf.html)

    Petzold: "Ja, die Männer sind immer Söhne. Die Frauen müssen viel aushalten, sie müssen gebären und sich anschließend um die Männer kümmern, die nicht zu Ende geboren sind."
    (http://filmtext.com/start.jsp?mode=3&thema=I&key=32)

    Rainer Knepperges erzählt mir, dass er am Set durch Nina Proll und Claudia Basrawi ähnlich überfordert war wie der von ihm verkörperte Telekom-Manager Harald Winter im Film und eigentlich meistens auf ihre Einfälle und Gags reagiert hat.
    http://www.freitag.de/2006/34/06341303.php

    Klaus Lemke hat mal in einem Interview erzählt, dass die Boys, die er sich vor die Kamera holt, meist nach drei Tagen ihr Pulver verschossen haben.

    Vielleicht sollte man also weniger ein Zuviel an hysterischen, leidenden, kaputten Frauen im deutschen Kino beklagen als ein Zuwenig an Typen, die ihnen das Wasser reichen können.

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  2. Ja, das ist die andere Seite der Medaille. Starke Männerfiguren im deutschen Gegenwartskino sind wirklich rar. Warum ist das so?

    Christoph

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  3. Ein paar Überlegungen zum Thema habe ich hier veröffentlicht:

    http://wayward-cloud.blogspot.com/2008/06/hose-runter.html

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  4. Hallo Julia,

    HOSE RUNTER --- sehr interessanter Text auf Deinem (sowieso sehr schönen) Blog.

    Die erste Antwort, die aus dem Kulturwald schallt, wenn man nach der Abwesenheit der „klassischen” Männerfiguren fragt, lautet ja: „Drittes Reich”.

    Aber die männliche Heldenfigur war schon vorher eine Ausnahme, glaube ich. Natürlich, unter Goebbels Oberleitung ist Hans Albers auf der Kanonenkugel geritten und Luis Trenker hat mit dem Berg gekämpft --- aber es gab nicht annähernd das Selbstbewusstsein, die Dynamik und erotische Strahlkraft von, sagen wir, James Cagney, Cary Grant oder Henry Fonda im deutschen Kino. Auch die Männlichkeit von John Wayne, Clark Gable oder Robert Mitchum hatte nie ein Gegenüber. Die besten Regisseure vor und auch während der Nazizeit haben selten in den Heldengenres gearbeitet (etwa im Bergfilm als dem „deutschen Western”) und - mit der großen Ausnahme Fritz Langs - auch keine neuen Genres begründet. Die Männerfiguren bei Murnau (Nosferatu, Der letzte Mann, Faust, Tartüffe), Wiene (Das Cabinett des Dr. Caligari), Lubitsch (Die Puppe, Die Austernprinzessin, Madame Dubarry etc.), Pabst (Die Büchse der Pandora!), Sternberg (Der blaue Engel), Sirk (La Habanera), Schünzel (Victor und Victoria) usw. haben fast immer einen Schlag ins Lächerliche, wenn die Lächerlichkeit nicht sogar direkt Thema ist. Und die Gesichter, die einem sofort einfallen sind dann doch eher „Charakterschauspieler”: Peter Lorre, Heinrich George, Conrad Veidt, Gustaf Gründgens (der als „Schränker” in „M” ein toller Gangsterchef ist, aber eben doch weit davon entfernt, ein „Held” zu sein) und nicht die Harry Piels des deutschen Films. Auch Fritz Lang, der große Innovator des Genrekinos (Abenteuer: Die Spinnen, Agenten: Spione, Science Fiction: Die Frau im Mond, Metropolis, Superhelden: Dr. Mabuse, Fantasy: Die Nibelungen) hat selten überzeugende männliche Helden hervorgebracht, finde ich...

    Vielleicht ist diese Perspektive auch ungerecht, weil durch die Schablone des amerikanischen Erfolges gesehen...

    C.

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