16 März, 2025

Autodämmerung

Weil gerade so viel vom Niedergang der deutschen Automobilindustrie die Rede ist, kam mir der Gedanke, die Jahrzehnte währende Dominanz auf diesem Feld könnte der prägendste kulturelle Einfluss der BRD auf die Welt gewesen sein - bedeutsamer womöglich als Bildende Kunst, Literatur, Musik oder Film.

Zugegeben eine etwas schräge Perspektive, aber Autos sind eben nicht nur Gebrauchsgegenstände, sondern „Weltinnenräume“, in denen entscheidende Lebensmomente, vom ersten Kuss bis zum tränenreichen Abschied, stattfinden und geprägt werden. In Justine Triets ANATOMIE D’UNE CHUTE sagt Sandra Hüllers Figur einmal (frei nach Françoise Sagan): „Geld macht nicht glücklich, aber es ist schöner, in seinem Auto zu weinen als in der U-Bahn.” Bestimmte Designentscheidungen, Stichwort: Klappbare Sitze, haben die Art verändert, wie wir leben, lieben … und einkaufen. Autodesign ist Ausdruck einer Weltsicht und bis zu einem gewissen Grad auch „deutscher Lebensart“.

Filmemacher sind mit den Möglichkeiten dieser Räume besonders vertraut, denn Autos stellen einen attraktiven Widerspruch für das Kino dar: die möglichen Einstellungen sind extrem limitiert, aber innerhalb der Konvention werden kleine Unterschiede umso bedeutsamer, die räumlichen Zwänge sind dramatisch, auch weil Figuren nicht ohne weiteres anhalten oder aussteigen können, weshalb sich Autos als Orte der Angst und „Druckkammern der Gefühle“ (Christian Petzold) empfehlen, die Figuren sind gefesselt, aber werden bewegt – im Auto doppelt sich mithin die Disposition Kino, denn auch die Zuschauer tauschen Immobilität mit der Bewegung im „Fenster”.

Und obwohl ich selbst nicht Auto fahre und mein eigenes Leben nicht sehr „automobil” ist, und obwohl zumindest das traditionelle Drehen in Autos unbequem und unbefriedigend ist (zu eng, zu unflexibel, zu langsam, zu teuer etc), spielen Autos auch in meinen Filmen 
eine große Rolle. Zu meinem Vergnügen hier eine kleine Auswahl von Momenten auf Rädern:

Das Taxi als Gefühls-Kapsel: Sarah Masuch in FIEBER (1999)
Gefängnis oder Rettung? Sophie Conrad im Minibus in MILCHWALD (2003)
Berührt von der Hand des Staates: Constantin von Jascheroff versucht ein Lächeln im
Polizeiauto in FALSCHER BEKENNER (2005)

Verpanzerte Gefühle: Robert Hunger-Bühler und Nicolette Krebitz lassen sich chauffieren
in UNTER DIR DIE STADT (2010)

Container des Schicksals: Stefan Kurt im Gefangenentransporter in EINE MINUTE DUNKEL
(2011)
Ein Dialog wird umkreist: Drehort Auto in DIE LÜGEN DER SIEGER (2014)

Küsse hinter Glas: Thea Ehre in BIS ANS ENDE DER NACHT (2023)

Das Auto als Ort forcierter Entscheidungen: Sophie Verbeeck und Marc Limpach in
LA MORT VIENDRA (2024)

2 Kommentare:

  1. Das ist keine schräge Perspektive, sondern völlig klar: kein anderes deutsches Produkt der Nachkriegszeit hat sich derart über den Globus verteilt; der Übergang vom Land der Dichter und Denker zu dem der Ingenieure hat sich bereits in der Nazizeit vollzogen. Interessant ist aber auch hier der kulturimperialistische Einfluss der USA, der sich von maßlosen Motorisierungen bis hinab zu obligaten Klimaanlagen und Getränkehaltern niederschlägt. Die Schlichtheit und Funktionalität „klassisch-deutscher“ Modelle von Mercedes, Porsche und VW ist aufgeschäumter Angeberei und der Orientierung an Bequemlichkeit gewichen, als solle das Auto Wohnzimmer-Qualitäten entfalten, eben wie diese US-Schiffe, mit denen man ins Autokino fuhr oder tagelang quer durchs Land.
    Herzliche Grüße
    Peter Uehling (wir hatten vor viiielen Jahren einen kurzen Mailwechsel über meine Rezension von Unter dir die Stadt in der Berliner Zeitung zu seligen Anke Westphal-Zeiten)

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    1. Hallo Herr Uehling, ob das oversizing und „Aufschäumen” wirklich Ausdruck von Kulturimperialismus ist, würde ich bezweifeln, aber richtig ist, dass die deutschen Firmen irgendwann anfingen, Designbüros in Kalifornien aufzumachen und die amerikanische Idee von Automobilität mit „unserer” längst verschmolzen ist... Unseren Dialog zu UNTER DIR DIE STADT habe ich (jedenfalls auf die Schnelle) nicht mehr gefunden... die Anke-Westphal-Ära ist ja leider lange vorbei und die Zeitung ohnehin nicht mehr wiederzukennen. Grüße! CH

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