26 März, 2026

Alexander Kluge (1932-2026)

„Die Kategorie Zusammenhang ist immer in der Krise.” A.K.

Alexander Kluge, der Filmemacher, Erzähler, Denker, Rechtsanwalt und Unternehmer, ist tot. Ein bundesrepublikanischer Leibniz, der wie kein Zweiter das geistige Leben dieses Landes geprägt und begleitet hat. Er hatte eine unnachahmliche Art, Dinge, Gedanken und Menschen zu verbinden. Immer wieder war er Geburtshelfer von Gruppen, ohne je selbst in einer aufzugehen. Als Adornos Assistent kam er in Berührung mit Fritz Lang, an der Ulmer HfG hat er sich zusammen mit Edgar Reitz an einem Bauhaus des Films versucht, als Autor von Kurzgeschichten („Lebensläufe”, „Chronik der Gefühle”, „Die Lücke, die der Teufel lässt”) war er mit der Gruppe 47 verbunden, war Mitinitiator und Mitverfasser des Oberhausener Manifests, mit Oskar Negt hat er am Schnittpunkt von Soziologie und Philosophie gearbeitet (2001 erschien als schöne Summe verschiedener gemeinsamer Bücher „Der unterschätzte Mensch”). Er war treibende Kraft hinter Kollektivfilmen wie DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), DER KANDIDAT (1980), KRIEG UND FRIEDEN (1982) und mehreren Portmanteau-DVDs wie NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE (2008) und FRÜCHTE DES VERTRAUENS (2009); an letzterer durfte ich, zusammen mit Christian Petzold, mitwirken. Das kollektiv verfasste, von ihm herausgegebene Buch „Bestandsaufnahme: Utopie Film“ (1984) ist bis heute ein zentrales Referenzbuch für mich, viele seiner dort formulierten Thesen haben sich als prophetisch erwiesen. Mit dem Fernsehunternehmen DCTP, das erst durch seine listenreiche Lobbyarbeit als „Kulturfenster” im Privatfernsehen möglich wurde, hat er gewissermaßen eine neue alexandrinische Bibliothek errichtet aus Interviews und essayistischen Fernsehformaten; „Themengärten”, die heute online frei zugänglich sind. Zu Gast waren Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler, immer wieder Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Peter Berling, Hannelore Hoger, Helge Schneider und zahllose andere, die er mit seiner ruhelos-sanften Flüsterstimme produktiv überforderte, auch weil er weniger Fragen stellte als freie Assoziationsketten auszubreiten. Unter seinen Kinofilmen leuchtet für mich sein programmatisch betiteltes Debüt ABSCHIED VON GESTERN (1966) am hellsten; Mit DER ANGRIFF DER GEGENWART AUF DIE ÜBRIGE ZEIT (1985) hat er den vielleicht schönsten und originellsten Filmtitel deutscher Sprache erfunden. Zu meinem Glück bin ich Kluge immer wieder begegnet, zwei mal habe ich ihn (mit-) interviewt, er hat Kino-Geschichten in Revolver veröffentlicht, unsere Zeitschrift war sogar einmal Gegenstand einer seiner SendungenAlle seine Filme, Gespräche und Bücher haben etwas ermunternd Vorläufiges und sagen: Fortsetzung folgt. Von nun an ohne ihn. Unvorstellbar, aber wir müssen es trotzdem versuchen, seine Gedanken im Gepäck.


P.S.: Auf NDR Kultur und Deutschlandfunk Kultur habe ich versucht, in knapper Form über Alexander Kluge Auskunft zu geben.

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